Pakt der Wölfe

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
23. März 2002
Abgelegt unter:
CD

Score

(3/6)

Betrachtungen zu Film und Musik

Die Legende der „Bestie von Gévaudan“ verarbeitet Regisseur Christophe Gans in seinem Film Le Pacte des Loups • Pakt der Wölfe, der seit dem 14. Februar 2002 in den deutschen Kinos gezeigt wird.

1644Frankreich kurz nach dem Siebenjährigen Krieg. Das Ansehen der Krone ist nach der Niederlage in der Auseinandersetzung mit Großbritannien um die nordamerikanischen Kolonien angeschlagen. In diese Zeit fallen die mysteriösen Ereignisse im Gévaudan, einer dünn besiedelten Region in Südfrankreich. Mehr als 100 Menschen wurden dort zwischen 1765 und 1768 vermisst gemeldet. Leichenfunde zeigten grässliche Verletzungen, die von einem brutalen Angriff eines wilden Tieres stammen mussten. Die sich ausbreitenden Gerüchte drangen bis zum Hof nach Versaille. Als sich die Aufklärung der Vorfälle in die Länge zog und sich der Fall zur Staatsaffäre entwickelte, sah König Ludwig XV. seine Autorität in Gefahr. So ließ er einen furchterregenden Wolf erlegen und in Paris als die „Bestie von Gévaudan“ zur Schau stellen. Im Gévaudan verschwanden jedoch weiterhin Menschen unter unerklärlichen Umständen, die letztlich nie aufgeklärt worden sind …

Diese Ereignisse und einige der historisch echten Protagonisten bilden den Ausgangspunkt von Christophe Gans’ Film Pakt der Wölfe. Hier beauftragt der König den jungen, hochbegabten Naturwissenschaftler Grégoire de Fronsac (Samuel Le Bihan), einen Mann der Aufklärung, den Fall zu untersuchen. Begleitet von seinem Freund und Blutsbruder, dem Irokesen Mani (Mark Dacascos), beobachtet er das Treiben im Gévaudan, wo die adlige Familie von Jean-François de Morangias (Vincent Cassel) das Sagen hat. Nach und nach reift in Fronsac der Verdacht, dass ein menschliches Wesen das Ungeheuer lenkt und einen wahrhaft teuflischen Plan verfolgt.

Nach weiteren Todesfällen erscheint im Auftrag des Königs Gouverneur Beauterne mit Soldaten, um die Aufklärung des Falles voranzutreiben. Schon nach wenigen Tagen meldet er die Erlegung der Bestie. Beauterne ruft Fronsac zu sich und präsentiert ihm aber nur einen ganz normalen Wolf. Es gelingt ihm den jungen Wissenschaftler durch in Aussicht gestellte königliche Gunst zu bewegen, an der Verschleierungs-Aktion teilzunehmen, das erlegte Tier zur Bestie zu „stylen“ und in Versaille dem König zu präsentieren. Doch Fronsac will die wahren Hintergründe des Falles ergründen und kehrt mit Mani nach Gévaudan zurück …

Bis hierhin ist der Film recht gut gelungen: Eine sehr gute Kameraarbeit in Verbindung mit schönen, historisch stimmigen Interieurs, herrliche Landschaften im Wechsel der Jahreszeiten und dazu eine Handlung, die von ordentlichen bis guten darstellerischen Leistungen getragen wird – dass mir Samuel Le Bihan als Grégoire de Fronsac etwas zu modern wirkt, ist primär eine Angelegenheit individuellen Geschmacks. Wie Regisseur Gans anschließend auf seine Lösung der Mär hinarbeitet, gerät allerdings zu einer recht abstrusen, naiven Mixtur aus Polit-Verschwörung, religiösem Fanatismus und Mystischem, Fantasy- und Horror-Elemente inklusive, wobei das Ganze noch mit einer Gießkanne voll Martial-Arts übergossen wird. Das so angerichtete visuelle Mahl ist nur bedingt bekömmlich. Die fernöstlichen Kampfszenen passen absolut nicht in das historische Umfeld, geraten infolge übermäßigen Gebrauchs gar völlig zum Stilbruch: In einer Zeit spielend, in der die Kavaliere – wie Scaramouche der galante Marquis – mit dem Degen kämpften, sieht man davon im Film nicht einen einzigen, vielmehr geht es mit fantasyhaften, fernöstlichen Kampfwerkzeugen und Schwertern gar heftig zur Sache.

