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Veröffentlicht am 12.06.2011 | von Michael Boldhaus

Kleine Klassikwanderung 49

Kleine Klassikwanderung 49

Ein erster Griff in die 2009 von Carl Davis, seiner Frau Jean und Charles Padley begründete „Carl Davis Collection“ fördert direkt drei prächtige, klingende Edelsteine zu Tage. Neben der Filmmusik zur TV-Produktion der BBC Cranford (2007) zwei Ballettkompositionen, „Cyrano“ (2007) und „Alice in Wonderland“ (2000). Außerdem wird präsentiert, der seit 2004 in Arbeit befindliche und aktuell durch die fünf Solokonzerte ergänzte Glasunow-Sinfonien-Zyklus von Warner Classic unter dem aus Uruguay stammenden José Serebrier (* 1938), der neben seiner Tätigkeit als Dirigent auch komponiert. Sein Mentor war der berühmte Leopold Stokowski, des Weiteren erlernte er das Dirigieren bei den Pultlegenden Pierre Monteux und Antal Dorati.

Die „Carl Davis Collection“

Der aus New York stammende Carl Davis (•1936) lebt seit 1960 vorwiegend in London. Bekannt wurde er Filmmusikfreunden zuerst durch seine TV-Dokumentarfilmvertonungen, wie The World at War (1973) über den 2. Weltkrieg, und Hollywood (1980), die faszinierende 13-teilige Serie über die Stummfilmära nach Kevin Brownlows Standardwerk „Pioniere des Films: Vom Stummfilm bis Hollywood“ (Originaltitel „The Parade’s Gone By“). Begründet durch Hollywood begann für Davis in den 1980ern die Ära der Neuvertonungen diverser restaurierter Stummfilme wie Napoléon (1926) von Abel Gance oder Ben Hur (1925) von Fred Niblo — siehe dazu auch „The Silents“. Davis hat darüber hinaus eine Vielzahl weiterer TV-Produktionen sowie verschiedene Kinofilme vertont, darunter The French Lieutenant’s Woman (1981), King David (1984), The Rainbow (1989) und Pride and Prejudice (1995). Bereits in der Mitte der 1970er begann er aber auch Auftragskompositionen für das Tanztheater auszuführen. Das bei Naxos erschienene exotische Ballett „Aladdin“ (2000) war vor rund einer Dekade die erste der auf Tonträger verfügbaren Ballettmusiken. Dank der Carl-Davis-Collection haben diese nun Verstärkung erhalten.

Carl Davis ist kein allzu moderner oder experimenteller Tonsetzer, geschweige denn ein Neutöner. Er ist vielmehr ein Traditionalist im besten Sinne des Wortes. Damit ist gemeint, dass er aus verschiedenen Stilen, bevorzugt des 19. Jahrhunderts, schöpft und diese auf handwerklich stets hohem Niveau in seine vorwiegend romantisch geprägte, auf Wohlklang und Melodie setzende Tonsprache integriert. So sind „Aladdin“, „Alice in Wonderland“ und „Cyrano“ im Stil des spätromantischen klassischen Balletts gehaltene Ballettkompositionen. An dieser Stelle rümpfen einige Anhänger des modernen Tanztheaters vermutlich die Nase, denen die traditionellen Ballettmusiken als kaum noch erträglich erscheinen. Vielleicht ist es gar typisch britisch, dass Institutionen wie das English National Ballet oder das Sadler’s Wells Royal Ballet den Mut besitzen, das Repertoire des klassischen Balletts mit, im Ausdruck bewusst rückwärtsgewandten Kompositionsaufträgen zu erweitern. Zwar kann man dies als nicht zeitgemäß empfinden, aber man kann Davis nicht absprechen, dass er für derartigen, souverän und für die jeweilige Thematik einfühlsam wie elegant gehandhabten Eklektizismus ein Händchen besitzt.

2 x Davis à la ballett

„Cyrano“ liegt das Bühnenstück „Cyrano de Bergerac“ von Edmond Rostand, entstanden 1897, zugrunde, das ebenfalls als Vorlage für Michael Gordons 1950er Verfilmung mit José Ferrer in der Titelrolle wie auch für die 1990er Verfilmung von Jean-Paul Rappeneau mit Gérard Depardieu diente. Es geht um den berühmten freigeistigen, barocken Haudegen, versehen mit außergewöhnlich großer Nase und ebenso großem poetischen Talent. Die tragische, unerfüllte Liebe zu seiner Cousine Roxane bringt er zum Ausdruck, indem er für einen ebenfalls in Roxane verliebten Regimentskameraden als Ghostwriter leidenschaftliche Liebesbriefe verfasst.

