3D

Veröffentlicht am 21.07.2014 | von Michael Boldhaus

Die Eiskönigin – Völlig unverfroren (3D)

Die Eiskönigin – Völlig unverfroren (3D) Michael Boldhaus
Film
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Frauenpower im Disney-Animationsfilm: Die Eiskönigin – Völlig unverfroren

Frozen • Die Eiskönigin – Völlig unverfroren ist der 53. Animationsfilm aus der Disney-Küche und war der Advents- und Weihnachtsfilm des Jahres 2013. Seit dem 3. April 2014 ist er nun auch für daheim auf 3D-BD, 2D-BD und DVD erhältlich.

Zweifellos ist es dem Disney-Produktionsteam gelungen, den Zeitgeist zu treffen und die anvisierte Zielgruppe heimischer „Prinzessinnen“ bis etwa 12 Jahre in ganz besonderem Maße anzusprechen. Dies belegen eindeutig die hervorragenden Einspielergebnisse: Mit über 1,1 Milliarden US-$ gilt Die Eiskönigin zumindest derzeit als der erfolgreichste Animationsfilm aller Zeiten. In die zum Großteil nicht nur sehr positiven Kritiken, ja mitunter geradezu euphorischen Lobeshymnen vermag ich allerdings nicht einzustimmen. Für mein Empfinden ist hier zwar schon ein sehr ansehnlicher, unterhaltsamer wie familientauglicher Animationsfilm gelungen, aber keinesfalls mehr. Dem stehen verschiedene Inkonsistenzen und damit Schwachpunkte des Handlungskonstrukts entgegen.

Kaum mehr den Titel, hat Frozen noch mit der Märchenvorlage „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen gemein. Die Handlung nutzt vielmehr Elemente und indirekt auch Figuren, die bereits aus Merida und besonders Rapunzel geläufig sind und kombiniert diese mit betont traditionellen Märchenmotiven. In allen drei Filmen haben Männer nicht viel zu melden. Die dafür auf den Plan tretenden weiblichen Protagonisten sind wiederum nicht einfach herkömmliche Märchen-Prinzessinnen und damit solche, die vom möglichst schönen Prinzen gerettet und/oder beschützt und schließlich zum Traualtar geführt werden. Vielmehr bestimmen Powerfrauen die Handlung, die ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen.

Im Zentrum von Die Eiskönigin stehen die zwei Prinzessinnen des Königreichs Arendelle, Anna und Elsa. Elsa, die Ältere, verfügt über magische Kräfte, die sie, insbesondere wenn ihre Emotionen in Wallung geraten, kaum kontrollieren kann. Sie wird dann zu einer Miss-Freeze, bei der alles, was sie berührt, tief gefroren wird. Beim unbedarften Spiel mit ihrer jüngeren Schwester Anna kommt diese sogar um ein Haar ums Leben. Aus diesem Grund werden die Mädchen von ihren Eltern fortan isoliert und wachsen voneinander getrennt auf. Nachdem die Eltern tödlich verunglückt sind, soll Elsa Königin werden. Bei der Krönungszeremonie (bei der übrigens Rapunzel und Flynn im Publikum zu sehen sind) läuft alles aus dem Ruder und das Königreich Arendelle versinkt in Eis und Schnee. Elsa ist übrigens im Gegensatz zur Schneekönigin im Andersen-Märchen keine böse Figur, was offenbar bei einigen Schreibern für Verwirrung und Fehlinterpretation gesorgt hat. Die eher verantwortungsbewusste junge Frau entflieht vielmehr der Welt der Menschen, weil sie kein Unheil mehr anrichten will, und lebt fortan in tief verschneiter Einöde in einem Eispalast. Anna allerdings gibt nicht auf: Sie will sowohl das vom ewigen Winter bedrohte Königreich retten als auch Elsa zurückholen und das zerrissene Band zwischen den Schwestern wiederherstellen.

Im sehr zeitgemäß aufgemotzten Märchenplot ist so manches nicht wirklich organisch und somit nicht recht überzeugend mit dem Rest verbunden. Das betrifft besonders den sehr ungelenk-holprigen Einstieg in die Geschichte, etwa das Löschen von Annas Erinnerung an den tragischen Unfall sowie die daran anschließende, offenbar für das Verhältnis kaum folgenreiche, daher wenig glaubwürdige totale Trennung der Geschwister oder auch, dass die Herkunft von Elsas magischen Kräften nicht einmal ansatzweise erklärt wird. Im Vergleich zur ansonsten (allzu) betont modernen Konzeption erscheint die unmittelbare, totale Verliebtheit von Anna zu einem Schönling (Prinz Hans von den südlichen Inseln), der prompt zum Ehemann in spe und sogar zum Regenten des Königreichs erhoben wird, in ihrer völlig naiven Idealisierung geradezu antiquiert. Auch wollen derartig moderne Powerfrauen ins ansonsten doch völlig rückwärtsgewandte Märchensujet nicht so recht passen – in Merida funktioniert das ungleich besser.

