The Blue Planet

Geschrieben von:
Marko Ikonić
Veröffentlicht am:
30. Mai 2004
Abgelegt unter:
CD

Score

(3.5/6)

The Blue Planet und Deep Blue: George Fenton auf der Erfolgswelle

Der Engländer George Fenton konnte mit der großteils symphonischen Begleitmusik zur achtteiligen Dokureihe The Blue Planet • Unser Blauer Planet (2001) einen der bisher nachhaltigsten Erfolge seiner Karriere erzielen. Seit der ersten Ausstrahlung der bildgewaltigen BBC-Dokumentation (siehe BBC-Doku-Special, 2. Folge) wurde er nicht nur mit Fan- und Kritikerlob überhäuft; die große Aufmersamkeit, die die Dokumentarserie international erregte, rechtfertigte auch eine CD-Veröffentlichung mit praktisch weltweiter Distribution — eine echte Ausnahmeerscheinung, wenn es um Doku-Musiken geht. Seit Herbst 2001 ist der Komponist mit The Blue Planet überdies auf Konzerttournee. Erste Aufführungen des Spektakels „The Blue Planet Live!“ — mit Filmprojektion, voller Live-Orchester- und Chorbegleitung und Sprecher — in England, Dänemark, Hong Kong und den USA (Hollywood Bowl) sind bereits absolviert, weitere dürften folgen. Besonders stolz kann Fenton darauf sein, als erster Filmmusikaufnahmen mit den Berliner Philharmonikern gemacht zu haben. Denn für die Musik-Neueinspielung zum verwandten Kinofilm Deep Blue hat Simon Rattle „sein“ weltberühmtes Luxus-Orchester an den Landsmann ausgeliehen. Und auch dieser Score ist vor wenigen Tagen von einem großen Label auf CD veröffentlicht worden.

Filmmusiken, die auch die breite Masse zu begeistern vermögen, halten erfahrungsgemäß einer nüchternen kritischen Betrachtung oft nicht stand (siehe z. B. John Debneys The Passion of the Christ). Bei Fentons Partituren zu The Blue Planet und Deep Blue muss der Rezensent jedoch glücklicherweise nicht zum Spielverderber werden, der mit seiner Ratio alles madig macht. Es handelt sich in der Tat um gute breitorchestrale Vertonungen, gewürzt mit konventionellen Choreinlagen, einigen folkloristischen Einsprengseln, Jazzigem und etwas Elektronik.

Wirklich breit ausschwingende Melodien fehlen weitestgehend, selbst das (dennoch sehr prägnante) Hauptthema besteht nur aus einer schlichten Abfolge von 6 Noten (man vergleiche übrigens mit der „Execution“-Musik aus Fentons Anna and the King). Doch auf der Ebene kürzerer Motive macht der Komponist das mehr als wett. Einer fallenden, quasi „ausatmenden“ 3-Noten-Tonfolge gewinnt er im Laufe der jeweils ca. 60 Albumminuten zahlreiche gekonnte Variationen ab. Da das Blue-Planet-Album Musik aus mehreren der 8 Dokumentations-Folgen vereint, lässt sich daraus auf eine durchaus „spielfilmische“ Herangehensweise bei der Komposition schließen. Fenton illustriert also nicht nur einzelne Sequenzen, sondern bemüht sich auch um übergeordneten Zusammenhalt, indem er geschickt mit wiederkehrenden Motiven arbeitet. Hier leistet er um einiges mehr, als man von einer typischen Dokumentations-Tonspur gewohnt ist, die eher auf die passende Untermalung von Einzelmomenten abzielt. Es kann natürlich sein, dass er angesichts der enormen Lauflänge mit vielseitig kombinierbaren Basis-Musikblöcken jongliert und folglich nicht jede Szene individuell vertont hat. Am relativ geschlossenen Eindruck der Partituren ändert dies nichts.

