Brideshead Revisited

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
16. Oktober 2008
Abgelegt unter:
CD

Score

(3.5/6)

Mit Brideshead Revisited dürfte so mancher Leser die elfteilige britische TV-Produktion (Musik: Geoffrey Burgon) aus dem Jahr 1981 mit Jeremy Irons in der Hauptrolle assoziieren. Jetzt kommt der 1945 erschienene Roman des englischen Schriftstellers Evelyn Waugh erstmalig auf die große Kinoleinwand. Der vom Fernsehen herkommende Regisseur Julian Jarrold hat dafür den ausladenden, mehr als zwei Dekaden umspannenden epischen Stoff um den Niedergang des britischen Adels vor und während des zweiten Weltkriegs zu einem 133-minütigen Kinofilm komprimiert. Der deutsche Kinostart, ursprünglich für den 9. Oktober 2008 vorgesehen, wird am 20. November 2008 erfolgen. Jarrold hat international und auch hierzulande besonders mit der biografischen Jane-Austen-Verfilmung Geliebte Jane — Becoming Jane einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht.

Komponist Adrian Johnston (•1961) hat bereits häufiger an Projekten des Regisseurs Julian Jarrold mitgearbeitet. Er hat zuvor nicht nur Erfahrung im Vertonen von Stummfilmen sowie von Theaterstücken gesammelt, er war auch als Drummer bei der Pop-Band „The Waterboys“ tätig. Wie der Regisseur ist er hierzulande ein bislang noch wenig beschriebenes Blatt. Besonders seine Vertonung zu Geliebte Jane — Becoming Jane (rezensiert auf Filmmusik 2000) dürfte ihm ebenfalls begrenzte Popularität verschafft haben.

Johnstons musikalische Untermalung zu Brideshead Revisited hinterlässt, von der CD gehört, anfangs einen etwas sehr verhaltenen Eindruck. Sehr introvertiert und recht unscheinbar gibt sich die insgesamt eher kammermusikalisch durchsichtig gehaltene Musik. Hinzu kommt, dass dieser unmittelbar ins Ohr gehende, mitreißende Themen fehlen. Etwas, das wohl auch auf den unterschwellig häufiger spürbaren Minimal-Touch zurückzuführen ist, welcher der Komposition mitunter eine gewisse Statik verleiht — z. B. im die CD eröffnenden Thema für „Sebastian“. Eine musikalische Spiegelung des Glanzes der adligen Gesellschaft, z. B. in Form einiger Setpieces, fehlt komplett. Zumindest anfänglich dürfte das die Erwartungen auch so manchen weiteren Hörers etwas enttäuschen, der seine Kaufentscheidung nicht im Anschluss an einen Besuch des Films getroffen hat.

Das bedeutet jetzt aber nicht, dass hier ein dauerhaft blass bleibendes filmmusikalisches Album vorliegt. Bereits beim ersten Durchgang wird deutlich, dass alles, was man hier zu hören bekommt, handwerklich durchaus solide gefertigt ist. Und das, was anfänglich ein wenig zur filigranen Blässe tendiert, vermag nach und nach zunehmenden Hör-Charme zu entwickeln. Auf den dritten oder vielleicht auch erst vierten (Hör-)Blick kristallisieren sich nämlich erheblich deutlicher die thematischen Bezüge heraus. Besonders die tragenden Hauptthemen, wie das eingangs vom Klavier solo vorgetragene, eher kühle, besonders minimalistisch geprägte für „Sebastian“, das häufiger erscheinende „Memory“ oder auch das anfänglich romantische, später zunehmend melancholisch erscheinende für die Beziehung zwischen den beiden männlichen Protagonisten Sebastian und Charles („A Crock of Gold“). Beim eingehenderen Hören wird unter anderem deutlich, dass das Memory-Thema nicht nur für Rückblenden, sondern zugleich als Bindeglied für Themen des Scores und davon abgeleitete Motive fungiert, z. B. in „Oxford“. Dabei geht auch verschiedentlich ein ansprechend gesetzter Kontrapunkt ins Ohr, z. B. in „Contra mundum“. Auch die in weiten Teilen klassizistische Prägung der Musik, mit ihrem ausgeprägten Hang zu Instrumentalsoli (besonders von Klavier und Cello) und überhaupt die meist eher luftige Instrumentierung erscheint zunehmend sympathischer (z. B. im impressionistisch angehauchten „Carnival“). Die zuerst etwas aufdringlichen minimalistischen Begleitfiguren treten demgegenüber merklich in den Hintergrund.

Nach und nach beginnt das Pflänzchen also für den Hörer aufzublühen. Ein kleines Manko zeigt sich allerdings darin, dass der Albumschnitt am Ende etwas unvermittelt ins Leere läuft, wodurch die Komposition wenig überzeugend abgeschlossen wirkt. Unter der Leitung von Terry Davies liefert das (nicht nur) dem Liebhaber klassischer Filmmusiken aus der Reihe „Chandos Movies“ geläufige BBC Philharmonic Orchestra auch bei dieser aktuellen Filmmusik eine angemessene Interpretation. Davies ist übrigens selbst Filmkomponist sowie Orchestrator und hat bei Brideshead Revisited auch beim Orchestrieren mitgeholfen.

Das vorliegende Album markiert eine weitere interessante Seite des renommierten britischen Chandos-Labels: den Einstieg in den aktuellen Filmmusikmarkt. Zwar kommt der Erstling Brideshead Revisited nicht gerade spektakulär daher. Aber das hier anzutreffende britische Understatement hinterlässt mit etwas Geduld keineswegs einen missratenen, nur anfänglich einen etwas unterkühlten Eindruck. Aber möglicherweise ist das von den Ladies und Gentlemen bei Chandos gerade so gewünscht?

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Komponist*in:
Johnston, Adrian

Erschienen:
2008
Gesamtspielzeit:
47:19 Minuten
Sampler:
Chandos
Kennung:
CHAN 10499

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