Die Päpstin

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
13. November 2009
Abgelegt unter:
CD

Score

(3/6)

Die Päpstin: Kommentar zu Film und Filmmusik

Mit Die Päpstin hat sich der aus dem westfälischen Marl stammende Regisseur Sönke Wortmann (Der bewegte Mann, Das Wunder von Bern) erstmalig an einen Kostümstoff gewagt. Dem ist 2007 ein Eklat zwischen dem ursprünglich vorgesehenen Volker Schlöndorff und der Constantin vorausgegangen. Schlöndorff, für den die Päpstin ein seit Jahren vorbereitetes Lieblingsprojekt war, hatte in der Süddeutschen Zeitung Kritik an der bereits vor Drehbeginn geplanten Auswertung derartiger Koproduktionen mit dem Fernsehen geübt. Er sieht in der nach der Kinoauswertung erfolgenden Erweiterung des gedrehten Materials zum TV-Mehrteiler und der Vermarktung als „Director’s Cut“ ein essentielles Problem. Die Ergebnisse beim Dreh liefen dadurch Gefahr, qualitativ verschlechtert, ein Verschnitt im Sinne von Weinpanscherei, eben kein Grand Cru zu werden. Michael Anderson drehte in Großbritannien übrigens bereits 1972 Pope Joan • Papst Johanna (Musik: Maurice Jarre). Trotz seiner beachtlichen Besetzung mit u. a. Liv Ullmann, Maximilian Schell, Olivia de Havilland, Lesley-Ann Down und Trevor Howard verschwand der Film seinerzeit rasch wieder von den Kinoleinwänden.

Wortmanns Inszenierung ist keineswegs billig geraten. Nein, fürs Auge gibt Die Päpstin schon einiges her. Und besonders in der Eröffnung ist sie auch atmosphärisch recht glaubwürdig geraten, kommt der Gegensatz zwischen den alten heidnisch-germanischen Bräuchen und dem noch relativ jungen Christentum recht gut zur Geltung. Späterhin gestattet sich die Inszenierung freilich diverse Schnitzer, welche den Gesamteindruck mehr und mehr verwässern. Der Dialog, in dem Johanna nach vielen Jahren im Kloster von ihrem fanatischen Vater aufgesucht wird und mit ihm „einfach so“ über ihr Geheimnis spricht, bildet dabei nur eines der verschiedentlich klaffenden Logiklöcher.

Johannas langer Weg auf den Papstthron wird eingehend geschildert, aber ihre immerhin rund zweieinhalb Jahre währende Amtszeit zieht dafür im Zeitraffer am Zuschauer vorüber. Das Mittelalter sieht zwar recht schmutzig aus. Aber praktisch jeder verfügt über ein erstaunlich gepflegtes, gutes Gebiss, etwas was damals eher Seltenheitswert besessen hat. Auch ist es den Protagonisten einfach nicht vergönnt, annähernd gemäß der verstrichenen Jahre älter zu werden. Das betrifft natürlich ebenfalls die redlich engagierte Johanna Wokalek (Der Baader Meinhof Komplex), die, einmal eingeführt, offenbar „forever young“ bleiben darf/soll.

Bei Donna Woolfolks Roman um die so genannte Päpstin handelt es sich um eine in den Zeitgeschmack passende, zur Emanzen-Legende aufgepeppte Variante der verschiedenen Versionen der Fabel um diese historisch nicht seriös belegbare Figur. Was bereits während der frühen Phase der Französischen Revolution zu einigen willkommenen antiklerikalen Vaudevilles taugte, ist heutzutage in jedem Fall etwas für die Anhänger von Verschwörungstheorien und vielleicht für die Kämpferinnen fürs Frauenrecht. Dabei zielt die nun vorliegende Leinwandversion klar auf das „Frauenkino“ ab. Und ein wenig so wirkt auch die Filmmusik von Marcel Barsotti (Rennschwein Rudi Rüssel 2). Im Gegensatz zu den zum Teil durchaus rauen und punktuell auch gewalttätigen Bildern präsentiert sich die Komposition überwiegend äußerst sanft, fast wie das weibliche Geschlecht umwerbend.

Das Begleitheft wartet neben einem kurzen, recht schwelgerischen Kommentar der Buchautorin mit diversen Auszügen aus verschiedenen Interviews auf. Dabei ist zur Komposition Folgendes zu finden. So sagt Regisseur Wortmann, die Musik sei frei von Hollywoodstilisierungen und der Komponist unterstreicht dies noch, indem er feststellt, dass „große amerikanische Themen“ nicht funktioniert hätten. Barsotti resümiert ferner: „Also versuchte ich eine eigene Sprache zu entwickeln.“ Das Ergebnis klingt allerdings nicht eigenständig, es ist vielmehr eindeutig an den derzeit aus Hollywood geläufigen, zeitgemäßen Vertonungsstandards orientiert. Wie häufiger bei Barsotti stechen auch hier verschiedene Vorbilder hervor. Dieses Mal findet sich weniger Thomas Newman, dafür besonders ausgeprägt James Newton Howard, und eine kräftige Prise Minimalismus kommt noch obendrauf. Die fortwährend soften Soli von Violine, Viola und Cello erinnern ein wenig an The Village. Wobei die andauernd wiederkehrenden, schwebend anmutenden Klavierpassagen stimmungsmäßig besonders deutlich an das Zerbrechliche in Howards Unbreakable gemahnen. Und das gilt ähnlich für das Hauptthema von Die Päpstin (Track 1), das in Aufbau und Stimmung dem aus Unbreakable sehr verwandt ist. Gelegentlich schimmert der in TV-Musiken häufig plagiierte Hans Zimmer durch, z. B. in „Silent Wedding“. Dieser Teil des Scores klingt u. a. durch die in diesem Mittelalter-Stoff arg deplatziert wirkende Ethno-Vokalise doch sehr nach dem auf die Barbarenschlacht folgenden ruhigen Musikabschnitt in Gladiator. Eher befremdlich sind außerdem die häufig eingesetzten minimalistischen Klänge, z. B. in den Begleitfiguren des Klaviers in Track 2 „Joanna’s Theme“. Sehr ähnlich klingt es in The Hours von Philip Glass. Als recht blass erscheinen die beiden Actionmusiken des Films. Ist „Norman Assault“ noch ein leidlich passabler Verschnitt aus viel James Newton Howard und etwas Hans Zimmer, vermag „The Battle of Fontenoy“ infolge seiner andauernden Minimal-Figuren der Streicher nur noch zu ermüden.