Freunde musikalischer Meeresstimmungen werden ebenso bedient. Souverän wie eh und je nutzt der Tonschöpfer alles, was die westliche Symphonik an maritimen Klangstereotypen so zu bieten hat: Aufgewühlt von salzigen Brisen des Blechs wogen in Wellen die Streicher, lassen Becken zischend Gischtkronen schäumen. Für willkommene Abwechslung vom süffigen Orchesterklang stehen die genannten kleinen Ausflüge in Folklore und modernen Jazz. Dabei spannt sich der Bogen von lateinamerikanischen Flamenco-Rhythmen mit Gitarren und Flöten („Spinning Dolphins“ bzw. „Showtime“) bis zu relaxt jazzigen Nummern, in denen kerniger E-Bass und dezente Drumbeats zu hören sind („Thimble Jellyfish“, „Surfing Snails“, „Surf and Sand“).

Etwas problematisch ist der Einsatz synthetischer Klangflächen in den Tiefsee-Szenen. In diversen Interviews meinte Fenton, er könne sich partout nicht vorstellen, Aufnahmen aus mehreren tausend Metern Tiefe mit Orchestermusik zu unterlegen. Schließlich würden Instrumentalklänge (z. B. ein Cello) angesichts der Leere und undurchdringlichen Finsternis gezwungenermaßen aufgesetzt wirken. Dass ein üppiges Orchester-Tutti bei fast schwarzer Mattscheibe und null Geräuschkulisse unangebracht ist, mag stimmen. Jedoch hat gerade die Musiktradition des vergangenen Jahrhunderts unzählige Möglichkeiten aufgezeigt, wie man auch einem „normalen“ Symphonieorchester bizarre, „wie nicht von dieser Welt“ wirkende Klänge entlocken kann,. Die entsprechenden Teile der Scores hätten in rein akustischer Umsetzung wohl mindestens genauso überzeugend geraten können, zumal Fenton keine komplexen Sound-Designs, sondern eher simple atmosphärische Synthie-Klischees einsetzt.

Eines wird unsere Leser sicher brennend interessieren: Lohnt sich der Kauf von Deep Blue (erschienen auf Sony), wenn man bereits die Decca-CD zu The Blue Planet besitzt? Eine definitive Antwort auf diese Frage muss ich leider schuldig bleiben, kann aber wenigstens eine kleine Bestandsaufnahme bieten: Die neue Sony-CD enthält mehrere ausgedehnte Passagen mit bisher unveröffentlichter Musik. Etliche Stellen sind auf beiden Alben vertreten, einige wiederum nur auf jeweils einem der beiden. Hinzu kommt, dass sich kaum Tracks 1:1 gleichen. Die meisten Deep-Blue-Tracks etwa sind im Vergleich mit ihren älteren Pendants verlängert, gekürzt oder auch mit vorher nicht verfügbaren Musikausschnitten kombiniert worden. Wobei sich überhaupt die grundlegende Frage stellt: Hat Fenton für den Kinofilm tatsächlich neue Musik komponiert oder nicht einfach Teile aus seinem umfangreichen Blue-Planet-Gesamtmaterial hinzugezogen, die man bisher nur nicht so gut kannte, weil sie auf der Blue-Planet-CD fehlen?

Eines ist jedenfalls klar: Ob neu komponiert oder doch nur neu kompiliert — beide CDs sind großzügig bemessene (55 und 61 Minuten), nur in Teilen identische Auszüge aus einem Ozean an sehr ähnlich gelagerter Musik. Die Berliner Philharmoniker werden bei Deep Blue ihrem Ruf als besonders edler, charaktervoller Klangkörper gerecht. Sie sind mit hörbarem Ernst — und nicht ohne den nötigen Spaß — bei der Sache. Der Fairness halber muss jedoch gesagt werden, dass sich zwischen ihrem und dem ebenfalls sehr engagierten Spiel des BBC-Orchesters bei The Blue Planet keine Welten auftun.

Insgesamt hat man es schlicht und ergreifend mit zwei mehr oder weniger gleichwertigen schönen Höralben zu tun. Weshalb ich denen, die noch keine der beiden CDs haben, die Qual der Wahl ebenso wenig erleichtern kann. Wer gar nicht erst entscheiden möchte und sich beide zulegt, macht aber sicherlich auch keinen Fehler.

Komponist*in:
Fenton, George

Erschienen:
2003
Gesamtspielzeit:
55:14 Minuten
Sampler:
Decca

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