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Veröffentlicht am 25.04.2011 | von Michael Boldhaus

Die Schlacht am Harzhorn – Roms letzter Feldzug nach Germanien

Die Schlacht am Harzhorn – Roms letzter Feldzug nach Germanien Michael Boldhaus
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Eine rein zufällige Entdeckung von Hobbyarchäologen entpuppte sich schließlich als große Überraschung, nämlich als ein römisches Fundstück. Eingehendere Untersuchungen des archäologischen Rätsels förderten in den Jahren 2008/2009 geradezu Sensationelles zutage. Um das Jahr 235 n. Chr. hat im südlichen Niedersachsen, am so genannten „Harzhorn“, einem, in der Nähe der A7, in Ost-West-Richtung verlaufenden Höhenzug zwischen Bad Gandersheim und Kalefeld, zwischen Römern und Angehörigen Germanischer Stämme offenbar eine Schlacht größeren Ausmaßes stattgefunden.

Das war nicht nur für Geschichtswissenschaftler eine geradezu sensationelle Überraschung. Das landläufige Bewusstsein für die Römerzeit geht vom im Schulunterricht Vermittelten aus. Und so verbindet Otto Normalverbraucher in der Regel mit einem einzelnen Ereignis im Jahre 9 n. Chr., der so genannten Varus-Schlacht im Teutoburger Wald, das Ende des römischen Bestrebens, die Grenze über die Provinz Germania Inferior und damit über die linksrheinischen Gebiete hinaus weiter nach Osten auszudehnen.

Die Historiker sehen das allerdings deutlich differenzierter. Mit der Niederlage des Varus waren die Expansionsbestrebungen der Römer nämlich in Wahrheit noch längst nicht abgeschlossen. Deren Beginn ist etwa auf das Jahr 16 vor Christus zu datieren. Das Varusdesaster führte für die Germanen übrigens nur zu einer kürzeren Atempause von wenigen Jahren. Im Jahr 14 n. Chr. begannen die auch von einer Flottille unterstützten, großangelegten Feldzüge des Germanicus. Dass dabei in den folgenden beiden Jahren römische Legionäre über die münsterländische Bucht, über Ems und Weser hinaus in Richtung Elbe, noch weit ins heutige Norddeutschland hinein vordrangen, ist nur wenig geläufig.

Im Jahr 16 n. Chr. sah sich Germanicus kurz vor dem Ziel, den Widerstand der wilden Germanenstämme entscheidend zu brechen. Doch der damalige Kaiser Tiberius beendete eventuelle Träume einer Großgermanischen Provinz und untersagte seinem Feldherren weitere großangelegte Militäroperationen. Warum? Der bis dahin errungene militärische Erfolg der immerhin rund drei Dekaden währenden Operationen gegen die Germanen stand in keinem vernünftigen Verhältnis zu den erheblichen Kosten und den Verlusten an Menschen und Material. Germanicus standen insgesamt acht Legionen am Rhein zur Verfügung. Das band immerhin etwa ein Drittel der gesamten römischen Armee. Dass es in den, dem Reich eventuell einzuverleibenden Gebieten nur Brennholz, aber keine begehrenswerten Bodenschätze gab und auch die Witterung für die Römer als eher unfreundlich einzustufen war, dürfte ebenfalls eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.

Erst diese Entscheidung des Kaisers Tiberius markierte die grundlegende Wende in der römischen Germanenpolitik. In deren Folge gaben die Römer nach und nach die nördlichen rechtsrheinischen Gebiete komplett auf. Späterhin, etwa ab Ende des ersten Jahrhunderts, begannen Sie mit dem Auf- und Ausbau des sich über rund 550 km bis zur Donau erstreckenden, heutzutage als Weltkulturerbe geltenden berühmten Grenzüberwachungssystems: des Obergermanisch-Rätischen Limes’. Dessen Überbleibsel finden sich hierzulande in den heutigen Bundesländern Rheinland-Pfalz, Hessen, Baden-Württemberg und Bayern.

Vom NDR ist 2009 eine TV-Dokumentation erstellt worden, welche sich ausführlich mit der wissenschaftlichen Spurensuche am Harzhorn auseinandersetzt. Unter dem Titel „45 Min — Rätsel Römerschlacht“ ist diese am Dienstag, den 31. August 2010, erstmalig zu sehen gewesen. Die ungekürzte Langfassung dieses TV-Events, mit rund 62 Minuten Laufzeit, ist seit September auch als DVD von Polyband erhältlich.

