Home from the Hill

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
23. März 2000
Abgelegt unter:
CD

Klingende Schätze aus dem MGM-Archiv: Das ticker-tape-Label präsentiert zwei Filmmusiken, die nach der stimmigen Terminologie der Zeitschrift Film Score Monthly in der Übergangszeit vom Golden Age zum Silver Age liegen: Home from the Hill • Das Erbe des Blutes (1960) von Bronislaw Kaper und I’ll Cry Tomorrow • Und morgen werde ich weinen (1956) von Alex North. Wie schon die fünf Miklós-Rózsa-Veröffentlichungen des gleichen Labels (Valley of The Kings, The King’s Thief, Lust for Life, Tip on a Dead Jockey und Plymouth Adventure), liegen auch hier die vollständigen Original-Einspielungen auf CD vor. Erfreulicherweise klingen diese beiden gehobenen Schätze dazu noch überaus edel: Beide Filmmusiken sind abgenommen von hervorragend frischen Magnet-Stereo-Tonmastern, denen man das respektable Alter von 40 bzw. 45 Jahre kaum anmerkt.

Der Film Home from the Hill • Das Erbe des Blutes (1960) ist ein texanisches Ehe- und Beziehungsdrama, welches, obwohl seinerzeit durchaus erfolgreich, heute weitgehend Patina angesetzt haben dürfte. Im deutschen Fernsehen ist der Film bislang noch nicht gezeigt worden. Die Filmmusik ist eine der etwa 100 Schöpfungen von Bronislaw Kaper (1902-1983) für Hollywood. Kaper wurde 1902 in Warschau geboren, begeisterte sich schon als Kind nachhaltig für das Klavierspiel und war später wohl einer der besten Pianisten im Hollywood des Golden Age. Kaper ging in den Zwanzigern, ähnlich wie Franz Waxman (siehe hierzu auch Mr. Skeffington), nach Berlin und erlebte das auch musikalisch faszinierende Flair dieser vor der Nazi-Ära glitzernden Weltmetropole. Auch Kaper zeigte eine Begabung für das „gekonnt Leichte“ und komponierte anspruchsvolle Lieder. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wich er nach Paris aus, wo ihn Louis B. Mayer 1935 aufspürte – Mayer war während eines Frankreichurlaubs durch ein damals viel gespieltes Lied auf Kaper aufmerksam geworden. Was folgte, entsprach fast dem Beginn einer Bilderbuchkarriere: Innerhalb einer Stunde nämlich stand der Komponist bei MGM unter Vertrag und siedelte Anfang 1936 in die USA über – damit blieben dem Komponisten die oft bedrückenden Probleme vieler Emigranten schon im Vorfeld erspart. Ein Senkrechtstart in Hollywood gelang Kaper mit dem Titelsong des Films San Francisco, den er zusammen mit Walter Jurman schrieb. Infolge dieses Anfangserfolges musste sich der Komponist zunächst ausschließlich mit dem Komponieren von Songs beschäftigen; erst ab 1940 gelang es ihm, sich auch sinfonisch zu profilieren. Neben vielen Komödienmusiken – für die Kaper ein besonderes „Händchen“ hatte – entstanden auch dramatische Filmmusiken, deren wohl berühmteste die zur 1962er Verfilmung von Muntiny on The Bounty • Meuterei auf der Bounty mit Trevor Howard und Marlon Brando geworden ist. Unglücklicherweise hat es nur eine Handvoll seiner Filmmusiken auf Tonträger gegeben, und zur Zeit dürfte die vorliegende CD – neben einigen Auszügen aus dem Musical Lili (1952) – die einzige regulär auf dem Markt verfügbare Filmmusik-CD des Komponisten sein – selbst die (überaus unzulängliche) LP-Fassung der berühmten Meuterei auf der Bounty ist nicht erhältlich! Hier gibt es also noch viel zu tun und zweifellos auch zu entdecken: Insofern ist die vorliegende Veröffentlichung besonders zu begrüßen.

In Home from the Hill (1960) präsentiert sich der Künstler als subtiler Meister des Orchesterhandwerks und, wie zu erwarten, als sehr guter Melodiker. Neben dramatisch auskomponierten dunklen Musikpassagen als musikalischem Reflex der komplexen Emotionen der handelnden Figuren enthält die Partitur gekonnte, gefühlvolle Einlagen sowie charmante Americana-Anklänge. Das eingängige Hauptthema wirkt wie ein „Lied ohne Worte“ und durchzieht leitmotivartig die Filmkomposition in gekonnten Variationen. Stellenweise erinnerte mich die Musik an Dimitri Tiomkins Giant • Giganten (1956). Die leichten Tanzmusikanklänge im ersten Track, der als „Ouvertüre“ ausgewiesen ist, kann man als noch dezenten Vorboten der Pop-Ära interpretieren. Die CD enthält offenbar alles, was die Studiomaster hergaben, und ist mit 73 Minuten nahezu randvoll bestückt. Das Booklet ist recht ordentlich, einzig das überaus grob gerasterte Covermotiv ist etwas enttäuschend geraten.


Mehrteilige Rezension:

Folgende Beiträge gehören ebenfalls dazu:


Komponist*in:
Kaper, Bronislaw

Erschienen:
2000
Gesamtspielzeit:
72:31 Minuten
Sampler:
ticker tape
Kennung:
tt 3017

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