Misa Tango

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
22. Oktober 2001
Abgelegt unter:
CD

Eine Klassikwanderung der etwas anderen Art. Dieses Mal geht es weniger um gewichtige Werke großer Komponisten, sondern primär um originelle Bearbeitungen bekannter Musik-Stücke, aber auch um ungewöhnliche Kompositionen. Und noch etwas: Melodie wird dieses Mal besonders groß geschrieben.

„Misa Tango“ und „Tango“

Den Reigen eröffnet die lateinamerikanisch eingefärbte „Misa Tango“ des in Rom lebenden Argentiniers Luis Bacalov (geb. 1933), der auch für das Kino komponiert. Der Tango ist für ihn nicht allein ein berühmter Gesellschaftstanz, sondern – als ein Amalgam verschiedener Einflüsse (dessen Wurzeln von Afrika über Spanien bis Kuba reichen) – vielmehr ein Symbol für Entwurzelung und Heimatlosigkeit. So ist auch das typische Instrument des Tangos, das Bandoneon (ein Verwandter der Ziehharmonika), ein Emigrant aus Deutschland und kann als ein Symbol für Heimweh und Entwurzelung europäischer Emigranten in Süd-Amerika stehen. Aus diesen eigenwilligen Gedanken heraus entstand Luis Bacalovs „tanzende Messe“ im Jahr 1997. Sie reflektiert das Gefühl der Heimatlosigkeit des in Rom lebenden argentinischen Komponisten jüdischen Ursprungs.

Auf den ersten Blick erscheint der Tanz im Zusammenhang mit einer liturgischen Funktion ungewöhnlich, aber diese Auffassung entspringt aus rein christlicher Tradition bestimmter Sichtweise. Bacalovs „Misa Tango“ steht musikalisch in der Tradition der überlieferten (barocken) Form, ist dabei allerdings ähnlich frei gestaltet wie z. B. Igor Strawinskis „Psalmensinfonie“, von deren Rhythmik sie nicht unbeeinflusst ist. Ein interessantes, frisches und ungewöhnliches Hörerlebnis, das in der Instrumentierung mitunter auch an Hollywood-Filmmusik erinnert.

Drei Tangos runden das Programm konsequent ab. Einer stammt von Bacalov, die beiden anderen komponierte Astor Piazzolla (1921- 1992). Sowohl das Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter der Leitung von Myung-Whun Chung als auch die Solisten Placido Domingo und Ana Maria Martinez sorgen für eine überzeugende Aufführung, die auch von Seiten der Technik gut aufgezeichnet worden ist.

Der „Tango“ steht ebenfalls im Zentrum der gleichnamig betitelten TELARC-Kompilation, die den Opfern der argentinischen Militär-Junta und dem Komponisten Astor Piazzolla gewidmet ist. Der Argentinier Piazzolla war ein klassisch ausgebildeter Komponist, der in seiner Musik, vergleichbar Aaron Copland, einen sehr persönlichen Weg eingeschlagen hat. Seine modernen Schöpfungen des in das 19te Jahrhundert zurückreichenden Tangos sind veredelte Produkte, die das Vorbild in der fantasievollen Verbindung verschiedener Traditionen – von Klassik bis Jazz – mit der Volksmusik von Buenos Aires neu belebt haben. Auch diese CD bietet ein ungewöhnliches Klangerlebnis, überzeugend dargeboten von der flandrischen Orchesterformation I Fiammighi und einer Gruppe argentinischer Musiker.

Komponist*in:
Bacalov, Luis E.

Erschienen:
2001
Gesamtspielzeit:
53:48 Minuten
Sampler:
DG|DG
Kennung:
463 471-2

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