Taras Bulba

Geschrieben von:
Marko Ikonić
Veröffentlicht am:
25. September 1999
Abgelegt unter:
CD

Score

(5/6)

Taras Bulba

Der Film Taras Bulba, ein J.-Lee-Thompson-Kostümepos aus dem Jahre 1962, spielt im sechzehnten Jahrhundert und beschreibt den Kampf ukrainischer Kosaken gegen ihre polnischen Besetzer. Yul Brynner ist in der Titelrolle des Kosakenführers zu sehen, sein Sohn Andrei wird vom noch blutjungen Tony Curtis verkörpert. Christine Kaufmann mimt Natalia, die Tochter eines reichen Polen, in die sich Andrei unsterblich verliebt. Seine Liebe zu ihr bringt ihn im Handlungsverlauf dazu, sein eigenes Volk zu verraten und in der finalen Schlacht, die der Eroberung der Stadt Dubno gilt, auf polnischer Seite zu kämpfen.

Die großartigen Panoramaaufnahmen mit hunderten von berittenen Kriegern wären ohne eine passende Musik unvorstellbar. Franz Waxmans Score, der vorletzte in seiner Laufbahn (er starb 1967 an Krebs), wurde hier völlig zurecht für den Oscar nominiert. Es ist eine der Filmmusiken, die von der ersten Sekunde an packend ist und es bis zum Ende bleibt. Bereits in der „Overture“ wird klar, dass man es ausgiebig mit üppigen Rhythmen zu tun haben wird. Waxman greift dabei auch gekonnt auf die Idiome großer russischer Meister wie Sergej Prokofieff und Dmitri Schostakowitsch zurück. Wenn man das schmissige Kosakenthema hört, möchte man am liebsten kasatschok-ähnliche, äußerst peinlich anzusehende Tänze aufführen. Hinweg mit Techno und Konsorten, dieser Beat geht in die Beine… Auch Natalias Thema hat in diesem ersten Stück einen kurzen aber prägnanten Auftritt. Es kehrt in „The Sleighride“, „No Retreat“, „The Wishing Star“ und natürlich „The Battle Of Dubno & Finale“ wieder.

In „The Birth Of Andrei“ lernen wir Andrei’s Thema kennen; hier in Form eines lieblichen Wiegenlieds, das im Film die rührende Szene untermalt, in der der sonst so raubeinige Taras seinen neugeborenen Sohn liebevoll in einem Bach tauft. Diese Melodie kommt an zwei weiteren Stellen im Score vor. Einerseits in „Leaving Home“, als es für Andrei Zeit wird, mit seinem Vater gegen die Polen in den Kampf zu ziehen, andererseits im tragischen Schluss des Films. Aufgrund des Verrats ist der Vater gezwungen, seinen geliebten Sohn zu töten. Der Zyklus vollendet sich: Geburt, Erwachsenwerden und Tod des Andrei werden von derselben Musik begleitet.

Einen hohen musikalischen Spannungsfaktor weisen auch immer die Szenen auf, in denen Andrei von jemandem verfolgt wird. Dies ist beispielsweise in „Chase At Night“ und „The Black Plague“ der Fall. Das erste der beiden genannten Stücke begleitet Andrei’s Flucht vor feindlichen Studenten in Kiew, das zweite ist zu hören, als in Dubno bereits die Pest ausgebrochen ist und der junge Kosake verzweifelt Natalia unter den kranken Menschen sucht. Dramatische Höhepunkte des Scores sind die Tracks „The Ride To Dubno“ und „The Battle Of Dubno & Finale“. Dabei gestaltet „The Ride To Dubno“ sich besonders interessant, da die Lautstärke und die Palette orchestraler Effekte kontinuierlich mit den Kosakenstämmen zunimmt, die sich Taras während des turbulenten Ritts nach Dubno anschließen. Eine orchestrale Tour-de-Force, die mit Sicherheit nicht grundlos als einer von ganz wenigen reinen Filmmusik-Cues Einzug in das sonst eher gestrenge und für derlei Neuzugänge filmmusikalischen Ursprungs wenig empfängliche klassische Konzertrepertoire gehalten hat. Und dabei auch kaum vom üblichen Nasenrümpfen begleitet wurde.

Einzig schade: Bei der Ryko-CD von 1999 handelt es sich um eine separate Aufnahme des Scores mit verkleinertem Ensemble, die, wie damals üblich, nur zum Zweck der kommerziellen Nutzung auf Schallplatte gemacht wurde. Obwohl die CD in sauberem Stereo erklingt, fällt der Klang für meinen Geschmack wesentlich zu direkt und bisweilen auch flach aus. Darüber kann man aber hinwegsehen und sollte dafür dankbar sein, dass dieser wichtige Score endlich einem breiten Publikum zugänglich ist. Wer eine gute Aufnahme mit größerem Klangvolumen hören möchte, kann sich die Silva-Screen-Kompilation „Warriors Of The Silver Screen“ zulegen. Die Prager Philharmoniker zeigen dort in einer 12-minütigen Suite, dass Waxmans eindrucksvolle Musik auch in weitläufiger Konzertsaal-Akustik ihren Reiz nicht verliert.

Komponist*in:
Waxman, Franz

Erschienen:
1999
Gesamtspielzeit:
44:08 Minuten
Sampler:
Ryko
Kennung:
RCD 10736

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