1645Sicher müssen Kinofilme, die unterhalten wollen, nicht immer wissenschaftlich korrekte und auch nicht exakt logische Lösungen oder Konstrukte anbieten, sie müssen aber im Rahmen ihrer verwendeten Stil- und Handlungselemente und dazu auch atmosphärisch stimmig bleiben, um überzeugen zu können. Hier ist Tim Burtons Sleepy Hollow ein gelungenes Beispiel für ein in sich sehr gut umgesetztes Gesamtkonzept. Mit Regisseur Christophe Gans hingegen gehen jedoch, insbesondere im letzten Filmdrittel, komplett die Gäule durch. Seine Filmstory gerät so zur völlig konstruierten „barocken“ Folge von Akte X mit Hongkong-Arts-Touch. Vom – in einem Interview mit dem Regisseur genannten – „Entdecken zeitgenössischer Themen aus historischer Perspektive“ ist dabei kaum etwas übrig geblieben. Auch die computeranimierte, zwar flinke, aber etwas staksige Bestie wirkt wie ein aus Tim Haines Urzeit-Rekonstruktionen für die BBC (siehe hierzu „Dinosaurier – Im Reich der Giganten“) entlehntes Viech mit Alien-Touch, kaum noch irgendwie irdisch und ist damit unglaubwürdig. Eine akzeptable Auflösung der Hintergründe bleibt ebenso auf der Strecke, der Zuschauer wird mit einem unausgegorenen, arg diffusen Konstrukt einer Polit-Verschwörung größtenteils im Unklaren be- und entlassen.

Durch seinen kompromisslos überdrehten Stil-Mix mit aufgepfropftem Multi-Kulti-Touch und seiner (vor allem im letzten Drittel) durch Videoclip- und Werbeästhetik geprägten Optik, mag der Film momentan vielleicht ein junges Zielpublikum ansprechen, nachhaltig überzeugen dürfte er aber wohl nur wenige Zuschauer. Es gelingt dem Regisseur nicht, Traditionelles und Modernes zu einem reizvollen Ganzen, einem modernen Kostümdrama (ohne Krampf) zu kombinieren; dafür ist zusätzlich zu den deplatzierten fernöstlichen Kampfeseinlagen einfach zu viel des Plots nur bizarr, bleibt zu sehr „in der Luft hängen“ oder wird gar historisch verfälscht. So wirkt z.B. der einleitende und auch den Film beschließende Erzähler (eine historische Figur der wahren Ereignisse, Thomas d’Apcher) nicht allein als eine Figur der Film-Handlung (Jeremie Renier), sondern auch als eine Art Chronist der Geschehnisse. Am Schluss wird er in einer optisch beeindruckenden Revolutions-Szene zur Hinrichtung geführt. Dass Thomas d’Apcher in Wahrheit durch seine Angestellten vor der Guillotine gerettet wurde, verschweigt Gans, wohl, um auf den (unnötigen) Effekt eines pseudo-bedeutungsschwangeren Schlusses nicht verzichten zu müssen …

Unterm Strich ist Pakt der Wölfe sicher kein Totalflop, von dessen Besuch nur abgeraten werden kann, aber eben auch kein zu bejubelndes Highlight, dafür ist Regisseur Christophe Gans mit seinen (grundsätzlich schon verständlichen) Konzessionen an den Zeitgeschmack in meinen Augen einfach zu weit gegangen. Der überwiegend schön, teilweise eindrucksvoll fotografierte Film taugt durchaus für einen Kinoabend für diejenigen, welche imstande sind beim insbesondere gegen Ende etwas haarsträubenden Plot mehr als nur ein Auge zuzudrücken.

