Abenteuer-Klassiker

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
20. November 2002
Abgelegt unter:
Sampler

Nostalgisches hat offenbar Konjunktur. Die in Münsing am Starnberger See beheimatete Firma BSC Music GmbH hat zwei sehr ansprechende CD-Veröffentlichungen zu den legendären ZDF-Fernsehvierteilern herausgebracht.

Es war einmal in 1964. Mit Robinson Crusoe begründete das noch junge „Zweite Deutsche Fernsehen“ eine immerhin rund 20 Jahre (von 1964-1983) währende Fernsehtradition: die der später so genannten Advents- oder auch Weihnachtsvierteiler. Es handelte sich dabei um zum Großteil liebevoll und (für TV-Verhältnisse) aufwändig produzierte Verfilmungen bekannter Abenteuerstoffe der Weltliteratur, die in Deutschland in vier Folgen von jeweils 90 Minuten Länge ausgestrahlt worden sind. Der Zuschauer bekam so nicht nur die Zeit sich mit den sympathischen Hauptfiguren quasi „anzufreunden“, er konnte in den episch breit angelegten TV-Produktionen die betreffenden Abenteuerstoffe in sehr ausführlicher Form (und damit viel intensiver als von entsprechenden Kinoverfilmungen bekannt) erleben. Ein Teil des großen Erfolgs dieser sämtlich als deutsch-französische Co-Produktionen ausgeführten Filme beruhte auf ihren markanten Schauplätzen: z. B. dem „Mississippi“ für Tom Saywers und Huckleberry Finns Abenteuer im rumänischen Donau-Delta, Korsika als Die Schatzinsel, die „Wildnis des Staates New York“ in Die Lederstrumpf-Erzählungen fand sich in den Karpaten und „Dawson City“ in Lockruf des Goldes entstand in der Nähe von Bukarest.

In den 60er Jahren wurde der Begriff „Straßenfeger“ für besonders erfolgreiche TV-Produktionen wie die Francis-Durbridge-Krimis z. B. Das Halstuch, aber genauso für die Klassiker unter den Adventsvierteilern (wie Die Schatzinsel, Die Lederstrumpf-Erzählungen und Der Seewolf) geprägt. Seinerzeit saß die ganze Familie komplett vor den anfänglich noch schwarzweißen Bildschirmen; es gab also eine geradezu sensationelle Publikumsresonanz, von der heute kaum noch ein Sender zu träumen wagt. Als Nolstalgieprodukte einer vergangenen Ära wenden sich die vorliegenden CD-Alben denn auch wohl vorwiegend an diejenigen, welche inzwischen die 30 merklich überschritten haben, für die die Faszination dieser vorweihnachtlichen TV-Events noch zu den unauslöschlichen Kindheits- und Jugenderinnerungen gehört …

Das Doppel-CD-Set „Abenteuer-Klassiker“ ist eine sehr liebevoll editierte Kollektion von kurzen aber recht repräsentativen Suiten aus den insgesamt 16 Produktionen. Hier begegnen einem Komponisten wie Hans Posegga, Bert Grund, aber auch Jan Hanuš & Luboš Sluka oder Hubert Rostaings, Gerard Calvi, Robert Mellin und Vladimir Cosma. Originellerweise kann man im Falle von Robinson Crusoe und Zwei Jahre Ferien sogar zwischen zwei (regional unterschiedlich eingesetzten) Musikversionen vergleichen. Musikalisch ist das Vertretene schon recht durchwachsen: oftmals „nur“ simpel-melodisch-gefällig und an eher banalen Unterhaltungs- und Pop-Standards orientiert, hier und da mit jazzigen Einsprengseln versehen und insgesamt eher schlicht gearbeitet. In den Action-Passagen spiegelt sich besonders deutlich der Zeitgeschmack wider: hier geht es teilweise leicht experimentell, ein wenig an Ennio Morricone und Peter Thomas erinnernd, zu.

Zu den bekannteren Musiken gehören die – seinerzeit teilweise auch auf LP erhältlichen und auch auf CD wiederveröffentlichten – melodisch angenehmen von Vladimir Cosma. Deren kleines Highlight dürfte wohl die Komposition zu Die Abenteuer des David Balfour sein. Und auch die in Teilen recht ungewöhnlichen Klänge von Hans Posegga z. B. zu Der Seewolf und Lockruf des Goldes dürften manch einem noch recht gut in Erinnerung sein.

Natürlich muss man berücksichtigen, dass es sich hier um TV-Musiken handelt, für die seinerzeit nur kleine Musikbudgets zur Verfügung standen, die nur beschränkt für ein Sinfonieorchester ausreichten – was parallel ja ebenso für vergleichbare TV-Kompositionen im Kinoland USA galt. Vieles ist hier primär nett anhörbar und kaum mehr. Mitunter finden sich aber auch von kleinen bis mittleren Funken der Inspiration erhellte Teile.

Was Wertungen angeht, besteht bei diesen CDs dasselbe Problem wie schon im Artikel zu den Kompilations-CDs mit Musiken zu den Defa-Indianer-Filmen erläutert (siehe auch „Western: Made in Germany and DDR“). Abseits vom Nostalgiecharme rangiert das meiste hier zwischen zwei und soliden drei Sternen, vereinzelt sind auch dreieinhalb Sterne angebracht.