Erst wenn Annas Suche nach Elsa beginnt, wird der Handlungsfluss stimmiger. Dass sich Prinz Hans späterhin urplötzlich als rücksichtsloser Fiesling entpuppt, ist zumindest eine respektable Überraschung, auch wenn diese Wendung im Plot noch überzeugender hätte verankert werden sollen. Besonders blass bleibt dafür das für die Story völlig überflüssige und damit letztlich abstruse Schneemonster.

Die Menge der Songeinlagen ist zudem allzu groß bemessen. Abseits des zentralen „Let It Go“ („Lass jetzt los“) besitzen die Lieder für meinen Geschmack auch eher zu wenig Ohrwurmcharakter und, da sie außerdem die Handlung mitunter merklich aus dem Tritt bringen, erscheinen sie besonders aufdringlich. Zusätzlich irritierte mich die orchestrale Eröffnung: klingt es da doch eher nach König der Löwen denn überzeugend nach dem nordischen Schauplatz der Märchenhandlung. Hinzu kommen ein paar unglückliche, penetrante Synchrongags, wie das völlig deplatzierte pseudo Schwyzer-(Emil-)Dütsch in Oakens Berghütte.

Die äußerst professionell, technisch exzellent ausgeführten Animationen im Verbund mit dem vorzüglich modellierten 3D-Effekt und das sorgfältige Produktionsdesign sorgen freilich für eine tadellose Optik. Darunter findet sich so mancher Moment mit Eye-Catcher-Qualität, etwa die stimmungsvolle Eröffnungsszene mit den Eishändlern oder die brillante Sequenz, in der Elsa ihren Eispalast errichtet. Ebenso sorgen einige der zusätzlichen Figuren dank ansprechender Situationskomik für einigen Spaß, etwa Sven, das nette Rentier, und ebenso Olaf, der lustige Schneemann, der originellerweise vom Sommer träumt. Abseits der zweifellos netten und insbesondere visuell eindrucksvollen Momente bleibt der Gesamteindruck aber denn doch etwas blass.

Deutlich mehr als Die Eiskönigin vermochte mich dafür das als Vorprogramm fungierende und erfreulicherweise in den Boni (s.u.) auch in 3D vertretene Shorty Get A Horse, inszeniert von der Regisseurin Lauren MacMullan, zu begeistern. Es handelt sich dabei um eine liebevolle Hommage an die Micky-Maus-Cartoons der schwarzweißen Frühzeit, Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre. Micky gerät mit seinem Widersacher Kater Karlo (Black Pete, der hier noch ein Holzbein hat) aneinander, der seine Freundin Minnie entführt hat. Über die ersten anderthalb Minuten wähnt man sich wie in einem der alten schwarzweißen Cartoons, wobei sich alles in einem im Hintergrund des breiten Scope-Formats aufscheinenden kleineren Bildausschnitt, im klassischen Normalformat, in 2D und mit etwas flachbrüstigem, historisch anmutenden Monosound abspielt. Dann führt das turbulente Geschehen allerdings dazu, dass Micky und sein Freund Rudi Ross zuerst gegen (die sich erkennbar nach vorn ausbeulende) und dann durch ein Loch in der Leinwand hindurch geschleudert werden. Nun agieren sie in einem erst jetzt erkennbar gewordenen Kinosaal (mit Bühne vor der Leinwand) in 3D und in Farbe. Dabei zieht Micky drolligerweise den zusätzlich sichtbar gewordenen Vorhang als Erstes auf Scope-Breite auf. Anschließend erfolgt ein spritziges hin und her zwischen alter schwarzweißer 2D- und moderner, prallbunter 3D-Filmwelt. Dabei gibt es fein in die Story integrierte 3D-Effekte (inklusive pfiffiger Pop-outs!) zu bestaunen. Bis zum witzigen Finale geht es nämlich auch mal ein wenig anarchisch zur Sache, wenn die Leinwand sowohl horizontal wie vertikal gekippt wird, was für Kater Karlo unangenehme Konsequenzen hat, wozu die Toons sich mal so richtig frech und schadenfroh gebärden dürfen.

