Jason and the Argonauts

Geschrieben von:
Magdi Aboul-Kheir
Veröffentlicht am:
26. April 2002
Abgelegt unter:
CD

Score

(6/6)

Vier Fantasy-Filme hat Bernard Herrmann für den Produzenten Charles H. Schneer und den Stop-Motion-Guru Ray Harryhausen vertont. Alle vier Kompositionen stellen für Liebhaber der Golden-Age-Filmmusik etwas ganz Besonderes dar: The Seventh Voyage of Sinbad • Sinbads siebte Reise (1957) mit all ihrer orientalischen Klangpracht und phantasievollen Instrumentation, The Three Worlds of Gulliver • Herr der drei Welten (1959) mit ihrem charmanten englischen Flair und den bezaubernden Klangspielereien, Mysterious Island • Die geheimnisvolle Insel (1960) mit ihrer kraftvollen Sturm- und raffinierten Monstermusik; und zu guter Letzt Jason and the Argonauts • Jason und die Argonauten (1963). Das Label Varèse Sarabande hatte in den späten 90er Jahren angekündigt, alle vier Partituren mit dem Royal Scottish National Orchestra unter Joel McNeely (und John Debney) neu einzuspielen. Doch im Jahr 1999 erschien auf Douglass Fakes Intrada-Label vorliegende Aufnahme der Jason-Musik.

Die Vorgeschichte dieser CD: Das Intrada-Team hatte John Morgan (der für Marco Polos Filmmusik-Serie die Scores rekonstruiert) gefragt, welche Neueinspielung klassischer Filmmusik er gern realisieren würde, sie aber mit den Moskauer Symphonikern – dem Marco-Polo-Filmmusik-Hausorchester – nicht in die Tat umsetzen könne. Morgan nannte sofort Bernard Herrmanns Jason and the Argonauts. Aufgrund der exorbitanten instrumentalen Besetzung sei diese Musik für ihn und seinen Partner William Stromberg in Moskau nicht adäquat einzuspielen, sagte Morgan. Bernard Herrmanns Fantasy-Paritur verlangt doppelt, an einigen Stellen gar dreimal so viel Holzbläser wie in einem gewöhnlichen Sinfonieorchester. Das Blech setzt sich aus acht Hörnern, sechs Trompeten, sechs Posaunen und vier Tuben zusammen. Im Schlagwerk sind sage und schreibe 26 verschiedene Instrumente versammelt, dazu zwei komplette Sets mit jeweils fünf Pauken. Und vier Harfen müssen es natürlich auch sein. Nur – und das macht diese Musik noch ungewöhnlicher – Streicher sind weit und breit nicht auszumachen.

Somit hatte die Intrada-Mannschaft um Douglass Fake ihre große Herausforderung. Sie meisterte diesen Aufgabe grandios. Mit der Sinfonia of London wurde ein hervorragendes (und offenbar auch ziemlich motiviertes) Orchester engagiert, mit Mike Ross-Trevor ein erstklassiger Tontechniker und mit Bruce Broughton ein hochprofessioneller Dirigent. Broughton war mit den Londoner Musikern bestens vertraut (die Sinfonia ist eines seiner Lieblingsensembles), er hatte bereits mit den Neueinspielungen der Rózsa-Partituren Ivanhoe und Julius Caesar seine Qualitäten als Dirigent klassischer Filmmusik unter Beweis gestellt, und er hatte sich hörbar mit Herrmanns Idiom auseinandergesetzt. Auch wenn Broughton die Musik dieses Komponisten in einem Interview einmal als ziemlich „retro“, also nicht mehr zeitgemäß, bezeichnet hatte.

Der 1962 gedrehte Film Jason and the Argonauts schildert die Abenteuer des Königssohns und Seefahrers Jason und seinem Schiff, der Argo. Der Held hat sich mit allerlei Biestern und Bestien aus der antiken Sagenwelt, zänkischen Göttern und bösen Zaubereien herumzuschlagen.

Etliche Gestalten der griechischen Mythologie haben ihren Auftritt, darunter Zeus, Hera, Medea und Hercules, das goldene Vlies schimmert ab und zu durchs Bild, und eine Liebesstory wurde natürlich auch eingeflochten. Der Film kam zum Pech seiner Macher zu einer Zeit in die Kinos, in der das Publikum durch die zahllosen italienischen Pappkulissen- und Sandalen-Spektakel um Hercules, Ursus, Maciste und Co. die Nase voll von antiken Helden hatte. Jason and the Argonauts floppte folglich fast auf der ganzen Welt, und auch die Kritik ging alles andere als gnädig mit dem Streifen um, verriss ihn als albern und plump. Erst in den Folgejahren erkannten Zuschauer und Filmhistoriker den Reiz und die besondere Qualität dieses Films – heute gilt er als Klassiker des Fantasy-Genres. Und das völlig zu Recht. Trotz der oft uninspirierten Inszenierung Don Chaffeys und der zweitklassigen Schauspieler überzeugt Jason and the Argonauts als wunderschönes Unterhaltungskino: durch seinen visuellen Reichtum und die bunte, phantastische Szenerie; durch seinen originellen Erzählton, der zwischen naiv-märchenhaft und augenzwinkernd-ironisch wechselt; und natürlich durch Ray Harryhausens beste Dynamation-Effekte (Stop-Motion-Tricks) überhaupt, die in diesem Film trotz ihrer offenkundigen Künstlichkeit ziemlich überzeugen und einen ganz eigenen Charme entwickeln; zudem sind die Effektsequenzen gut in die Handlung integriert und geraten fast nie zum Selbstzweck.

