The Patriot

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
26. Juli 2000
Abgelegt unter:
CD

Score

(4.5/6)

Ein amerikanischer Kritiker schrieb über den Film Der Patriot und speziell zu Mel Gibsons Rolle: „Braveheart mit dem Dreispitz“. Bei dem von Mel Gibson gespielten Benjamin Martin dürfte es sich wohl in der Tat um einen ähnlich zwiespältigen Charakter handeln: „Ich habe schon immer befürchtet, dass mich meine Sünden eines Tages heimsuchen würden und die Strafe höher ist, als ich ertragen kann“. Der desillusionierte Kriegsheld hütet ein dunkles Geheimnis: er war im Krieg gegen Franzosen und Indianer (French and Indian War, 1754-1763; in Europa ab 1756 „Der siebenjährige Krieg“) an Greueltaten beteiligt. Nun, im Augenblick bleibt für ein Einschätzen des am 3. August 2000 anlaufenden Films nur das vorliegende Pressematerial sowie der Kinotrailer. Anmerkungen zum Film und dem Filmbuch werden daher später nachgereicht.

In den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts flammte der schon länger schwelende Konflikt zwischen der britischen Krone und den amerikanischen Kolonien nachhaltig auf und eskalierte schließlich in dem, was man historisch auch „Die amerikanische Revolution“ nennt. Roland Emmerich hat mit Der Patriot offenbar ein opulentes historisches Drama im Stil des großen klassischen Erzählkinos inszeniert, das dem „Golden Age“ in Vielem verpflichtet ist. In der Vorbereitungsphase beschäftigten sich der Regisseur und sein Team mit Gemälden der Ära, um das Zeitkolorit zu studieren und sahen sich auch eingehend klassische Filme von John Ford und Howard Hawks an. Verschiedene Einstellungen der sorgfältig inszenierten Aufmärsche erinnern auch an Stanley Kubricks Barry Lyndon (1975).

Sorgfältige Ausstattung im historischen Detail und ausgeklügelte Kamera-Arbeit gehen mit einer subtilen Farbdramaturgie einher und könnten der Garant für ein zumindest optisch eindrucksvolles Kinoerlebnis werden. Zwar will Emmerich groß angelegte Schlachten inszenieren, aber den Krieg nicht vordergründig ästhetisieren. Das Grauen manifestiert sich nachhaltig in einer besonders abschreckend brutalen Aktion der Briten: Der Verbrennung sämtlicher Einwohner einer Gemeinde in der Dorfkirche. Mögen auch die Charaktere des Films zum Teil zu schwarz-weiß gestrickt sein, etwas Derartiges hätte der Regisseur sicher nicht ohne konkreten historischen Bezug zu inszenieren gewagt. Immerhin erinnert diese Aktion überdeutlich z. B. an die im Osten während des Zweiten Weltkrieges von Deutschen begangenen Verbrechen. Wohl auch aus diesem Grund ist der Film im britischen Mutterland ziemlich ungnädig aufgenommen worden.

John Williams hält sich bei Der Patriot ebenfalls mit lärmendem „Hurra-Patriotismus“ und dem musikalischen Feiern von Siegen zurück. Auf der CD erklingt so auch nur ein einziges Mal schemenhaft ein Traditional, „British Grenadiers“, an — in Track 12, „Facing the British Lines“; und in Track 16, „Yorktown and the Return Home“, gibt es keinen musikalischen Reflex der britischen Kapitulation, sondern vielmehr optimistisch pastorale Töne als Hoffnung auf eine friedvolle Zukunft zu hören. Dies hat sicher jene enttäuscht, die mehr kämpferisches Pathos à la Star Wars erwartet haben. Nun, ich denke, dass Williams hier richtig entschieden hat und schon im ersten Track ein zwar heldenhaftes, aber nicht allzu pathetisches, breit ausschwingendes Thema vorstellt, dass das Zeug zum Ohrwurm hat — im Vergleich dazu wirkt z. B. Jerry Goldsmiths Hauptthema zu Air Force One deutlich „patriotischer“.

