Carmen (1926)

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
11. Juni 2011
Abgelegt unter:
CD

Score

(5/6)

Heißblütige impressionistische Klänge aus Andalusien, nicht allein bei Nacht

Mit der tragisch endenden Liebesgeschichte zwischen der so temperamentvollen wie verführerischen Zigeunerin Carmen und dem Dragoner Don José wird wohl praktisch immer zuerst die berühmte Musik von Georges Bizets (1838 – 1875) international immer noch am häufigsten aufgeführten, gleichnamigen Oper assoziiert. Der französisch-belgische Regisseur Jacques Feyder (1885 – 1948) entschied sich allerdings bewusst gegen eine Verwendung von Bizets Musik, obwohl erste Opernverfilmungen unterlegt mit frühen Tonaufzeichnungen damals, in der gerade angebrochenen Tonfilmära, durchaus in Mode waren. Bereits in der Stummfilmzeit gab es häufiger, zwangsläufig stark geraffte, Leinwandadaptionen von Opernlibretti, welche dann live mit der zugehörigen Musik begleitet wurden.

Feyder wollte sich mit seiner Neuverfilmung aber nicht nur musikalisch von Bizets bereits seinerzeit auch im Kino häufiger erklingenden Carmen-Opernmusik absetzen. Seine Verfilmung orientiert sich nämlich an der Originalvorlage, der 1845 entstandenen Novelle von Prosper Mérimée und eben nicht am von Bizet und seinen Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy erarbeiteten und in der Charakterisierung der Zentralfiguren deutlich simplifizierten Opernlibretto. Raquel Meller, seinerzeit eine berühmte Sängerin und Schauspielerin, übernahm die Titelfigur, Louis Lerch verkörpert Don José. Jacques Feyder war gebürtiger Belgier, ließ sich aber später in Frankreich einbürgern. Seine Karriere begann er 1912 als Schauspieler und wandte sich ab 1915 der Regiearbeit zu. Interessanterweise ist Feyders Verfilmung des Carmen-Stoffes nur eine von mehr als 70 Adaptionen, die bereits aus der Zeit des frühen Kinos stammen.

Ernesto Halffter (1905 – 1989), Bruder des wenige Jahre älteren Rodolfo (ebenfalls Komponist), wurde als Sohn eines vordem preußischen Juweliers in Madrid geboren. Bereits mit dreizehn Jahren begann der junge Halffter zu komponieren und wurde 1923 Manuel de Falla (1876 – 1946) vorgestellt, der ihn ausnahmsweise als Schüler annahm. Zeitlebens hat sich Halffter übrigens dem Werk seines Lehrers besonders eng verbunden gefühlt. 1925 erhielt der erst 20-Jährige über die im spanischen Staatswettbewerb preisgekrönte Sinfonietta erste offizielle Anerkennung. Halffter vertiefte seine Musikstudien daraufhin in Paris mit maßgeblicher Unterstützung von Maurice Ravel. 1927 hob er als Dirigent in Paris de Fallas berühmt gewordenes Ballett „Der Liebeszauber“ aus der Taufe. 1928 folgte dann sein eigenes Ballett „Sonatina“. Auch weiterhin hat der Komponist die aktuelle spanische Musik gerade durch seine Tätigkeit als Dirigent über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt gemacht. 1934 wurde der noch nicht einmal 30 Lenze zählende Halffter zum Leiter des Konservatoriums von Sevilla ernannt.

Doch zurück ins Jahr 1926, wo Jacques Feyder dem gerade 21-jährigen Ernesto die Vertonung seiner Carmen-Leinwandadaption übertrug. Ernesto Halffter hat sich späterhin übrigens nochmals mit dem Carmen-Stoff auseinandergesetzt: mit seiner 1936 begonnen, jedoch nie fertiggestellten Oper „La muerte de Carmen“.

Der britische Dirigent Mark Fitz-Gerald (•1954) ist wie sein deutscher Kollege Frank Strobel ein Spezialist für außergewöhnliche Filmmusikprojekte. Dies ist nun das dritte CD-Album unter Fitz-Geralds Leitung, welches Naxos nach den beiden interessanten Schostakowitsch-Titeln Odna und Freundinnen ebenfalls als Weltersteinspielung auf den Markt bringt — siehe dazu Kleine Klassikwanderung 46. Neben der temperamentvollen Interpretation mit dem hr-Sinfonieorchester und einer tadellosen Aufnahmetechnik ist das 15-seitige Begleitheft dieser besonders feinen Naxos-Produktion ebenso hervorzuheben. Die vorzüglich informativen Texte stammen vom Dirigenten Mark Fitz-Gerald, Graham Wade sowie von Phil Powrie, Co-Autor von „Carmen on Film: A Cultural History“ und „Carmen on Screen: An Annotated Filmography and Bibliography“.