Insgesamt ähneln die Verhältnisse bei Die Päpstin damit frappant denen bei Krabat. In beiden Fällen fehlt die in den (Marketing-)Aussagen zu den Musiken beanspruchte eigene Stimme. Zwar besitzt das Hauptthema Johannas ein wenig auf Alte Musik verweisende Färbung, aber das bisschen Gregorianik und ebenso ein recht netter mittelalterlicher Tanz besitzen in erster Linie Source-Music-Charakter, sind nicht organisch mit der übrigen Musik verbunden.

Wie darf oder gar muss eine Musik zu einem derartigen historischen Stoff denn sein? Darüber kann man freilich sehr geteilter Meinung sein. Allein einer eventuellen Forderung, diese habe grundsätzlich so genau als möglich der Musik der betreffenden Epoche zu entsprechen, mag man klar widersprechen. So etwas funktioniert nämlich umso weniger, je weiter diese in der Vergangenheit liegt. Das durch filmmusikalische Standards unbewusst mitgeprägte Empfinden der Zuschauer läuft dann nämlich Gefahr, durch ein zu großes Maß an als fremdartig empfundener Historizität irritiert zu werden. Abgesehen von grundsätzlichen Problemen bei der Rekonstruktion sehr alter Musik (wie aus der Epoche dieses Filmstoffes) gilt, dass eine letztlich als zu ungewohnt und damit gar als störend empfundene Begleitmusik die gesamte Wirkung eines Films empfindlich zu beeinträchtigen vermag. Ob allerdings der sehr konventionelle, völlig an den derzeit modischen Strömungen orientierte Vertonungsansatz im Verbund mit einem dieses Mal besonders weichgespült erscheinenden Sound eine gute Wahl war, erscheint zweifelhaft. Geschicktes Einbinden einiger Instrumente der Renaissance und/oder des Mittelalters, wie der von Annette Focks gern eingesetzten Gamben, hätte m. E. interessante Möglichkeiten für eine deutlich eigenständigere Akzente setzende Vertonung eröffnet. Zwangsläufig gleichbedeutend mit „altmodisch“ wäre dies ganz gewiss nicht.

Es soll nun gewiss nicht der Eindruck erweckt werden, Marcel Barsottis Musik zur Päpstin zähle zur Kategorie einfach lieblos runterkomponierter (Film-)Musik. Nein, das thematische Material wird durchaus solide verarbeitet und auch an der Einspielung gibt es nichts zu beanstanden. Mit dem in den ersten beiden Albumtracks vorgestellten Themen (s. o.) zeichnet Barsotti den Weg Johannas zur Päpstin musikalisch nach. Das ist stimmungsmäßig und auch variationstechnisch durchaus respektabel gehandhabt. Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Frank Strobel, unterstützt durch Chor und einige Solisten im Zusammenwirken mit einer auf der Höhe der Zeit befindlichen Aufnahmetechnik, liefern ein überzeugendes Resultat. Das „Problem“ liegt im doch etwas blassen Gesamteindruck, den die weitgehend austauschbare Musik beim Hören letztlich hinterlässt. Was fehlt ist eine Portion Prägnanz, welche die Komposition aus ihrem soliden Mittelklasseumfeld herauszuheben in der Lage wäre. Und so ist auch die — nur dem Cinemusic.de-unerfahrenen Leser — auf den ersten Blick etwas flau erscheinende Wertung zu verstehen, deren vergebene drei Sterne ja immerhin für solides Handwerk stehen und entsprechend eine kleine Empfehlung beinhalten. Der mit knapp 70 Minuten großzügige und auch sehr repräsentative Albumschnitt besitzt in Gänze einige Längen. Hier hilft Programmieren, ein individuell überzeugendes klingendes Filmsouvenir zu erhalten. Die Albumpräsentation des recht jungen Filmmusiklabels Königskinder Music verdient auch durch das ansprechend ausgestattete, 12-seitige Marketing-Booklet die Prädikate professionell und sorgfältig.

Label-Info: Das Hamburger Label „Königskinder Music“ gehört seit 2006 anteilig zum musikalischen Arm der Münchner Constantin Medien AG und hat sich seit 2008 auch die Veröffentlichung und Vermarktung ausgesuchter Filmmusiken auf die Fahnen geschrieben. In der Veröffentlichungspolitik ist man laut den Angaben der Managerin, Frau Pia Hoffmann, allerdings nicht auf Produkte der Constantin beschränkt, sondern in der Wahl der jeweiligen Partner eigenständig.

Eine Übersicht über die derzeit erhältlichen Alben ist abrufbar unter: Königskinder Music GmbH

© aller Logos und Abbildungen bei den Rechteinhabern.

Komponist*in:
Barsotti, Marcel

Erschienen:
2009
Gesamtspielzeit:
68:47 Minuten
Sampler:
Königskinder Music
Kennung:
KK 009

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