Jarhead

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
24. April 2006
Abgelegt unter:
CD

Jarhead

Der britische Regisseur und Oscarpreisträger Sam Mendes (American Beauty) hat in Jarhead — Willkommen im Dreck die Erinnerungen Anthony Swaffords, ehemaliger Scharfschütze bei den US-Marines, im zweiten Golfkrieg 1990/91 im Sinne einer bissigen Satire umgesetzt. Jarhead bedeutet dabei Totenkopf und steht hier für die kahlgeschorenen Schädel der US-Marines.

Dass die meiste Zeit im Krieg mit Warten vergeht, ist bereits in Leo Tolstois berühmten Roman über die Napoleonische Ära, „Krieg und Frieden“, zu lesen. Swofford und tausende andere Kameraden müssen über Monate in der heißen Wüste die Zeit totschlagen, um den Beginn der Operation „Desert Storm“ zu erleben. Und als es dann wirklich losgeht, erleben sie den High-Tech-Krieg völlig anders als erwartet: kaum durch Berührung mit dem Gegner, eher geisterhaft, meist nur aus der Ferne. Primär seine Auswirkungen in nie zuvor gesehenen Zerstörungen begegnen den Vorrückenden. Abgerichtet aufs Töten kommt Scharfschütze Swofford einfach nicht zum Schuss, immer ist die Luftwaffe zuerst am Zuge. Und so geht es vorbei an massenweise ausgebrannten Autowracks, verkohlten Leichen und durch den die Sonne verdunkelnden pechschwarzen Rauch, der von brennenden Ölquellen aufsteigt. Nach rund vier Tagen ist alles vorbei: Amerika feierte seinen „Sieg“ mit einer Konfettiparade für die heimkehrenden „Helden“ …

Zum eher gespenstischen, fast grotesk anmutenden modernen Kriegsszenario hat Thomas Newman einen typischen, fast durchweg collagehaften Score geliefert. Minimalismen und ausgeprägte Rhythmik bestimmen das akustische Geschehen, Thematisches spielt nur eine untergeordnete Rolle. Dabei kommt wie gewohnt allerlei ausgefallenes Instrumentarium zum Zuge. Neben akustischen Instrumenten setzt Newman außerdem auf deren elektronische Imitation. Das verwendete Streicherensemble verstärkt er beispielsweise noch mit einer speziellen Form der elektrischen Violine. Und so verschwimmen die Grenzen zwischen akustischen und elektronischen Sounds, werden im Zusammenwirken mit viel wabernder Klangsynthetik ähnlich fließend und verschwommen, wie die Konturen im dichten Rauch der riesigen Brände. Damit resultiert ein oftmals unwirklich anmutender, schwebender Klangeindruck, der durch einige Oldies sowie Rap- und Rocksongs ergänzt und aufgelockert wird.

Das Album zu Jarhead besteht im Wesentlichen aus einer Folge collageartiger Klangschichtungen und aus Klangräumen. Ein Konzept, das zusammen mit den Filmbildern sicher eine adäquate atmosphärische Wirkung entfaltet. Allerdings, abseits des Kinoerlebnisses funktionieren die stark der Ambient-Music verpflichteten Klangdesigns weniger gut. Zwar bietet die CD einige recht gut anhörbarer Stücke, aus denen sich mancher eine ordentliche Hörfassung zusammenstellen können wird. Ob sie allerdings mehr ist als nur ein solides Filmsouvenir, das kann jeder nur für sich entscheiden. Mit den Cinemusic.de-Wertungskriterien kommt man hier nicht sehr weit, drum entfällt die Vergabe von Sternen.

Komponist*in:
Newman, Thomas

Erschienen:
2005
Gesamtspielzeit:
61:33 Minuten
Sampler:
Universal Decca
Kennung:
988 8461

Weitere interessante Beiträge:

Philip Glass: Symphony No. 4 „Heroes“

Philip Glass: Symphony No. 4 „Heroes“

Quo Vadis (Prometheus-Neueinspielung)

Quo Vadis (Prometheus-Neueinspielung)

Sibelius: Karelia Suite

Sibelius: Karelia Suite

Mondän, Vol. 2

Mondän, Vol. 2