Diese Davis-Ballettkomposition besitzt punktuell ansprechendes barockes Flair mit Lully-Touch, einen schmissigen Marsch für die Militärkadetten, und natürlich kommt auch das üblich Balletthafte, Tänzerische nicht zu kurz. Mitunter klingt es auch mal ein wenig nach Filmmusik, nicht zuletzt in dem Thema der „Hoffnung“ zu Tage tretenden merklichen Korngold-Feeling.

„Alice in Wonderland“ basiert hingegen auf Wunsch des Auftraggebers auf Musik von Tschaikowsky. Bis auf den bekannten Walzer aus der 5. Sinfonie sind dabei reizvollerweise durchweg weniger bekannte Stücke des russischen Meisters adaptiert worden: zum Großteil aus den Klavierstücken des „Kinderalbums“ Op. 39, den vier Orchestersuiten, der besonders selten zu hörenden Bühnenmusik zu „Hamlet“, der Tondichtung „Der Sturm“ etc. Darin mag der eine oder andere eine etwas merkwürdig anmutende Tschaikowsky-Wundertüte erkennen. Geschickt gemacht und damit hörenswert sind die Adaptionen aber in jedem Fall.

Zur jeweils sehr sorgfältigen und auch tontechnisch tadellosen Einspielung („Cyrano“ mit der Royal Ballet Sinfonia unter Paul Murphy, „Alice in Wonderland“ mit den Prager Sinfonikern unter Carl Davis selbst) gibt es ein ebenso feines Begleitheft hinzu, das für jedes Stück Infos zu Musik und Handlung enthält. Bei „Alice in Wonderland“ ist darüber hinaus jeweils angegeben, welches Tschaikowsky-Original adaptiert worden ist.

Cranford (BBC-Mini-Serie)

In der fünfteiligen TV-Mini-Serie Cranford der BBC geht es um eine fiktive, kleine, verschlafene Stadt im Nordwesten Englands in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts. Das Viktorianische Zeitalter hat begonnen, und der sich abzeichnende soziale wie gesellschaftliche Wandel macht auch vor dem von sittenstrengen Damen (verkörpert von u. a. Eileen Atkins und Judi Dench — James-Bond-Lady, aber auch als Königin Victoria in Ihre Majestät Mrs. Brown) behüteten idyllischen Cranford nicht halt. Die mit zahlreichen Preisen versehene Mini-Serie entstand nach mehreren Romanen, die Elizabeth Gaskell zwischen 1849 und 1858 veröffentlichte, wobei der den Titel gebende „Cranford“ 1853 erschienen ist. Anlässlich des großen Erfolges der ersten drei Teile in der Weihnachtssaison 2007 legte die BBC noch einmal nach, in Form einer Fortsetzung als Weihnachts-Zweiteiler im Jahre 2009.

Die Filmmusik zu Cranford ist mindestens ebenso fein geraten wie die Ballettkompositionen. Davis lässt hier nicht die Muskeln des Ensembles spielen, sondern setzt in ganz besonderem Maße auf Transparenz und Schlankheit des Klanges, indem er ausgiebig mit Instrumental-Soli arbeitet. Das sorgt neben dem luftig-pastoralen Light-Music-Touch zugleich für elegante serenadenhafte Stimmungen. Zu den ohrwurmtauglichen Highlights zählen das in „The Language of Flowers“ auftauchende schottische Volkslied „Loch Lomond“ oder auch das ebenso ansprechende irische Lied in „Christmas Is Coming“. Letzteres wird nach dem vokalen Vortrag im nachfolgenden „Snowdrop“ nochmals charmant vom Orchester zitiert. Die zudem thematisch recht vielseitige Vertonung reflektiert die Epoche der Filmhandlung in der Ensemblegröße und einigen eingestreuten Source-Cues und ist auch durch Anleihen an elisabethanische Tänze in „Green Man“ und „Mayday“ dezent historisierend angelegt. Dabei erhält das recht markante Titel-Thema zugleich den Charakter eines wiederkehrenden Leitmotivs. Dafür sind fette vier, also wertungsmäßig nach oben zeigende, Cinemusic.de-Pfingst-Sterne unverzichtbar. Der kleine Sympathiezuschlag, dem ich mich an dieser Stelle einfach nicht verweigern mag, führt dann zur Albumwertung von viereinhalb. Das großzügig bestückte Album dieser mit viel Sinn und Gespür für Klangfarben gestalteten, unmittelbar eingängigen Musik zur BBC-TV-Serie ist in jedem Fall ein besonders feines Entree zur Carl-Davis-Collection.