Dass der deutsche Produzent Walter Ulbrich Teile der Schatzinsel-Musik in klassischer Kinotheken-Manier mehrfach wieder „verwurstet“ hat, ist ein interessantes Detail, das der äußerst informative Booklet-Text neben manch anderem Wissenswerten bietet. Überhaupt ist das dreisprachig (in Deutsch, Englisch und Französisch) gehaltene, 48-seitige Booklet (!) von ungewöhnlich hoher Informationsdichte. Zu jedem Vierteiler gibt’s eine Doppelseite mit Inhaltsangabe, einigen Fotos und eingehenderen Produktionsinfos, dazu einen ergänzenden Artikel mit – in Anbetracht der Fülle des Gebotenen – knappen, aber ausreichenden Infos zu den Komponisten und ihren Musiken: Da kommt schon einige Freude auf.

Die Tonqualität der Musikaufnahmen reicht von leicht angerauhtem (aber immer ordentlich klingenden) Mono, der frühen Einspielungen bis hin zu sehr sauber klingenden Stereo-Aufnahmen. In einigen Fällen existieren separate Musikaufnahmen nicht oder nicht mehr vollständig und an manchen der älteren Mastertapes hat merklich der Zahn der Zeit genagt. In einzelnen Fällen musste auf die betreffende Filmtonspur zurückgegriffen werden, wobei dann manchmal natürlich auch Geräusche zu hören sind. In jedem Fall hat die Technik sorgfältig gearbeitet und sich erfolgreich bemüht, das Bestmögliche herauszuholen.

Die auf dem Doppel-CD-Album „Abenteuer-Klassiker“ in Form einer Suite vertretene Musik der tschechischen Komponisten Jan Hanuš & Luboš Sluka zu Die Schatzinsel dürfte wohl zum Besten gehören, was die ZDF-Vierteiler musikalisch zu bieten haben. Wohl deswegen haben die Macher von BSC Music GmbH diese Musik zusätzlich auf einer separaten CD vollständig zugänglich gemacht. Beim Durchhören erweist sich diese – mir bereits als Junge sehr ins Ohr gegangene – Musik als kleines Juwel. Schon die Eröffnungsmusik, der Piratenshanty von den „15 Mann auf des toten Mannes Kiste“, versetzt durch ihr einprägsames Thema und durch den recht archaisch-grob anmutenden Männerchor in perfekte Abenteuerstimmung. Das „Piratenlied“ ist auch im Score als Leitmotiv präsent, mit ihm wird nett gearbeitet und es erscheint nochmals in einer vokalen Variante als Arbeitschor zum Einholen der Ankerkette der Hispaniola. Das episch anmutende, breit ausschwingende „Heimat-Thema“ verströmt schon Seegeruch, der sich in der anmutigen, anfänglich an Sea-Shanties erinnernden lichten Bristol-Musik noch deutlich steigert. Wenn hier eine Art majestätisches Meeres-Thema für volles Orchester erklingt, dann stellt sich schon ein Meuterei-auf-der-Bounty-Feeling ein.

Sicher, auch hier handelt es sich bei einer Reihe der insgesamt 57 Tracks um stark bildbezogene atmosphärische Musikpartikel, die vom Bild gelöst nur bedingt wirksam sind. Aber auch dort und überhaupt in vielen der zum Teil überaus kurzen Musikpassagen ist spürbar, dass mit einiger Liebe zum Sujet und fantasievoll zu Werke gegangen worden ist. In den üppigsten Teilen war das Filmorchester Praha (FISYO) mit etwa 45 Spielern besetzt, aber selbst in den über längere Strecken nur sehr sparsam instrumentierten Teilen ist oftmals Pfiff spürbar, gibt es manch schöne Klangkombination zu hören, so z. B. eine Sonnenuntergangsstimmung für Harfe und Celesta, recht exotisch anmutendes Klangkolorit für die Schatzinsel, ein einfach strukturiertes, aber sehr effektvolles rhythmisches Spannungsmotiv und gelegentlich kommt sogar die selten zu hörende „Singende Säge“ originell zum Einsatz.

Der im Jahr 1966 erstmalig im ZDF (damals noch schwarzweiß) gezeigte Adventsvierteiler Die Schatzinsel zählt zu den erfolgreichsten der Gattung und auch die Filmmusik ist abseits vom reinen Nostalgiebonus hörenswert geraten – wertungsmäßig kann man hier dreieinhalb Sterne ansetzen. Die CD präsentiert die vollständige Musik nebst einer Reihe von Outtakes in gutem und klarem Mono. Und ebenso Positives ist zum 28-seitigen Booklet zu sagen, das mit umfangreichem Bildmaterial und vielfältigen Infos aufwartet.

Beide CD-Veröffentlichungen sind damit eine ambitionierte, sehr liebevolle Hommage an (zumindest teilweise) unvergessliche „epische“ Sternstunden der deutschen Fernsehgeschichte.

Komponist*in:
Diverse

Erschienen:
2002
Gesamtspielzeit:
CD-1 70:15 Min., CD-2 73:55 Minuten
Sampler:
Prudence
Kennung:
398.6619.2 (2 CDs)

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