The Brothers Karamazov

The Brothers Karamazov
Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
27. Dezember 2004
Abgelegt unter:
CD

Score

(4.5/6)

Nach The Prodigal (1955) und Home from the Hill (1960) ist The Brothers Karamazov • Die Brüder Karamasow (1957) jetzt die dritte Musik des zuvor diskografisch völlig unterrepräsentierten Polen Bronislaw Kaper auf FSM.

Die mit über 100 verschiedenen Charakteren bevölkerte, überaus komplexe und verschachtelte Story dieses Wälzers der Weltliteratur ist in seiner epischen Breite unverfilmbar. Trotz aller Probleme und essentiellen Verluste, die sich aus Straffung und Kondensation der einzelnen Handlungsstränge ergeben, hat der Stoff seit der Stummfilmära verschiedentlich Regisseure zur Umsetzung gereizt. Originellerweise hat das populäre blonde Sex-Symbol der Fifties, Marilyn Monroe, das Interesse an einer weiteren Verfilmung des Stoffes nachhaltig gepuscht, nachdem sie öffentlich bekundet hatte, gerne die weibliche Hauptrolle spielen zu wollen.

Der Film von Regisseur Richard Brooks (Brute Force, The Professionals, Elmer Gantry) nach F. Dostojewskijs Roman entstand 1957. MGMs glamourös inszenierte Scope-Version dürfte vielen Zuschauern nicht zuletzt durch zwei ihrer Hauptdarsteller, Glatzkopf Yul Brynner und die blonde Maria Schell, im Gedächtnis sein.

Wie der Komponist Bronislaw Kaper bemerkte, hatte er sich seinerzeit bereits dafür interessiert, die Vertonung der deutschen Tonfilmadaption von 1931, Der Mörder Dimitri Karamasow, vorzunehmen – die dann von Karol Rathaus ausgeführt wurde (biografische Infos zu Kaper in ticker tape Home from the Hill). Gegenüber Tony Thomas äußerte Kaper, er habe zum einen die russische Zigeunermusik der Ära als klangkoloristische Färbung genutzt und zum anderen die gewalttätigen Teile der Geschichte musikalisch an Prokoffief orientiert.

Das Liebesthema für Dimitri und Grushenka ist im Stile eines Walzers mit russischem Flair gehalten und erfüllt im Score eine zentrale Funktion. In geschickten Arrangements und Variationen wird das Aufflammen und Abflauen der Liebesaffäre dieses zentralen Paares überzeugend gespiegelt. Und neben dem ebenfalls russisch gefärbten Thema für Ilusha wird der Score noch mit einigen knappen Motiven gestaltet, die für das Verhältnis der besagten Brüder Karamasow stehen. Teile der Musik sind in ihrer mitunter unterschwellig brodelnden Intensität auch von stark atmosphärischer Natur. Sie fungieren als psychologisierender Reflex auf die in Teilen ebenso düstere und unterschwellig gewalttätige Handlung. Einen auffälligen Kontrast zur über weite Strecken anzutreffenden Düsternis bildet das heiter und scherzohafte „Sapling“ (Track 6).

Kapers Score zu The Brothers Karamazov ist eine dissonanzreiche, gemäßigt moderne Filmkomposition, die geschickt auf die Stimmungen der Filmhandlung eingeht. Eine Filmkomposition, bei der Lyrisches und düster Atmosphärisches neben einzelnen furiosen, harschen Klangausbrüchen steht, in denen wilde Läufe das Klaviers bezeichnend sind. Viel versprechend stimmt bereits der sehr dramatisch und wild bewegte Main Title auf das kommende Drama ein. Er ist durchsetzt mit dissonanten Crescendi und markanten Einsätzen der Stabglocken.

Neben den kompletten rund 51 Minuten Score sind auf dem FSM-Album – praktisch bis zur Kapazitätsgrenze – noch weite Teile der im Film eingesetzten Source-Cues vertreten. Interessanterweise finden sich in Teilen dieser Stücke auch thematische Bezüge zur Kaper-Musik. So dient der zentrale, als Liebesthema fungierende Walzer hier als Hintergrundmusik in einer Zigeuner-Taverne – gespielt auf einem Cimbalom (Hackbrett). Und im letzten Track erhält auch Yul Brynner einen, im finalen Filmschnitt allerdings nicht verwendeten, kurzen Gesangsauftritt.

Stilistisch ist die Karamosow-Musik schwierig einzuordnen und auch der Booklet-Text ist hier m. E. nicht durchweg völlig stimmig geraten. Ähnlichkeiten zu zentralen Kompositionen Prokoffiefs sind mir nahezu gar nicht bewusst geworden, im Unterschied zu beispielsweise Waxmans Taras Bulba, wo diese unmittelbar auffallen. Die eher gemäßigt moderne und über weite Teile (in den Dialogpassagen) auch kammermusikalisch durchsichtig gehaltene Schreibweise der Musik erinnert mich stilistisch eher ein wenig an Benjamin Britten, an den frühen Alban Berg und auch Dimitri Schostakowitsch.

Die Aufnahme der Musik erfolgte in einer kurzen Zeitspanne in der zweiten Hälfte der 50er, wo MGM eine Reihe von CinemaScope-Produktionen allein mit Mono-Ton herausbrachte. Entsprechend erfolgten die Musikeinspielungen auch nur monoral. Der Sound der vorliegenden Tonmaster ist allerdings besonders frisch, klar und sehr gut durchhörbar; von der bei Monoaufnahmen (zwangsläufig älteren Datums) oftmals berüchtigten Enge und Trockenheit im Klang ist hier praktisch nichts zu spüren. Bronislaw Kaper pflegte seine Musiken weder selbst zu orchestrieren noch zu dirigieren – letzteres erledigte hier der MGM Music Director Johnny Green höchstpersönlich.

Auch gelöst vom Bild ist Kapers dramatische und packende Filmmusik eine mehr als nur hörenswerte Komposition. Sie liegt jetzt erstmals überhaupt auf CD vor. Das FSM-Album ist damit eine willkommene Bereicherung der Dank FSM markant erweiterten Kaper-Discografie.

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen Programms zum Jahresausklang 2004.

Komponist*in:
Kaper, Bronislaw

Erschienen:
2003
Gesamtspielzeit:
79:10 Minuten
Sampler:
FSM
Kennung:
Vol. 6 No. 16

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