Something Wild

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
20. September 2003
Abgelegt unter:
CD

Score

(4.5/6)

In Something Wild • Wilde Knospen (1961) geht es um eine vergewaltigte College-Schülerin, ihren aus Verzweiflung begangenen Selbstmordversuch und schließlich um die Bewältigung ihres Traumas im Großstadtmoloch New York – sie reicht ihrem Vergewaltiger, von dem sie ein Kind erwartet, die Hand. Nach dem Handbuch der Katholischen Filmkritik, dürfte der von Regisseur Jack Garfein unabhängig produzierte kleine Film vermutlich etwas sehr in Richtung Elendskolportage tendieren.

Aaron Copland (1900-1990) komponierte insgesamt nur acht Musiken für die Kinoleinwand – näheres zum Stil des außerordentlich renommierten amerikanischen Komponisten findet sich im Artikel zum wichtigen Telarc-Album „Celluloid Copland“.)

Coplands Tonsprache ist in der Musik zu Something Wild besonders spröde und in Teilen auch harsch, eher als psychologisierender Kommentar zu den Filmbildern angelegt. Nur vereinzelt, in einigen ruhigen, dezent pastoralen Momenten, finden sich leichte Anklänge an die typische Copland-Americana. Aber hier handelt es sich eher um eine in Betongrau reflektierte „Großstadt-Americana“ des als Schauplatz dienenden modernen New Yorks. Das den Score eröffnende „New York Profile“ kommt dementsprechend sowohl mit dissonant-jazzigen, teilweise ein wenig an Gershwin und Krenek erinnernden Sounds, als auch mit an North gemahnender motorischer Rhythmik daher. Einige der orchestralen, speziell der Bläser-Akkorde rufen auch etwas Leonard Rosenman in Erinnerung. In der Musik werden die vielfältigen Geräusche und damit sowohl die Unruhe als auch die latente Gewalt der Metropole gespiegelt. Dies gilt auch für das albtraumhafte „Subway Jam“, das neben dem Eröffnungsstück markanteste Teil der Partitur.

Die Hintergründe dieser CD-Veröffentlichung sind recht kurios. Die Musik wurde seinerzeit bei United Artists eingespielt und Regisseur Jack Garfein ließ davon für Werbezwecke eine handvoll LP’s pressen. Während die Originalbänder der Studio-Sessions verloren gingen, blieb überraschenderweise ein pressfrisches Exemplar der Promo-LP erhalten – von dem die vorliegende CD produziert worden ist. Das Resultat ist ein ordentlicher, recht klarer Mono-Sound, der nur ganz vereinzelt von ein paar, offenbar trotz digitaler Nachbereitung nicht vollständig entfernbaren Nebengeräuschen nur geringfügig beeinträchtigt wird.

Sehr informativ ist das Begleitheft. Es enthält eingehende Informationen zur Musik und auch einen originalen Kommentar des Komponisten zur Musik. Interessanterweise hatte dieser wohl ursprünglich gehofft, den Score auf LP veröffentlicht zu sehen, was sich nach den enttäuschenden Einspielergebnissen zerschlug. Copland verarbeitete die Musik zu Something Wild daraufhin in seinem Konzertwerk „Music for a Great City“.

Zweifellos ist das jetzt allgemein zugängliche CD-Album mit der Originaleinspielung der Filmmusik zu Something Wild eine sehr beachtliche und wertvolle editorische Leistung, welche die Copland-Diskografie um eine interessante Facette bereichert. Hier ist keinesfalls ein kommerzieller Renner zu erwarten, vielmehr dürfte diese historisch bedeutsame Veröffentlichung in erster Linie einen kleinen Kreis von Fortgeschrittenen und Spezialisten ansprechen.

Originaltitel:
Wilde Knospen

Komponist*in:
Copland, Aaron

Erschienen:
2003
Gesamtspielzeit:
35:08 Minuten
Sampler:
Varèse
Kennung:
VSD-6469

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