Auch hier gibt es weder an der Einspielung unter Rolf Wilson noch an der Arbeit der Toningenieure etwas zu bemängeln. Das mit den Ballettmusik-Alben vergleichbar liebevoll und sorgfältig editierte Begleitheft versorgt den Leser mit detaillierten Infos zu jedem Track, die zugleich einen kleinen Führer durch die fünfteilige Miniserie bilden.

Alexander Glasunow (1865-1936): Die Sinfonien und Solokonzerte unter José Serebrier

Alexander Glasunow gehört zu den Komponisten, deren Musik nicht nur im hiesigen Konzertleben eher ein Schattendasein führt. Abgesehen von einzelnen Aktionen unter speziell russischem Etikett ist sein Werk kaum vertreten. In erster Linie kommt sein unmittelbar eingängiges, sehr klangschönes Violinkonzert zum Zuge. Besonders in Radioprogrammen taucht außerdem gelegentlich die energiegeladene Tondichtung „Stenka Rasin“ auf. Umso erfreulicher ist es, dass auch im jüngst vergangenen ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends ein weiteres Label angetreten ist, die Glasunow-Diskografie zu erweitern. Zwischen 2004 und 2009 hat Warner Classics unter der Leitung von José Serebrier mit dem Royal Scottish National Orchestra sämtliche Sinfonien eingespielt. Und erst kürzlich haben der Dirigent und das Russian National Orchestra nun noch die fünf Solokonzerte nachgereicht.

Glasunow war kein Rebell, sondern Traditionalist. Und als solcher ein Vollender. Gerade durch seine dünkellose pädagogische Arbeit am Petersburger Konservatorium, dessen Rektor er lange Jahre war, aber auch durch seinen selbstlosen Einsatz für begabte, mittellose Studenten hat er Bedeutendes für die Entwicklung der russischen Musik in den ersten rund drei Dekaden des 20. Jahrhunderts geleistet. In seinen kompositionstechnisch meisterhaft ausgeführten Sinfonien und ebenso in verschiedenen der ebenso reizvollen kleineren Orchesterwerke spiegelt sich die von ihm herbeigeführte Vollendung der Traditionen wider: Die Vereinigung der Kompositionsstile der Vertreter des nationalrussischen „Mächtigen Häufleins“ mit denen der als westlich orientiert geltenden lyrisch-dramatischen Tschaikowsky-Schule. Dies als Konsequenz aus der bereits in seinen frühen Zwanzigern gefolgerten Erkenntnis, dass der von Vertretern beider Lager polemisch ausgetragene Konflikt zwischen „russisch“ und „westlich“ überholt und letztlich gegenstandslos war. Glasunow, späterhin ein weit gereister, in der Welt herumgekommener Mensch, betrachtete die russische Musik dagegen aus einer eher kosmopolitischen Perspektive heraus, sah sie als Teil einer erweiterten europäischen Gesamtkultur. Das ist der Boden, den er für die ihm nachfolgenden Komponisten, die zum Teil auch seine Schüler waren, bereitet hat. Ein Nachhall findet sich in den Sinfonien und Konzerten von Skriabin und Rachmaninoff.

Da Glasunow seinen Stil vervollkommnet, aber nicht wesentlich verändert hat, erscheint der Tonfall der nach 1900 entstandenen Werke rückwärtsgewandt. Oft ist der Komponist deshalb der Rückständigkeit bezichtigt und seine Musik als akademisch, im Sinne von trocken und langweilig, abqualifiziert worden. Einer seiner Schüler, der junge Prokofjew, schrieb zwar über ihn: „Er passt nicht mehr in unsere Zeit.“, bescheinigte ihm aber ebenso: „Er war mit Leib und Seele Musiker, handwerklich kam ihm keiner gleich. … Wer wollte ihm da noch vorwerfen, dass seine Fantasie konservativ blieb, lieber im schönen Gestern zuhause als im hässlichen Heute?“