Halffters stark spanisch gefärbte und zugleich mit kräftigem impressionistischem Einschlag versehene, temperamentvolle Filmkomposition ist voll glühender Leidenschaft. Sie ist sinnlich wie verführerisch und teilweise geheimnisvoll. Auch dank der ausgeprägten Rhythmik entwickelt sich die leuchtkräftige Musik schnell zum äußerst lebendigen, mitreißenden Hörerlebnis, welches den Hörer rasch in seinen Bann zieht. Man spürt Einflüsse von de Falla, z. B. den „Nächten in spanischen Gärten“ oder dem Ballett „Der Liebeszauber“. Im rauschhaft sinnlichen Finale („Mort de Carmen. Calme“) hat jedoch ganz besonders der Sonnenaufgang in Ravels „Daphnis und Chloe“ Pate gestanden. Dabei gilt freilich generell, dass man von erkennbaren Vorbildern, aber nicht von Stilplagiat sprechen kann. Das Finale wirkt zudem besonders modern, indem es in den düsteren Klangfarben des Beginns und auch in den leidenschaftlichen Figuren der Streicher gar ein wenig auf Bernard Herrmann zu verweisen scheint. Da Herrmann jedoch erst rund 14 Jahre später überhaupt auf den Plan trat, ist dies nur mit einer vergleichbaren Kenntnis und Anwendung der Klangfarben Richard Wagners bei beiden Komponisten zu erklären.

Das gesamte Album ist derart stimmungsvoll und zugleich erfrischend, dass man direkt Lust bekommt, die Musik auch zusammen mit dem Film zu erleben. Nun, vielleicht nimmt arte die CD-Veröffentlichung ja zum Anlass, Feyders Carmen mittelfristig zu wiederholen. Aber auch ohne den Film macht das Album derart viel Spaß, dass es geradezu das Zeug zum Geheimtipp besitzt. Es ist schon äußerst erstaunlich, welche atmosphärische Dichte und Ausdruckskraft dieser erste filmmusikalische Wurf eines dazu erst 21-jährigen, offenbar ungewöhnlich talentierten Nachwuchskomponisten schon allein beim Anhören offeriert. Zwar gilt Halffter in Fachkreisen neben de Falla als der wohl bedeutendste spanische Komponist des 20. Jahrhunderts, etwas, das sich allerdings nicht mit seinem eher geringen Bekanntheitsgrad beim Konzertpublikum deckt. Möge Naxos daher zukünftig mehr Musik dieses absolut hörenswerten Klangzauberers zugänglich machen.

Fazit: Der britische Dirigent Mark Fitz-Gerald ist Spezialist für (Stumm-)Filmmusik. Mit der Filmmusik zu Jacques Feyders Carmen (1926) legt er nun das dritte außergewöhnliche Filmalbum, wiederum als Welterstveröffentlichung vor. Zur berühmten Bizet’schen Oper „Carmen“ gibt es bei Ernesto Halffters Filmmusik praktisch keine Bezüge. Zwar ist die Carmen-Opernmusik auf ihre Art ebenfalls sehr ansprechend. Im Vergleich mit der Filmvertonung wirkt sie allerdings gerade im Folkloristischen stärker klischeehaft. Und so liefert Halffters Carmen nicht nur einen überaus reizvollen, urwüchsigen Kontrast zum Geläufigen. Die leuchtkräftige, keineswegs altbackene Musik offenbart darüber hinaus nämlich rasch sowohl ihre Eigenständigkeit wie Eingängigkeit und entwickelt sich somit zu einem echten Geheimtipp: Bravo Naxos!

Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zu Pfingsten 2011.

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Komponist*in:
Halffter, Ernesto

Erschienen:
2011
Gesamtspielzeit:
66:58 Minuten
Sampler:
Naxos
Kennung:
NX 8.572260
Zusatzinformationen:
hr-Sinfonieorchester, M. Fitz-Gerald

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