Never So Few/7 Women

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
31. Dezember 2003
Abgelegt unter:
CD

Score

(4.5/6)

Never So Few • Wenn das Blut kocht (1958) ist trotz Regisseur John Sturges (1911-1992: Gunfight at the O.K. Corral, Bad Day at Black Rock, The Magnificent Seven) ein eher lustlos runtergekurbeltes Kriegsabenteuer. Es geht um eine in Burma während des Zweiten Weltkrieges hinter den feindlichen japanischen Linien operierende amerikanische Einheit. Dabei kann man zwar von einem Hauch von Objective: Burma! sprechen, aber der bedenklich tendenziöse Film wartet allein mit einer flauen Handlung und wenig überzeugenden Darstellern, wie einem fürchterlich oberflächlichen Frank Sinatra und (hier noch) farblosen Steve McQueen auf.

Hugo Friedhofers Musik ist mit Abstand das Beste, was das filmische Machwerk bietet. Zwar handelt es sich in erster Linie um einen eher routiniert gearbeiteten Abenteuer-Score, aber auch derartiges spielte sich (nicht nur) bei Friedhofer immer auf hohem handwerklichen Niveau ab.

Ein Highlight des Scores ist das eröffnende „Main Title/Parachute Drop“. Hier wird nicht nur stimmungsvoll auf den exotischen Schauplatz eingestimmt, sondern auch das bevorstehende Kriegsdrama packend vorbereitet. Ein mitreißendes Musikstück, das raffiniert und effektvoll Spannung aufbaut. In „Parachute Drop“ erklingen zuerst Triller in den Holzbläsern, grummelnde Einwürfe der Posaunen und Flatterzungen der Trompeten neben kaskadenartigen Effekten des Schlagwerks. Zum Abwurf von Nachschub erklingt dann ein die Spannung lösendes, flimmerndes fanfarenartiges Thema in Trompeten und Hörnern.

In den im Verlauf des Scores häufiger anzutreffenden düster-brodelnden Spannungspassagen und im psychologisierenden harschen „Death and Reprisal“ schafft es der Komponist, den Hörer bei der Stange zu halten, ohne ihn zu ermüden. Die verwendeten musikalischen Mittel sind geläufig, ihre Handhabung ist aber keinesfalls abgedroschen standardisiert, wie beispielsweise die Masse der Flatterzungen aus den Horror-Scores der 40er, sondern vielmehr markant und Friedhofer-typisch. Hier spürt man die klar ausführende Hand eines großen Könners, der seine Klänge wohl zu platzieren weiß.

Den stark atmosphärischen Teilen steht ein üppiges Love-Theme gegenüber, das in der Musik einige Bedeutung hat. Es klingt zwar für die Entstehungszeit des Films vielleicht ein wenig sehr nach Traumfabrik alten Stils, verleiht der Musik aber zweifellos auch einige Hörqualitäten. Und der exotische Schauplatz spiegelt sich nicht allein in verschiedenen Passagen der Musik wider, in denen Gamelan-Klänge imitiert werden. „Kachin Concerto“ ist ein reizendes Stück Source-Music (komponiert vom Dirigenten der Einspielung: Charles Wolcott), in dem Gamelane, Gongs sowie exotisches Schlagwerk ausgiebig zum Einsatz kommen.

Never So Few ist neben Above and Beyond (1952) leider die einzige Musik Hugo Friedhofers für einen MGM-Film geblieben. Leider, da mit Never So Few — und den bereits vorliegenden FSM-Veröffentlichungen — die Wahrscheinlichkeit wohl drastisch abgenommen hat, weitere Schätze des Komponisten in vergleichbar guter Qualität heben zu können.

7 Women • Sieben Frauen (1965) ist die letzte Regiearbeit von Western-Legende John Ford. Eine in den 30er Jahren in China angesiedelte Filmhandlung, in der eine amerikanische Laienmission von plündernden mongolischen Horden bedroht wird.

Elmer Bernstein schrieb dazu eine Exotik fast völlig meidende, überwiegend sehr intime und psychologisierende musikalische Untermalung. Die Muskeln des Orchesters lässt der Komponist nur an einzelnen Stellen spielen. So wartet der Main Title mit den typischen machtvollen synkopierten Rhythmen auf, die zu den Markenzeichen Bernsteinscher Musik gehören.

Der Score besteht im Wesentlichen aus kammermusikalisch durchsichtigen Klängen und wartet mit mehreren eingängigen Themen auf, die sehr solide verarbeitet sind. Neben ebenfalls Bernstein-typischen Holzbläsersoli und entsprechenden Glissandi werden hauptsächlich Klavier, Harfe und sehr delikat ein Cembalo verwendet.

Es präsentiert sich eine leise, aber damit keineswegs langweilige Bernstein-Musik, ein mit rund 30 Minuten sehr sparsamer Kommentar zu einem John-Ford-Film. 7 Women und Never So Few stehen jetzt erstmals auf Tonträger zur Verfügung und ergeben in der Kopplung nicht ausschließlich ein CD-Album mit erfreulich langer Gesamtspielzeit von rund 74 Minuten; vielmehr ist es für den Käufer eine auch in Gänze sehr gut durchhörbare und damit gelungene CD, die eine gute Chance hat, häufiger den Weg in den Player zu finden.

Die Tonqualität ist in beiden Fällen vorzüglich und natürlich befindet sich auch das Booklet auf entsprechend gutem Niveau. Sehr aufschlussreich ist hier wiederum die Erläuterung der im Preview von Never So Few eingesetzten „Temp-Tracks“. Diese waren seinerzeit noch eine rein provisorische Maßnahme zur Filmuntermalung, die, im Gegensatz zu heute, eben nicht den Komponisten „inspirieren“ sollte. Der Zweck lag vielmehr darin, die Gewohnheiten des Preview-Publikums nicht zu irritieren — hierzu siehe auch Miklós Rózsas The Seventh Sin.

Ebenfalls sehr lesenswert sind Elmer Bernsteins Erinnerungen an jene Tage bei MGM: eine Zeit, in welcher der Komponist weder von Regisseur noch Produzent beeinflusst wurde, sondern ausschließlich dem Leiter des Music Departments (John Green) verantwortlich war.

Wertungsmäßig rangieren beide sehr beachtlichen Musiken bei etwa vier bis viereinhalb Sternen. Als Albumwertung halte ich viereinhalb für vernünftig. Das FSM-Album präsentiert zwei wertvolle Ausgrabungen zu zwei wenig bekannten und außerdem mehr oder weniger schwachen Filmen. Das sollte aber keinesfalls vom Kauf abhalten.

Erschienen:
2003
Gesamtspielzeit:
73:46 Minuten
Sampler:
FSM
Kennung:
Vol. 5 No. 10

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