Das Hauptthema zu Der Patriot zeigt Americana-Touch und wird von Mark O’Connor nach dem einleitenden Gitarrensolo auf der Violine vorgetragen und anschließend vom vollen Orchester in typischer Williams-Manier mit Posaunen- und Hörner-Einsatz prächtig gesteigert. Im farbigen, folkloristisch angehauchten „To Charleston“ zeigt die Musik Parallelen zu In einem fernen Land. Hier präsentiert der Komponist ein Stück weitgehend heile Welt, in der der Krieg noch weit entfernt zu sein scheint. In „The Colonial Cause“ begegnet dem Hörer das noble Hauptthema in gekonnt variierter Form ein weiteres Mal. Im weiteren Verlauf gibt Williams allerdings der Atmosphäre und den dunkel reflektierten Gefühlen der agierenden Personen den Vorrang vor breit angelegten Action- und Schlachtmusiken. In „Redcoats at the Farm“ symbolisiert beispielsweise der harte militärische Trommelrhythmus die Brutalität der Aktion, ohne dass zusätzliches orchestrales Pathos gebraucht wird, und die düsteren, von Stabglocken begleiteten Klänge sowie das anschließende herbe Streicher-Requiem verleihen der Trauer um den ermordeten jüngsten Sohn, Thomas, zurückhaltend, aber eindeutig Ausdruck. Die Musik ist auch anschließend überwiegend introvertiert und ruhig. Einige Passagen erinnern an Der Soldat James Ryan und Geboren am 4. Juli.

Auch wenn diese Komposition keine Innovationen bietet, ist sie sicher nicht bloß durchschnittlich geraten. Williams hat hier auf solide befestigtem Terrain sehr sauberes, keineswegs uninspiriertes Handwerk geliefert. Ich denke, dass die Komposition im Film auch gut funktioniert und der in Vielem wohl eher traditionell inszenierte Stoff im übrigen wenig Raum für musikalische Neuerungen geboten hat. Filmmusik war und ist in erster Linie eine Gebrauchsmusik, die ihren Zweck primär im Film erfüllen muss. Auch diesem neuesten Opus von John Williams dürfte dies gelingen und darüber hinaus geht die Musik auch allein von CD gut ins Ohr. Die Silberscheibe wird man (meines Erachtens nicht unwichtig) auch später gerne immer wieder einmal auflegen — etwas, das so manchem „Meisterwerk“ zweifellos seltener vergönnt ist.

Fazit: Über Roland Emmerichs Historien-Epos Der Patriot lässt sich im Augenblick nur unter Vorbehalt etwas sagen. Das vorliegende Pressematerial hat mich aber erstmals seit langem auf einen neuen „Emmerich“ neugierig gemacht. Nach handlungsmäßig eher trashigen, auf Special-Effects optimierten Filmen wie Godzilla (1998) und dem penetrant patriotischen und kriegsverharmlosenden Independence Day (1996) hat ja vielleicht Der Patriot das Zeug zum zumindest einigermaßen überzeugenden Kinoerlebnis. Hingegen, dass John Williams Komposition nicht floppt, erscheint jetzt schon fast sicher. Seine handwerklich gute Tonschöpfung bewegt sich auf solide befestigtem Terrain und angenehmerweise bleibt der Hörer von triefendem Pathos verschont. Die insgesamt eher ruhige, nachdenklich und teilweise pastoral angelegte Musik verfügt über einige melodisch mitreißende Einfälle, die zudem vortrefflich orchestriert sind. Die CD ist damit empfehlenswert, nicht ausschließlich für Williams-Fans.

Komponist*in:
Williams, John

Erschienen:
2000
Gesamtspielzeit:
ca. 72 Minuten
Sampler:
Hollywood Records
Kennung:
0112442HWR

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