Die Filmmusik auf CD

Joseph LoDuca dürfte manch einem durch seine zum Teil pfiffigen Arbeiten für die Kult-TV-Serien Hercules und Xena (insbesondere in den orchestralen Teilen) bekannt sein. Bei Pakt der Wölfe arbeitet der Komponist zwar auch mit einem Orchester, setzt aber ebenso neben überwiegend synthetischen choralen Sounds (Chöre und Vokalisen) sehr viel Synthie-Klänge und Ethnisches ein. Romantische und avantgardistische Klänge stehen dicht nebeneinander. Die Ära der Filmhandlung, der ausgehende Barock, findet sich in LoDucas Musik außer (ein wenig) im Militärmarsch in Track 6 praktisch nicht – leider auch nicht in modernen, raffiniert gemachten Stil-Reflexionen.

1646Vielmehr begegnen dem Hörer Klang- und auch Rhythmus-Einflüsse aus Fernost, Arabien und ebenso aus der Welt der Zigeuner. Neben ethnischen Flöten hat auch das in Armenien beheimatete Duduk seinen Auftritt. Zusammen mit den etwas in Richtung Morricone tendierenden Gitarren-Klängen ergibt sich hier ein wenig Gladiator-Feeling und in den mehr modernistischen Passagen fühlt man sich an The Cell von Howard Shore erinnert. In den synthetischen Teilen gibt es romantische Klänge, aber auch pulsierende Synthie-Sounds und überhaupt eine ausgeprägte Tendenz zur Klang-Collage. Daraus resultiert eine über weite Strecken primär atmosphärische Untermalung, deren musikalische Autonomie vom Film gelöst rasch an ihre Grenzen stößt.

Im Film empfand ich die Musik ebenfalls als nur wenig bildwirksam: Nach meinem Empfinden heben sich das Konzept des teilweise skurrilen Films und das der entsprechend angepassten Musik mitunter gegenseitig auf, „löschen“ sich – was aber natürlich auch eine Sache des Geschmacks ist. Zwar harmonieren die ethnischen Einschübe in der Musik mit dem (verunglückten) Martial-Arts-Touch des Films, sind aber (wie oben beschrieben) historisch allein ein Anachronismus. Zur Mitte des Albums treten natürlich erzeugte Klänge gegenüber synthetischen fast vollkommen zurück und erst gegen Ende des sehr langen Albums bekommt das Orchester wieder mehr zu tun.

Beim Bewerten sehe ich im vorliegenden Fall zwei Möglichkeiten: 2½ oder auch 3 Sterne. Ich habe mich für die bessere Wertung mit drei Sternen und damit für die kleine Empfehlung entschieden, wobei dann aber ein paar zusätzliche kritische Anmerkungen nicht fehlen dürfen.

An einem Stück gehört, dürfte die CD manch einem schon arg lang werden, als eher etwas bizarr geratener musikalischer Mix, denn als raffiniertes Amalgam aus traditionellen mit zum Teil sehr exotischen und modernistischen Stilelementen erscheinen. Hier hilft Programmieren des CD-Spielers den Gesamteindruck zu verbessern. Bei aller Problematik und Zerrissenheit ist ein Konzept im Ganzen spürbar und im ersten Drittel und gegen Ende der CD sind einige schöne, zum Teil stärker orchestral gehaltene Musik-Passagen vertreten und auch der finale Popsong „Once“ von Felicia Sorenson ist gut anhörbar. In jedem Fall gilt: im Zweifelsfalle ist ein Probehören angeraten.

Komponist*in:
LoDuca, Joseph

Erschienen:
2002
Gesamtspielzeit:
70:39 Minuten
Sampler:
Virgin (EMI)
Kennung:
7 24381 1460 2

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