The Cell

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
7. Dezember 2000
Abgelegt unter:
CD

Score

(5/6)

Einen Albtraum in opulenten Bildern und aufwändigen Kostümen schuf der mit Videoclips und Werbefilmen für Nike, Levi’s und Coca-Cola bekannt gewordene Regisseur Tarsem Singh mit seinem Spielfilmdebüt The Cell. Was einst, genauer 1982, noch recht harmlos begann als Übertragung aufgezeichneter Hirn-Eindrücke auf Testpersonen in Brainstorm • Projekt Brainstorm – ist hier zur visuellen Tour de Force gesteigert worden. In The Cell werden nicht Gedanken übertragen, es wird in das Bewusstsein anderer eingetaucht und in diesem buchstäblich umhergewandert. Letzteren Part übernimmt im Film die attraktive Therapeutin Cathrine Deane (Jennifer Lopez), die sich auf einen gefährlichen Trip in die Psyche eines schizophrenen Massenmörders begibt, wo sich Phantasie und Realität kaum mehr trennen lassen…

Das Ergebnis ist eine im wahrsten Wortsinn sehenswerte opernhafte Bilderflut in abstrakte Geisteswelten, mit unheimlichen, verstörenden und zum Teil auch schockierenden Bildern: eine interessante Mischung aus Science-Fiction und Serienmörder-Genre. Die surrealen visuellen Eindrücke sind von Einfallsreichtum und Fantasie geprägt: teilweise bedrückend düsteres Labyrinth voller dunkler Ecken, aber auch lichter Schneepalast und riesige Barbie-Puppen-Stube. Ein visueller Stilmix aus verschiedensten Quellen, mitunter zwar hart an der Grenze zum Kitsch, aber in sich doch weitgehend stimmig. Dies gilt ebenfalls für die Kostüme der japanischen Designerin Eiko Ishioka, deren Kreationen von Einflüssen der unterschiedlichsten Kulturen und Traditionen geprägt sind. Ebenso vielschichtig sind die zum Teil provozierenden Make-Up-Designs von Michele Burke, die Anregungen von der Renaissance bis zur Avantgarde und obskurer Pop-Kultur miteinander raffiniert verschmolzen enthalten.

The Cell ist ein Film, in den man sich kaum verlieben wird, aber einer, der interessante neuartige Akzente setzt und deswegen den Kino-Besuch lohnt. Ähnliches gilt für die hervorragende Musik von Howard Shore, einem modernistisch experimentellem Werk, das ebenso eigenwillig geraten ist wie der Film, für den es komponiert wurde. Einem konventionellen großen Sinfonieorchester (London Philharmonic Orchestra) steht ein marokkanisches Ensemble (Master Musicians of Jajouka), das auf folkloristischen Instrumenten spielt, gegenüber – eine Art Versinnbildlichung von realer Ordnung und virtuellem Seelen-Ritual. Keineswegs gibt es hier Einschmeichelndes aus 1001-Nacht zu hören, sondern beide Ensembles musizieren dissonant und streckenweise atonal, was teils beunruhigende, aber auch ungewöhnlich faszinierende Klang-Kombinationen zur Folge hat. Ruhigen, eher sphärisch meditativen Passagen stehen komplexe und dabei faszinierend auskomponierte Steigerungen und komplexe Klangschichtungen gegenüber, die den aufgeschlossenen Zuhörer in ihren Bann ziehen können. Das was wir mit der arabischen Musik assoziieren, ein Gefühl des Rituellen und von hierarchischer Strenge, passt zur vielschichtigen Story und funktioniert letztlich im Film sehr überzeugend. Howard Shores Tonschöpfung erzeugt einen starken Sog und liefert dem Hörer zum Teil verwirrende, kaum konkret fassliche musikalische Impressionen und damit ein musikalisches Pendant zu den eigenwillig abstrakten und zum Teil ebenso verwirrenden Bildern des Films.

Ich habe die CD bereits vor dem Kinoerlebnis gehört und bin von der Musik unmittelbar stark beeindruckt worden. Sicherlich ist Shores Musik keine leicht fassliche Klangschöpfung zum Entspannen oder nebenbei Hören, aber wohl eine der ungewöhnlichsten und dabei auch interessantesten Filmmusik-Veröffentlichungen des Jahres 2000 geworden. Für mich ist diese stark atmosphärische Komposition auch ohne Bild eigenständig und packend anhörbar – die sicherlich ebenfalls gekonnt auskomponierten herben Streicherharmonien zu Silence of the Lams • Das Schweigen der Lämmer empfinde ich hingegen ohne (Film-)Bild rasch monoton.

Fazit: Regisseur Tarsem Singhs Spielfilmdebüt The Cell ist eine bildgewaltige, in vielem verwirrende fantastische Reise in die Abgründe der menschlichen Seele: kein Film zum Mögen im herkömmlichen Sinne, aber einer, den man sich trotzdem ansehen sollte. Howard Shores Klangschöpfung geht ähnlich unkonventionelle Wege wie der Film. Ethnische (arabische) Instrumente bestreiten zusammen mit einem stark besetzten konventionellen Sinfonie-Orchester das Terrain. Keine Folklore wird geboten, sondern modernistische Klangstrukturen beider Ensembles gehen eine überzeugende Symbiose ein und erzeugen ein überzeugendes Pendant zu den albtraumhaft visionären Filmbildern.

Sehr erfreulich ist, dass es offensichtlich mutige Produzenten gibt, die sich trauen, eine derart weitab vom Main-Stream angesiedelte Filmmusik dem Interessierten zugänglich zu machen. Darüber hinaus belegt diese Komposition aber ebenso, dass Filmmusik mitunter eine interessante Spielwiese für außergewöhnliche Experimente sein kann. Wer nicht allein auf Melodie im klassischen Sinne aus ist, wer dazu für raffinierte Klangexperimente offen ist, dem sei Howard Shores Musik zu The Cell nachdrücklich empfohlen – ein wahrhaft „unerhörtes“ Hör-Erlebnis wird garantiert.

Komponist*in:
Shore, Howard

Erschienen:
2000
Gesamtspielzeit:
59:31 Minuten
Sampler:
Silva
Kennung:
FILMCD 346

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