Um sich Glasunow zu nähern, hilft die häufig zu lesende Bezeichnung „russischer Brahms“ zumindest ein Stückchen weiter. Sie bezieht sich neben der formtechnischen Eleganz auf die eher kontrollierte, subtile Emotionalität im Ausdruck, anstelle von in Klang gesetzten Gefühlsausbrüchen und Weltschmerz à la Mahler. Das Vorbild seines Lehrers Rimsky-Korsakoff, Komponist der effektvollen „Scheherazade“, spiegelt sich im Glanz- wie Effektvollen seiner eindeutig spätromantischen Musik. Nachdem er 1889 mehrere Aufführungen der Ring-Opern in St. Petersburg besucht hatte, treten Wagner’sche Harmonik und Klangfarben der Ausdruckspalette hinzu, ohne dass man unmittelbar eindeutige Bezugspunkte festmachen könnte. Die unüberhörbare Neigung zu orchestralem Prunk wird durch das von Wagner Übernommene allerdings zweifellos begünstigt. Der häufig glanz- und prachtvoll klingende Orchestersatz belegt aber letztlich sein Gespür für spätromantische Klangentfaltung. Dem wird das heutzutage schnell im Sinne von überladen und damit eher negativ besetzte Attribut „Pathos“ nur bedingt gerecht.

„Außer Mendelssohn hat keiner so gut angefangen wie Glasunow!“, äußerte Balakirew begeistert, als er 1882 die 1. Sinfonie des Halbwüchsigen gehört hatte. Entsprechend reagierte der greise Franz Liszt, der das Stück 1884 zum 25. Bestehen des „Allgemeinen Deutschen Musikvereins“ in Weimar aufführen ließ und prophezeite: „Von diesem Komponisten wird die ganze Welt sprechen“. Die letzte vollendete Sinfonie, die Nr. 8, stammt aus dem Jahr 1905. Die vorliegende Serebrier-Einspielung der Sinfonien wird übrigens abgerundet durch die Fragment gebliebene 9. Sinfonie: in Form des 1. Satzes, vollendet von G. Judin. Hörenswert und keineswegs oberflächlich sind sie zweifellos alle, etwa der spritzige charmante Erstling des noch nicht 17-Jährigen. Aber erst ab der 4. Sinfonie ist die Meisterschaft im Tonsatz und damit die Struktur voll ausgeprägt. Weniger hilfreich in der Betrachtung sind die inoffiziellen Beinamen, wie „Slawische Sinfonie“ (Nr. 1), „Zum Gedächtnis Liszts“ (Nr. 2) oder „Pastorale“ (Nr. 7). Auflegen und Einhören ist erheblich gewinnbringender. Dabei entdeckt der Hörer oftmals bereits beim ersten Durchgang die eine oder andere auch späterhin geschätzte Perle. Die ganze Schönheit und der Reichtum dieses insgesamt eindrucksvollen Sinfonien-Zyklus’ offenbaren sich natürlich erst beim mehrfachen Hören. Das wird dann zum spannenden Prozess, bei dem jede der Sinfonien zunehmend interessanter erscheint, je mehr sich die kunstvolle Architektur und die Virtuosität in der Gestaltung abzeichnen. Erst so erkennt man den Variationsreichtum, die dichte motivische Arbeit und die ausgefeilte kontrapunktische Gestaltung in dieser Musik. Die elegante, technisch anspruchsvolle satztechnische Ausformung, das Akademische, geht einher mit einer stets äußerst geschickt und klangsinnlich ausgeführten Instrumentierung. Das Gesamterlebnis Glasunow-Sinfonien ist also keineswegs gleichförmig, vielmehr reich an Entdeckungen.

Serebrier ist hörbar der richtige Mann am richtigen Platz und bringt seine Zuneigung zu Glasunow bereits in zwei der Begleithefttexte (s. u.) überzeugend zum Ausdruck. Er lässt die Musiker stets mit hörbarer Liebe für den satten Klang aufspielen, ohne dabei die rhythmische Vielfalt und die satztechnische Meisterschaft der Kompositionen zu vernachlässigen.

