Celluloid Copland

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
13. Juni 2001
Abgelegt unter:
Sampler

Score

(5/6)

Aaron Coplands (1900-1990) filmmusikalisches Schaffen umfasst nur sechs Partituren für Spiel- und zwei für Dokumentarfilme. Das in vielem europäisch geprägte Hollywood zeigte ihm eher die kalte Schulter. Ein auf den ersten Blick überraschendes Phänomen: Immerhin galt der Name des berühmten Komponisten schon früh als ein Synonym für amerikanische Musik überhaupt. Der Stil seiner insgesamt etwas kühlen, wenig üppigen und unsentimentalen Film-Musiken steht in recht scharfem Kontrast zu dem seiner berühmten Kollegen des Golden Age, wie Max Steiner oder Erich Wolfgang Korngold. Coplands Filmkompositionen wirken zum überwiegenden Teil mehr wie autonome Konzertmusik. In seinen Musiken bevorzugt er einen transparenten, luftigen Orchestersatz, Schlichtheit im Ausdruck und vermeidet weitgehend leitmotivische Arbeit im gewohnten (wagnerischen) Sinne. In der klanglichen Konzeption steht Copland damit der europäischen Schule der „Neuen Sachlichkeit“ und Komponisten-Kollegen wie Georges Auric nahe. Besonders charakteristisch ist die Verwendung einfacher Themen und Rhythmen, die der Volksmusik entlehnt oder dieser nachempfunden sind. Zumindest teilweise liegt die Distanz zum gewohnten Hollywood-Sound aber auch in der Art der vertonten Filme begründet. So handelt es sich z. B. bei Of Mice and Men • Von Mäusen und Menschen (1940) um eine Verfilmung des sozialkritischen Romans von John Steinbeck, die weitab vom typischen Melodram-Stil Hollywoods angesiedelt ist.

Coplands typisch amerikanisches Musikverständnis und sein Americana-Stil beeinflussten primär spätere Komponistengenerationen, wobei Jerome Moross, Elmer Bernstein und Jerry Goldsmith nur einige Vertreter sind. Der wohl früheste Reflex von Copland-Americana in Filmmusik findet sich überraschenderweise in Broken Arrow • Der gebrochene Pfeil aus dem Jahr 1950. Diese Musik stammt von einem weniger bekannten Meister des „Golden Age“: Hugo Friedhofer! Ein Copland stilistisch nahe stehender, aber weniger geläufiger Zeitgenosse, dessen Film-Kompositionen kaum minder interessant sind, soll an dieser Stelle zumindest genannt werden: Virgil Thompson.

Das Telarc-Album präsentiert vier bislang nicht auf Tonträger erhältliche Filmmusiken Aaron Coplands: From Sorcery to Science (1939), The City (1939), The Cummington Story (1944) und The North Star (1943). Die beiden zuerst genannten Kompositionen entstanden anlässlich der 1939er Weltausstellung in New York. Bei From Sorcery to Science handelt es sich streng genommen nicht um eine Filmmusik, sondern um die musikalische Begleitung einer Puppen-(Theater-)Show.

Als Copland begann, sich für Filmvertonungen zu interessieren, war er bereits in den Konzertsälen ein etablierter und anerkannter Komponist – einer der wenigen übrigens, denen es gelang, sich allein mit Komponieren den Lebensunterhalt zu verdienen. Die hier vorgelegten vier Kompositionen sind auch deshalb interessant, weil sie in vielem die Basis für spätere (reifer ausgeführte) sehr bekannt gewordene „seriöse“ Werke bilden, wie das berühmte Ballet „Appalachian Spring“ (1944) und das Klarinettenkonzert (1950) – eine Tatsache, welche die oft gehörte Behauptung, Filmmusik sei grundsätzlich zweitrangig, ad absurdum führt. Teile der hier im Original zu hörenden Musik zu The City übernahm Copland in leicht bearbeiteter Form in seine bekannte Suite „Music for Movies“.

Die CD ermöglicht also interessante Hör-Einblicke in die Werkstatt des Komponisten. Hierbei zeigt sich allerdings auch, dass es Copland nicht immer gelungen ist, Klischees zu vermeiden. So sind die Exotismen in From Sorcery to Science für „The Chinese Medicine Man“ und auch „African Voodoo“ nicht besser, geschweige denn stimmiger als vergleichbares aus der filmmusikalischen Hollywood-Küche dieser Zeit. Die Musik zu The City ist ein besonders schönes Beispiel für Coplands transparenten, nicht opulenten, sondern sparsamen, dabei trotzdem effektiven, „konzertant“ wirkenden Stil der Film-Vertonung. In dieser Musik, wie auch in The Cummington Story, kommt auch besonders ansprechend die berühmte „Americana“ zum Ausdruck. Die Klangschöpfung zu The North Star hingegen – ein kaum bekannter sowjetfreundlicher Propaganda-Streifen – klingt am ehesten nach Hollywood. Nicht allein, dass Copland sich in Teilen der farbigen und dramatischen Komposition seinem russischen Kollegen Prokofjeff ([url id=]Alexander Newsky, Iwan der Schreckliche[/url]) stilistisch nähert, hier gewinnen auch (leit-)motivische Elemente einige Bedeutung.

Die sorgfältig kompilierten Suiten vom Eos-Orchestra unter Jonathan Sheffer werden mit einigem Elan interpretiert, und auch tontechnisch gibt es nichts zu bemängeln. (Dirigent Sheffer komponiert auch selber Filmmusik – unter anderem für den 1991er TV-Film Omen IV: The Awakening .) Das Telarc-CD-Album präsentiert sich als gelungene Repertoire-Bereicherung.

Komponist*in:
Copland, Aaron

Erschienen:
2001
Gesamtspielzeit:
59:24 Minuten
Sampler:
Telarc
Kennung:
CD-80583

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