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Veröffentlicht am 02.04.2015 | von Michael Boldhaus

Robert Siodmak: Retrospektive des Zeughauskinos in Berlin

Wider das Vergessen: Robert-Siodmak-Retrospektive im Zeughauskino Berlin

Nach der 1998 im Rahmen der Berlinale erfolgten (seit 1980 übrigens zweiten) großen Retrospektive hat sich in den Monaten April bis Juni 2014 das Zeughauskino in Berlin erneut des Filmschaffens von Robert Siodmak angenommen.

Robert Siodmak zählt zu den großen deutschen Regisseuren der Kinogeschichte. Nach ersten Erfolgen ab 1930 verließ er Deutschland bereits kurz nach der Machtergreifung. In Paris fasste er infolge der deutsch-französischen Verflechtungen von Seiten der UFA schnell Fuß, obwohl er nie eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung erhielt. Im Sommer 1939 verließ er Europa in Richtung USA, wo er sich nach anfänglicher Durststrecke wiederum sehr gut etablieren konnte. In seinen Hollywoodjahren gehörte er zu denen, die in besonderem Maße das Kino der so genannten „Schwarzen Serie“, z. B. The Killers (1946), mitgeprägt haben. Er war allerdings nicht auf das Thriller-Genre festgelegt, sondern erwies sich durchaus als ein Allrounder. 1952 nahm Siodmak mit dem bereits in Europa gedrehten charmanten  Piratenabenteuer The Crimson Pirate * Der rote Korsar Abschied von Hollywood. Er kehrte nach Europa zurück und schaffte auch unter den in der Alten Welt finanziell deutlich schwierigeren Bedingungen einen nochmaligen Neuanfang. Aus dieser letzten Schaffensphase sind im Wesentlichen zwei deutsche Produktionen, Die Ratten (1955) nach Gerhardt Hauptmanns Drama und Nachts, wenn der Teufel kam (1957), als herausragend in die Kinogeschichte eingegangen. Siodmak hat aber selbst da, wo ihm die zeitgenössische Kritik Tiefpunkte seiner Karriere bescheinigte, etwa im Karl-May-Abenteuer Der Schut (1964) oder in seiner letzten Arbeit, dem für Arthur Brauner produzierten Monumentalschinken Kampf um Rom (1968/69), immer noch Beiträge geliefert, die im Sinne eines soliden Familien- und Jugendunterhaltungskinos dank stimmungsvoller Bildkompositionen eine Reihe visuell sehr ansprechender Momente besitzen. Bis zuletzt war er darauf versessen im Filmbusiness aktiv zu sein. Im März 1973 ist Robert Siodmak im Alter von 72 Jahren in Ascona an einer Herzattacke gestorben.

Anlässlich der 1998er Retrospektive erschien „Siodmak Bros., Berlin – Paris – London–Hollywood“, ein umfangreicher, leider nur noch antiquarisch erhältlicher Sammelband, der sich neben dem Regisseur Robert auch dem als Drehbuchautor und Schriftsteller tätigen Bruder Kurt (späterhin Curt) Siodmak widmet. Auf diesen „großen Bruder“ wird denn auch in den Fußnoten des hier besprochenen Bändchens häufiger Bezug genommen, z. B. in Wolfgang Jacobsens „Robert Siodmak. Eine Vorbemerkung“. Der Filmhistoriker Jacobsen war beim 1998er Band Mitherausgeber und zeichnete für die Segmente Biografie und Filmografie von Robert und Kurt Siodmak verantwortlich.

Frederik Lang, Kurator der jüngsten Retrospektive, hat den nun vorliegenden, kleinen aber feinen Sammelband aus den zu den Veranstaltungen gehaltenen Einführungsvorträgen zusammengestellt. Chris Wahl beschäftigt sich mit Siodmaks für die Ufa in der frühen Tonfilmära in verschiedenen Sprachen produzierten „Sprachversionsfilmen“. Betrachtet werden die Kriminalfilme Voruntersuchung (1931) und Stürme der Leidenschaft (1932). Der Letztgenannte in einer in Japan entdeckten Kopie der hierzulande verschollenen deutschen Fassung. In „Das Exil als Utopie“ erläutert Karl Prümm warum es so schwierig ist, im Siodmak-Œuvre eindeutige Autorenschaft und damit eine charakteristische Handschrift festzustellen. Im Zentrum der Betrachtung steht dabei die im französischen Exil inszenierte musikalische Komödie La crise est finie! (1934, Musik: Franz Waxman).

Ralph Eu vermittelt in „I haff Spocken!“ einige Fakten und Überlegungen zu einem filmischen Siodmak-Kuriosum: dem prallbunten Universal-Dschungelabenteuer in Technicolor Cobra Woman (1943), von dem übrigens ein Szenenfoto das Buchcover ziert. Universals 1001-Nacht-Garde, Maria Montez, Jon Hall und auch Sabu, sind in dem fantastischen Spektakel mit von der Partie. Siodmak kommentierte diesen heute fast vergessenen Streifen selbstironisch, er sei zwar verrückt, habe aber Spaß gemacht. Von Lukas Foerster stammen „Seh-Eindrücke zu Christmas Holiday“, keinesfalls, wie nach dem Titel zu vermuten, ein Feel-Good-Weihnachtsfilm, sondern vielmehr ein unerwarteter Noir-Alptraum mit darin aufgestellten Weihnachtsbäumen aus dem Jahr 1944. Claudia Mehlinger analysiert in „Jetzt müssen wir’s aber erzählen“ die Gerhardt-Hauptmann-Adaption Die Ratten (1955) aus zeitgemäßer, moderner Sicht. Den Band beschließt eine Übersicht über Siodmaks Film-Œuvre in verschlankter Aufmachung: Neben Cast and Credits finden sich einige Anmerkungen zu den Filmen sowie  Infos zur Herkunft des gezeigten Filmmaterials (Kopie oder auch Blu-ray).

Damit vereint diese ansprechende kleine Monografie allesamt sehr lesenswerte Exkurse, in denen bislang wenig Geläufiges zum Werk Robert Siodmaks, eines immer noch unterschätzten Großen des Kinos erfahrbar wird. Das macht zugleich erheblich Lust darauf das filmische Œuvre möglichst flächendeckend auch daheim in ToP-HD-Blu-ray-Ausgaben entdecken zu können.

Titel: Robert Siodmak: Retrospektive des Zeughauskinos in Berlin
Erschienen: 2014

Zusatzinformationen: (D) 14,90 €

Medium: Buch
Verlag: Schüren Verlag GmbH, Marburg
Kennung: 978-3-89472--914-1


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