Originellerweise agieren die Toons hier deutlich frecher und ungestümer als in der Frühzeit der Disney-Cartoons gewohnt. Insbesondere Micky Maus wurde ja bereits ab 1930 zunehmend zum Vorbild für Kinder und damit zum stets braven und moralisch vorbildlichen Mäuserich abgewandelt. Das überaus einfallsreich inszenierte Spektakel wird darüber hinaus, sobald 3D und Farbe ins Spiel kommen – aber nicht vorher –, noch von einem superben Surround-Stereosound unterstützt. Das sollte man sich nicht entgehen lassen und möglichst in 3D genießen. Get A Horse erhielt zu Recht eine Oscar-Nominierung in der Kategorie „Bester animierter Kurzfilm“.

Die Eiskönigin in 3D auf BD

Wie bei Disney in der Regel zu erwarten, ist die Blu-ray zu Die Eiskönigin sehr gut produziert. Das 2D-Bild ist insgesamt vorzüglich. Es zeigt sowohl exzellente Schärfe als auch Kontrast und wartet neben äußerst präziser Detailzeichnung mit stimmiger, mitunter prachtvoller Farbpalette auf. Das gilt mit leichten Abstrichen auch für die 3D-Präsentation. Diese zeigt einen insgesamt vorbildlichen, sehr natürlich erscheinenden Raumeffekt. Allerdings ist eine gewisse Anfälligkeit für leichte Doppelkonturen (Ghosting) unübersehbar, was dann vereinzelt auch für dezente Unschärfe in den Konturen sorgt. Tadellos gibt sich der zum fast perfekten Bild aufspielende Ton-Mix in Deutsch in DTS-HD High Resolution 7.1. Dieser steuert sowohl kraftvolle als auch sehr subtile und präzise im Klangfeld positionierte Effekte bei und sorgt damit für eine insgesamt sorgfältig ausbalancierte Surroundtonkulisse.

Etwas enttäuschend präsentiert sich die im Umfang doch etwas mickrige Boni-Sektion. Ist doch das auf dem Cover genannte „wahre“ Making-Of „Das Eis brechen“ kurioserweise überhaupt nicht enthalten. Diesen Lapsus vermag der sich hinter dem rund drei-minütigen „Hinter den Kulissen“ verbergende recht drollige Auftritt des Produktionsteams in einer Musicalnummer oder das ebenfalls knappe, rund sieben-minütige Feature „Aufgetaut: Disneys Reise von Hans Christian Andersen zu Die Eiskönigin“ nicht zu kompensieren. Darüber hinaus gibt’s noch vier nicht verwendete Szenen als Storyboard-Entwürfe und für die Musical-Fans über 16 Minuten den zentralen Song „Let It Go“ (bis zum Abwinken) in mehreren Sprachfassungen. Recht nett ist auch der sich betont klassisch und unverwechselbar disneytypisch gebende Teaser-Trailer, in dem Schneemann Olaf und Sven das Rentier einen netten Auftritt erhalten. Mit der eigentlichen Filmhandlung hat dieser allerdings nichts zu tun.

Erfreulicherweise ist der rund sechs-minütige 3D-Kurzfilm Get A Horse auch in der 3D-Version vorhanden und wird auch in dieser praktisch makellos präsentiert. Lustigerweise ist Micky im englischen Original anhand von Archivmaterial sogar die Stimme von Walt Disney unterlegt, in der deutschen Fassung besorgt dies Mario Jascheroff.

Fazit: Trotz des ähnlich wie bei Rapunzel – Neu verföhnt dösigen Zusatztitels ist unterm Strich auch Die Eiskönigin – völlig unverfroren, in jedem Fall eine sehr solide Familienunterhaltung. Ein richtig großer Wurf ist es nach meinem Empfinden allerdings nicht. Alles in allem bleibt der Spaßfaktor merklich hinter dem des deutlich pfiffiger und gewitzter umgesetzten Rapunzel zurück und mit der Originalität von Pixar Spitzenprodukten, etwa der Toy-Story-Trilogie oder Ratatouille, vermag sich das nunmehr 53. Animationsabenteuer der Disney-Studios erst Recht nicht zu messen. Nach meinem Empfinden wird Die Eiskönigin ähnlich überschätzt, wie der seinerzeit ebenfalls sehr erfolgreiche Der König der Löwen. Umso vorbehaltloser verweise ich dafür auf den besonders gelungenen Vorfilm Get a Horse, diese so liebevolle wie einfallsreiche und zugleich ungemein witzige Hommage an die ganz frühen Mickey-Maus-Cartoons der Ära „Steamboat Willie“.

Zur Erläuterung der Wertungen lesen Sie bitte unseren Hinweis zum Thema Blu-ray-Disc versus DVD.

Titel: Die Eiskönigin – Völlig unverfroren (3D)
Erschienen: USA, 2014

Zusatzinformationen: 3Disc-Blu-ray-Set (3D-BD + BD)

Medium: Blu-ray, 3D
Verleih: Walt Disney Home Entertainment
Kennung: BGY 0125504

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