Bernard Herrmanns Musik zu Jason and the Argonauts reicht in Punkto Einfallsreichtum und Vielfalt nicht ganz an seine drei anderen Harryhausen-Parituren heran. Zudem tauchen etliche Zitate aus früheren Scores auf (etwa aus Beneath the 12-Mile-Reef, The Kentuckian, Five Fingers und Mysterious Island), das Hauptthema ist einer Radiomusik aus dem Jahr 1944 entlehnt, und der Action-Höhepunkt (der Kampf gegen die Skelette) entstammt dem 1936er-Konzertwerk „Nocturne and Scherzo“, auch wenn Herrmann die Komposition für den Film umorchestrierte (keine Streicher, dafür verstärkte Holzbläser). Jason and the Argonauts sollte übrigens die letzte Arbeit des Komponisten für Harryhausen/Schneer sein, Herrmann war laut Biograph Steven C. Smith vor allem vom ständigen Kampf um ausreichende Musikbudgets genervt.

Trotz dieser Einwände zeigt die Musik den Klangmagier Herrmann in großer Form, und sie gehört zu seinen extravagantesten Instrumentationsleistungen. Der Score ist ein abwechslungsreicher, oft wilder Orchester-Ritt, aber es finden sich auch zarte, fast lyrische Momente und Passagen in dem für Herrmann so typischen minimalistisch wirkenden Suspense-Stil. Und natürlich waren da die felsenwerfenden Riesen, die bösartige Hydra und die fechtenden Skelette, die Herrmann mit adäquaten Klangfarben erst richtig zum Leben erweckte.

Auf LP und CD waren früher nur kurze Auszüge der Musik erhältlich. Herrmann hatte Anfang der 70er Jahre für Decca mit dem National Philharmonic Orchestra eine elfminütige Jason-Suite mit vier Tracks eingespielt, die durch ihre schleppenden Tempi der Partitur nicht sonderlich gerecht wird. Intrada nahm nun im Oktober 1998 in London knapp 62 Minuten des Scores auf, das gesamte substanzielle Material. 46 Cues wurden in 29 Tracks zusammengefasst, und die wiederum, der Filmhandlung chronologisch folgend, auf der CD in sieben Blöcke eingeteilt: The Argo, Talos, The Harpies, The Clashing Rocks, The Golden Fleece, The Hydra, Skeletons. Der Score beginnt mit einem großen Beckenschlag und einem brillanten Marsch als Auftakt, zu dem jeder vor der heimischen Stereoanlage mitrudern möchte. Es folgen prachtvolle Fanfaren, ein warmes Holzbläser-Thema für Hera, sanfte pastorale Intermezzi, durchsichtig orchestrierte Misterioso-Passagen, pseudo-orientalische Tanzeinlagen, eine brachiale Pauken-Orgie für den randalierenden Riesen Talos, und für den Meeresgeist Triton wird das gesamte Spektrum zwischen tiefem Tuba-Grollen und schrillem Pizzikato-Aufschreien bemüht. Schließlich kulminiert die orchestrale Glanzleistung im „Scherzo Macabre“: dreieinhalb Minuten für den rasanten Fechtkampf der Argonauten gegen sieben Skelette, in denen Herrmann nochmals alle Register zieht. Auch wenn dieser Cue wie schon erwähnt bereits 1936 komponiert wurde, fügt er sich doch ohne größeren stilistischen Bruch in die Filmpartitur ein. Die Sinfonia of London schlägt sich dabei mit all den musikgewordenen Monstern bemerkenswert gut. Für Bruce Broughton waren es rückblickend die „lautesten Sessions, an denen ich jemals teilgenommen habe“.

Wirklich herausragend und begeisternd ist an der Intrada-CD die Klangqualität: Ob Perkussions-Schläge („The Battle“), Harfensoli („The Oak Grove“) oder Glockenpracht („Mount Olympus“), jedes einzelne Instrument (oder jede Instrumentengruppe), jeder einzelne Ton kommt atemberaubend klar aus den Lautsprechern. Selbst im dreifachen Forte sind noch alle Details herauszuhören. Transparenter als diese Aufnahme klingt keine Score-Neueinspielung. Das „Closemiking“ ist bei sinfonischen Filmmusik-Aufnahmen oft umstritten, im Falle Herrmanns äußerst spezifischer Orchestrierung ist es angebracht und liefert überzeugende Resultate. Auch wenn die Varèse-Einspielungen von Herrmanns anderen Fantasypartituren gut gelungen und durchaus empfehlenswert sind, hinter Intradas Jason bleiben sie eindeutig zurück. Das 12-Seiten-Booklet, in dem Wissenswertes zu Musik und Einspielung nachzulesen und jeder einzelner Cue beschrieben ist, rundet den grandiosen Eindruck dieser Produktion ab.

Kompositorisch wären für Jason and the Argonauts fünf bis maximal fünfeinhalb Sterne angemessen, aber aufgrund der mustergültigen Produktion, die wirklich Referenzqualität hat, gibt es für diese Intrada-CD die Höchstwertung.

Fazit: Jason and the Argonauts ist eine farbig-schillernde Fantasy-Partitur Bernard Herrmanns, die Intrada erstklassig eingespielt und klanglich sensationell aufgenommen hat. Das ganze Set ist zudem ansprechend und informativ gestaltet – mit einem Routine-Produkt hat dieser Silberling aber auch gar nichts zu tun. Im Gegenteil: Intradas Jason-CD ist echte Liebhaberarbeit und eine der überzeugendsten Präsentationen von Filmmusik überhaupt.

Komponist*in:
Herrmann, Bernard

Erschienen:
1999
Gesamtspielzeit:
62 Minuten
Sampler:
Intrada
Kennung:
MAF 7083

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