The Merchant of Venice

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
4. November 2005
Abgelegt unter:
CD

Score

(4/6)

The Merchant of Venice

Um Kinoadaptionen der Stücke des britischen Dramatikers William Shakespeare ist es seit Anfang des Millenniums ruhig geworden. Nach Kenneth Branaghs Love’s Labour’s Lost • Verlorene Liebesmüh (2000) hat sich nun Regisseur Michael Radford des Schauspiels „Der Kaufmann von Venedig“ angenommen und mit einer veritablen Riege hochkarätiger Kräfte (Al Pacino, Joseph Fiennes und Jeremy Irons) für das Kino bearbeitet. Damit hat sich der Regisseur zweifellos einem Wagnis unterzogen, für das er einige Kritik hinnehmen musste. Ist doch das ehedem von berühmten Männern wie Franz Grillparzer und Otto Ludwig bewunderte Shakespeare-Stück seit der NS-Ära in Verruf gekommen. Ihm wird in der Figur des titelgebenden, als rachsüchtiger Bösewicht erscheinenden, jüdischen Händlers Shylock antisemitische Tendenz unterstellt. Regisseur Radford hat diese Klippe letztlich gekonnt umschifft, indem er in einem Prolog die gespannte Situation zwischen Juden und Nichtjuden im Venedig der Renaissance eindeutig herausarbeitet. Damit wird der Stoff wieder zu dem, was er ursprünglich auch sein sollte: kein antisemitisches Lehr- und Hetzstück, sondern vielmehr lebendiges, das Leben spiegelndes Theater. Die Figur des Shylock ist zwar schauspielerisch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts häufig als Bösewicht interpretiert worden, aber dabei hat man Shakespeare wohl eher (bewusst oder unbewusst) missverstanden. Er ist vielmehr ein gequälter Außenseiter, der seine Chance gekommen sieht, sich an einer antisemitischen Gesellschaft zu rächen. Das ist menschlich zumindest verständlich.

Die bislang nur ganz vereinzelt für den Film tätige Komponistin Jocelyn Pook hat sich dem Stoff ausgeprägt historisierend genähert. Ihre musikalische Untermalung illustriert hierbei kaum die Handlung, setzt vielmehr ausgeprägt auf stimmige Atmosphäre der Epoche. Entsprechend bildet die Musik ein gelungenes Sammelsurium aus folkloristischen Elementen, jüdischen Gesängen, Sakralem und Source-Stücken im Stile der Renaissance. Dabei unterstreicht die übrigens selbst die Solo-Viola spielende Komponistin das vermittelte Gefühl von Authentizität nicht allein durch die recht zahlreich eingesetzten Renaissance-Instrumente. Sie setzt auch auf stimmige vokale Einlagen von der Solovocalise über das Kunstlied bis zum Chor. Der Countertenor Andreas Scholl interpretiert zwei Lieder und die blutjunge Sopranistin Hayley Westenra (siehe unten) ist in der „Bridal Ballad“ zu hören.

Auch wenn man über weite Strecken meinen könnte, die Musik sei tatsächlich authentisch, also konsequent adaptiert worden, so ist dies nur teilweise richtig. Jocelyn Pook hat hier durchaus vergleichbar mit Miklós Rózsa in Ivanhoe gearbeitet, hat nur einige Themen auf existierenden Melodien des Mittelalters und der Renaissance basierend erarbeitet. Weitere Themen sind im Stil der Zeit der Filmhandlung gehaltene eigene Schöpfungen. Den Liedern liegen, bis auf Edgar Allan Poe in „Bridal Ballad“, Originaltexte der Epoche zugrunde.

Alles in allem ist Pooks Musik zu The Merchant of Venice ein sehr stimmungsvolles Höralbum und für Besucher des Films zweifellos ein besonders reizendes Souvenir. Die Musik pendelt zwischen ein wenig Deleruehaft historisierenden und dezent romantisch wirkenden Musikteilen. Wertungsmäßig erscheinen mir hierfür dreieinhalb bis vier Sterne als stimmig, letztere in jedem Fall im Sinne einer Albumwertung.


Mehrteilige Rezension:

Folgende Beiträge gehören ebenfalls dazu:


Komponist*in:
Pook, Jocelyn

Erschienen:
2005
Gesamtspielzeit:
53:22 Minuten
Sampler:
Decca
Kennung:
475 6367

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