Taxi Driver

Geschrieben von:
Cinemusic.de - Team
Veröffentlicht am:
17. August 2002
Abgelegt unter:
CD

Score

(4.5/6)

Martin Scorseses Film Taxi Driver ist die Geschichte des traumatisierten Vietnamheimkehrers Travis Bickle (Robert de Niro), der in den Straßenschluchten des Molochs New York als Taxifahrer eintönige Arbeit verrichtet. Der Einzelgänger Bickle wird durch die ihn umgebende Atmosphäre aus Korruption und latenter Gewalt zunehmend psychisch deformiert. Er steigert sich in den missionarischen Wahn, einen Kreuzzug gegen das Böse unternehmen zu müssen, was zu einer Blutorgie führt …

Die Recording-Sessions zu Martin Scorseses Film Taxi Driver wurden am 23. Dezember 1975 abgeschlossen, und nur wenige Stunden später verstarb Bernard Herrmann. Im Jahr 1976 veröffentlichte das Arista-Label eine LP, die dieser Herrmann-Filmmusik nicht gerecht wird. Vielmehr handelte es sich um eine Veröffentlichung, bei der man versuchte, den kommerziellen Erfolg der herben Herrmann-Komposition – durch zusätzlich aus dem Material des Scores gearbeiteter Jazz-Piècen des Arrangeurs Dave Blume – zu verbessern. Nur auf einer Seite der LP sind Auszüge aus Bernard Herrmanns Original-Komposition (rund 10 Minuten) anteilig vertreten. Ansonsten finden sich auf der LP neben einer Album-Version des „Tagebuchs des Taxifahrers“ (De Niro rezitiert zu Herrmanns Musik aus den Tagebuchaufzeichnungen des Travis Bickle) ausschließlich arrangierte Jazz-Stücke.

Im Jahr 1988 wurde der alte LP-Schnitt auf CD wieder veröffentlicht. Rund 10 Jahre später erschien (1998 ebenfalls bei Arista USA) die diesem Artikel zugrunde liegende überarbeitete CD-Fassung. Diese Version präsentiert erstmals den vollständigen Herrmann-Score (rund 39 Minuten) chronologisch, an einem Stück und ergänzt als Bonus mit den interessantesten Piècen des LP-Albums.

Seinerzeit konnte ich mich mit dem eher unglücklichen LP-Schnitt der Taxi-Driver-Musik nicht anfreunden. Dagegen liefert die 98er-CD nicht nur ein erheblich überzeugenderes Bild von Herrmanns Musik, sondern macht überhaupt erstmals das zugrunde gelegte musikalische Konzept erkenn- und nachvollziehbar. Nur diese CD-Ausgabe wird dem Score gerecht und darf als die „definitive Edition“ der Musik bezeichnet werden. (Interessenten aufgepasst: Beide CDs sehen einander mit fast identischem Front-Cover zum Verwechseln ähnlich. Nur das deutlich anders gestaltete Backcover sowie das eindeutige Tracklisting geben den Unterschied auf den ersten Blick preis.)

Martin Scorseses Taxi Driver erlangte Kultcharakter durch Robert De Niro (mit Irokesenbürste) und die junge Jodie Foster. Taxi Driver zählt sicherlich zu den einflussstarken und damit wichtigen Filmen seiner Zeit, was nicht bedeutet, dass man ihn wertmäßig hoch einschätzen muss. Insbesondere die finale Gewalteruption wirkt selbst heutzutage noch extrem blutig und erscheint mir in ihrer eher überzogen ritualisiert wirkenden Inszenierung als problematisch.