Neben den Sinfonien sind insgesamt drei der Alben mit wertvollen Zugaben ergänzt: Das komplette Ballett „Die Jahreszeiten“ (1900) — gekoppelt mit der Sinfonie Nr. 5 — sowie die Balletsuite aus dem abendfüllenden Ballett „Raymonda“ (1898) — gekoppelt mit der Sinfonie Nr. 8. Hier wird die Tschaikowsky-Nachfolge deutlich spürbar, ohne, dass es sich dabei bloß um Repliken, etwa des „Nußknacker“ oder von „Schwanensee“, handelt. Diese sich in tanzbare Nummern unterteilenden Kompositionen sind in besonderem Maße unmittelbar eingängig. Neben der Eleganz des Walzers bereichern bei „Raymonda“ spanische, ungarische und orientalische Elemente die Ausdruckspalette. Dank der vielfältigen melodischen Themen, des lyrischen Ausdrucks und ebenso ihres Farbenreichtums sind beide Ballettmusiken zum Einstieg bei Glasunow besonders gut geeignet. Das gilt ähnlich für die dem Andenken Wagners gewidmete, ausgeprägt tonmalerische und kraftvolle sinfonische Dichtung „Das Meer“ (1889), aber auch für die ebenfalls ein wenig filmmusikalisch angehauchte, zum Drama von Oscar Wilde 1908 komponierte „Einführung und Tanz der Salomé“ — beide gekoppelt mit der Sinfonie Nr. 6.

Serebriers temperamentvolle Interpretationen machen die musikalische Struktur der Werke durchhörbar und lassen damit erkennen, welch ein hervorragender Techniker hier am Werk gewesen ist. Einer, dessen Musik aber keineswegs mit oberflächlichem Glanz den Hörer nur blendet, sondern vielmehr eine Tonsprache, die klangliche Üppigkeit mit maßvoll dramatischem Ausdruck und rhythmischer Vielfalt verbindet. Und diese Aussage gilt nicht nur für die Sinfonien und sinfonischen Dichtungen, sondern ebenso für die mit dem Russian National Orchestra und den Solisten Rachel Barton Pine (Violine), Wen-Sinn Yang (Cello), Alexander Romanovsky (Klavier) und Marc Chisson (Alt-Saxophon) erst kürzlich vorgelegten Aufnahmen der Solokonzerte.

Aufnahmetechnisch befinden sich alle Einspielungen auf sehr gutem Niveau und damit auf der Höhe der Zeit. Ebenfalls sehr positiv schneiden die informativen dreisprachigen Texte in den Begleitheften ab, auch wenn die deutschen Übersetzungen hin und wieder einzelne Schnitzer offenbaren. Dirigent Serebrier hat Lesenswertes zu den Doppel-CD-Alben mit den frühen Sinfonien (nur in Englisch) und den Solokonzerten verfasst. Andrew Huth und David Winnower (nur Doppelalbum frühe Sinfonien) bestreiten adäquat den erklecklichen Rest.

Das Werk des Alexander Glasunow ist sicher im ausgehenden 19. Jahrhundert verankert. Der so garantierte Wohlklang bestätigt allerdings nicht das mit dem Namen des Komponisten häufig assoziierte, tradierte (Vor-)Urteil von akademischer Langeweile, etwas, dessen Revision längst überfällig ist. José Serebriers Glasunow-Sinfonien-Zyklus ist zwar nicht konkurrenzlos. Er zählt jedoch unbedingt zur Top-Liga und ist mit der jüngst ebenfalls vollständig vorgelegten Einspielung der Solokonzerte zusätzlich attraktiv, zumal das 1934 als eine der letzten Kompositionen Glasunows entstandene Saxophonkonzert Es-Dur Opus 109, für Alt-Saxophon und Streichorchester, eine diskografische Rarität ist. Als Zugaben firmieren drei charmante Miniaturen, welche das qualitativ vergleichbar hochwertige Doppel-CD-Set angenehm abrunden: „Chant du Ménestrel“ Opus 71, für Cello und Orchester, „Meditation“ Opus 32, für Violine und Orchester und die „Träumerei“ Des-Dur Opus 24, für Horn und Orchester.

Fazit: Die Klassikwanderung 49 vereint zwei der spätromantischen Tradition eng verbundene Komponisten: den Amerikaner Carl Davis (•1936) und den Russen Alexander Glasunow (1865-1936). Deren Kompositionen sind zweifellos nicht am Puls der Zeit. Jünger des oftmals abstrakten Neutönertums werden hier also eher verprellt. Heutzutage allerdings, wo die einzig auf den musikalischen Fortschritt der Avantgarde ausgerichteten Dogmen der Nachkriegsära längst verblasst sind, ist es wieder „erlaubt“, derart vorzüglich auskomponierten und ebenso ausgezeichnet orchestrierten romantischen Wohlklang zu genießen. Wer dem zustimmen kann, wer es also gern niveauvoll und zugleich klangsüffig mag, der sollte hier unbedingt auf Entdeckungsreisen gehen.

Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zu Pfingsten 2011.

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