Iwans Kindheit

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
2. Oktober 2004
Abgelegt unter:
DVD

Film

(5/6)

Bild

(3.5/6)

Ton

(3/6)

Extras

(2.5/6)

Der vom Regisseur der Erstfassung von Solaris (1972), Andrej Tarkowskij, stammende Antikriegsfilm Iwans Kindheit wurde mit Preisen überhäuft. In schlichten, eigenwillig stilisierten aber dennoch eindrucksvollen Bildern wird gezeigt, wie der Krieg die Kindheit des erst zwölfjährigen Iwan, der für die rote Armee als Kundschafter fungiert, zerstört und dabei auch seine Psyche verstört hat. Iwans Vater ist gefallen, seine Mutter und Schwester sind verschollen, er selbst ist einem deutschen Todeslager der Nazis für Kinder entkommen und sinnt nur noch auf Rache an den Zerstörern seiner Kindheit …

Tarkowskijs berühmter Film ist wohl nicht allein aus Gründen des sehr begrenzten Budgets sehr zurückhaltend und sparsam inszeniert. Er nähert sich seinem Thema dabei auf sehr artifizielle, intellektuell-komplexe Weise. Eine stark mit Methapern und Symbolik sowie impressionistischen Gesten durchsetzte Bildsprache der (Kriegs-)Wirklichkeit kontrastiert mit teilweise verfremdeten Bildern aus glücklichen Erinnerungen und (Alb-)Träumen. So verdeutlicht der Regisseur die vernichteten Hoffnungen und Sehnsüchte einer Kindheit, die nicht normal gelebt werden durfte, der das Glück, die Wärme und Geborgenheit eines heilen und behüteten Daseins versagt blieben. Wenn in der Schlussszene, in einer Gestapo-Diensstelle im eroberten Berlin, deutlich wird, dass Iwan den Deutschen schließlich doch in die Hände fiel und hingerichtet wurde, setzt das symbolisch den konsequenten Schlusspunkt unter das, was Fanatismus und damit einhergehende Gewalt letztlich bedeutet: völlige Vernichtung und Untergang.

Neben der symbolischen Zerstörung einer Kindheit werden aber auch die katastrophalen seelischen Traumata angedeutet, die der Große Vaterländische Krieg für das russische Volk bedeutete — so in der Szene mit dem alten, verwirrt erscheinenden Bauern, der versucht, sein völlig zerstörtes Haus für die Heimkehr seiner (vermutlich ermordeten) Frau herzurichten.

Andrej Tarkowskijs intellektuelle Auseinandersetzung ist sehr ruhig und völlig unspektakulär inszeniert. Durch die Fülle der eingesetzten Symbole ist der Film allerdings nicht einfach problemlos konsumierbar. Trotzdem handelt es sich hier um einen auch 43 Jahre nach seiner Uraufführung immer noch besonders sehenswerten Antikriegsfilm, einen, der das Thema auf sehr ungewöhnliche, intellektuelle Weise angeht. Interessant ist dabei zudem die sehr sparsam eingesetzte Musik von Wjatscheslaw Owtschinnikow — der auch Sergej Bondartschuks Wojna i Mir • Krieg und Frieden (1965-67) vertonte —, die sowohl lyrisch als auch modernistisch gehalten und in erster Linie in den Traumsequenzen eingesetzt ist.

Die Bildqualität der Ice-Storm-Präsentation ist passabel, lässt aber klar den Detailreichtum der in der beiliegenden Infobeilage präsentierten Szenenfotos vermissen. Das Bild erscheint in Teilen wie von Schatten überlagert. Für den hin und wieder etwas verzerrten Mono-Sound kann man „noch“ drei Sterne gelten lassen. Beim Zusatzmaterial ist neben dem der Box beigefügten, mit ordentlichen Infos zum Film aufwartenden Doppelblatt die auf der DVD auf Texttafeln befindliche Bio- und Filmografie zu Regisseur Andrej Tarkowskij bemerkenswert.

siehe auch:

Faschismus und Zweiter Weltkrieg im Spiegel ausgewählter Kinofilme, Teil I
Faschismus und Zweiter Weltkrieg im Spiegel ausgewählter Kinofilme, Teil II
Faschismus und Zweiter Weltrkieg im Spiegel ausgewählter Kinofilme, Teil III
Faschismus und Zweiter Weltrkieg im Spiegel ausgewählter Kinofilme, Teil IV
Faschismus und Zweiter Weltrkieg im Spiegel ausgewählter Kinofilme, Teil V

Originaltitel:
Faschismus und Zweiter Weltkrieg im Spiegel ausgewählter Kinofilme, Teil VI

Regisseur*in:
Tarkowskij, Andrej

Erschienen:
2004
Vertrieb:
Icestorm Entertainment
Kennung:
19311
Zusatzinformationen:
UDSSR 1962

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