Bernard Herrmanns Musik zählt – der trostlosen Filmhandlung entsprechend – zu den eher sperrigen Werken des Maestros und benötigt einiges Einhören. (Die zur Zeit auf zwei Herrmann-Samplern vertretene Kurz-Suite erleichtert den Einstieg und dürfte für manchen Sammler wahrscheinlich ausreichend sein.) Das lichte – wie die unwirkliche Vision einer heilen Welt wirkende – eingängige jazzige Saxophon-Thema ist eher Herrmann-untypisch. (Hier hat Christopher Palmer dem in Jazz unerfahrenen Herrmann unter die Arme gegriffen.) Durch den – wohl gewollten – stilistischen Bruch bildet es einen umso stärkeren Kontrast zu den typischerweise minimalistisch gearbeiteten Klängen der in tiefen Registern spielenden Instrumente wie Kontrafagott, Bassklarinette und Kontrabass. Wobei neben zum Teil gestopften Holz- und Blechblasinstrumenten Jazz-Combo-Percussions und Snare-Drums das triste musikalische Geschehen dominieren.

Die stark psychologisierende und atmosphärische Musik wirkt zugleich wie eine Halluzination und verströmt auch stark Monotonie – in Teilen ist auch eindeutig eine Tendenz zur Klang-Collage spürbar. Die Komposition reflektiert so eindringlich den seelischen Zustand der titelgebenden Figur. Wenn auch wohl nicht zu den ganz großen Werken Herrmanns zählend, handelt es sich doch um eine sehr inspirierte (letzte) Arbeit des Komponisten, mit intellektuellem Konzept, keinesfalls bloß um ein blasses Alterswerk. Erfreulicherweise wurde Herrmann sowohl für Taxi Driver und auch für die ebenfalls 1975 komponierte erstklassige Musik zu Obsession posthum für den Oscar nominiert.

In der jetzt zugänglichen Komplett-Fassung ist die Taxi-Driver-Musik sicherlich in erster Linie etwas für den Herrmann-Spezialisten, allerdings beweist auch diese überwiegend sehr düstere Klangschöpfung dem geduldigen Hörer das genau überlegte Kalkül ihres Schöpfers. Die Wahl und die Kombination der Herrmann-typischen Klangfarben wirkt in Teilen bizarr und verstörend. Herrmann zieht eine Parallele zu den Ereignissen in Psycho (1960), indem er das „Madhouse-Motiv“ verschiedentlich zitiert und damit eine musikalische Verbindung zwischen dem sich in Wahnvorstellungen hineinsteigernden – anfänglich keineswegs negativen – Taxifahrer Travis Bickle und dem paranoiden Mörder Norman Bates herstellt. Herrmann schafft durch diesen Kunstgriff elegant eine Verallgemeinerung: ein eindringliches musikalisches Psychogramm des Bösen in der menschlichen Natur. Besonders eindrucksvoll in der vieldeutigen, zynischen Schlussszene des Films, die fast schon die perfide Situation in Oliver Stones Natural Born Killers (1994) vorwegnimmt. Bickle ist Held des Tages, der Zuschauer sieht seinen Blick ein letztes Mal im Rückspiegel des Taxis, wobei Herrmanns erneut erklingendes „Madhouse-Motiv“ latente Gefahr suggeriert. Eine verschlüsselte musikalische Botschaft – er kann jederzeit wieder töten, er ist ein latenter Killer! -, die durch den Ausklang des Scores nochmals eindringlich unterstrichen wird: Besagtes Motiv bildet den Schluss der Abspannmusik und leitet über in einen abschließenden Beckenschlag.

Der Klang der Session-Tapes ist klar, rauscharm und gut durchhörbar. Wobei üblicherweise „on mike“ aufgenommen worden ist und damit das Klangbild fast völlig der konzertsaal-üblichen Raumtiefe entbehrt. Anstelle eines gewohnten Booklets gibt es ein etwas umständlich zu handhabendes Faltblatt, auf dem ein ordentlicher Kommentar der Album-Produzenten untergebracht ist.

Komponist*in:
Herrmann, Bernard

Erschienen:
1998
Gesamtspielzeit:
61:36 Minuten
Sampler:
Arista
Kennung:
07822-19005-2

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