Geschichte zum Anfassen bekommt man hier geboten. Es geht um die sinnvolle Interpretation der im Rahmen behutsamer Ausgrabungen zutage geförderten Fundstücke und die mit modernsten technischen Hilfsmitteln gewonnenen Erkenntnisse. Das sich ergebende Gesamtbild resultiert aus der Vielzahl von bisher mehr als 1800 Fundstücken und ihrem jeweiligen Fundort. Die Doku vermittelt einen Eindruck von der faszinierenden wie mühevollen und zeitintensiven Detailarbeit. So muss nicht nur im Außengelände streng systematisch und mit äußerster Behutsamkeit „gegraben“ werden. Dabei kommen übrigens keine Spaten, eher Suppenlöffel zum Einsatz. Die so zutage geförderten, unmittelbar meist völlig unansehnlichen Fundstücke gehen anschließend ins modern ausgestattete Archäologische Laboratorium und werden in weiteren aufwändigen Arbeitsschritten (z. B. filigranes, quasi mikroskopisches Sandstrahlen) erst zu dem, was späterhin auch in Ausstellungen zu sehen sein wird. In der Aufbereitung und Interpretation der Funde kam auch modernste Technik zum Einsatz. Hier beeindruckt besonders das „Airborne Laserscanning“. Hierbei handelt es sich um ein Messverfahren, bei dem geologische Formationen aus der Luft in verschiedenen Überflügen digital erfasst und aus den gewonnenen Daten, ähnlich wie bei der Computertomografie, ein 3-dimensionales Modell errechnet wird, das es gestattet, Geländeformationen wesentlich genauer als zuvor zu studieren. Dabei kann z. B. die vieles verdeckende Vegetation komplett heraus gerechnet werden und dadurch sichtbar werdende kleinste Erhebungen und Vertiefungen werden dahingehend analysiert, ob diese natürlichen Ursprungs sind oder von Fremdeinwirkung (Menschenhand) herrühren.

Erst verschiedene Münzfunde ermöglichten es, die gefundenen Artefakte zeitlich zuzuordnen. Ein wesentliches Problem dabei: Schriftliche Zeugnisse dieser Zeit sind nur sehr lückenhaft erhalten. In den vorhandenen Quellen finden sich jedoch Hinweise auf einen Feldzug, ausgehend vom hinter dem Limes gelegenen Mainz (Mogontiacum), das damals ein großes römisches Legionslager war. Es geht dabei um einen Bericht des römischen Geschichtsschreibers Herodian, der eine Schlacht im Moor im Jahre 235, unter Führung des ersten Soldatenkaisers, Maximinus Thrax, erwähnt, bei der dieser einen großen Sieg errungen habe. Besagte Militäraktion ist von der Wissenschaft bislang als eher klein und auch nur wenig in feindliches germanisches Gebiet vorstoßend angenommen worden. Jetzt kann diese selbst nur knappe Überlieferung so zuverlässig wie möglich ergänzt werden. Der dazu nötige, häufig nicht zweifelsfreie, sondern mehrdeutige wissenschaftliche Erkenntnisprozess wird ebenfalls anschaulich dargestellt. Manches was gestern noch als wahrscheinlich galt, musste infolge eines oder mehrerer weiterer Funde anders interpretiert werden. Immer wieder werden neue Fragen aufgeworfen, kommen dabei auch anhand Sinn machender Spekulationen ganz neue Theorien ins Spiel.

Das was „auf dem Tisch liegt“, ist also letztlich ein verwirrendes Puzzle. Eines, das — mitunter spannend wie ein Krimi — so zusammengesetzt werden muss, dass Interpretation und historische Wahrheit einander möglichst nahe kommen. Konkrete Schlussfolgerungen über das, was sich am Harzhorn abgespielt haben mag, müssen ohne zuverlässige schriftliche Überlieferungen zwangsläufig in weiten Teilen spekulativ bleiben und stellen zwangsläufig eine grobe Näherung dar. Was wirklich geschah, wird wohl nie restlos aufgeklärt werden können.

Schon so ist das Gezeigte zu Roms vergessenem Feldzug eigentlich überhaupt nicht langweilig anzuschauen. Um das Ganze aber noch lebendiger zu gestalten, sind eine Reihe von historischen Spielszenen (so genanntes Reenactment) eingestreut, die anhand der derzeit überzeugendsten Annahmen einen unmittelbar bildhaften Eindruck vom damaligen Geschehen bei Roms letztem Feldzug tief nach Germanien vermitteln sollen.

Die DVD-Präsentation

Polyband liefert die DVD im Amaray-Set nebst zusätzlichem Pappschuber. Der Bildeindruck ist leicht schwankend. Überwiegend zeigt das Bild recht natürlichen Kontrast, eine solide bis gute Schärfe und wartet mit recht vielen Details auf. Nur einzelne Szenen wirken etwas soft und zeigen hin und wieder etwas Bildgriesel. Die „historischen Rückblenden“ sind in einem speziellen Look, in fahleren Farben gehalten, damit sie sich vom Rest deutlich abheben.

Der zugehörige Ton ist klar und sauber, jedoch völlig unspektakulär. Aber krachende Effekte sind ja auch nicht etwas, was man von einer derartigen Dokumentation erwartet. Als eher unpassend empfinde ich allerdings die in einigen Teilen unangenehm aufdringliche Musik. Klar, sowas so etwas ist natürlich auch Geschmackssache. Aber musste es denn unbedingt eine derart penetrant mit Poprhythmik durchsetzte Klangsoße sein?

Zu den rund 62 Minuten Dokumentation kommen noch ca. 25 Minuten an ordentlichen Boni hinzu: Ein kleines Making OfMaking-of, zwei Interviews mit beteiligten Wissenschaftlern sowie eine Bildergalerie.

Der Vollständigkeit halber sei noch angemerkt, dass vom RBB zum Thema noch eine zweite, von der vorliegenden Doku des NDR anscheinend völlig unabhängige, 30-minütige Dokumentation existiert. Diese verzichtet völlig auf „historisierende“ Reenactment-Szenen und scheint auch keinerlei Bild-Material der NDR-Doku zu verwenden. Natürlich kommen dieselben Wissenschaftler zu Wort, aber gerade das hier zu sehende Bildmaterial ist in Teilen schon merklich anders. Beispielsweise wird nur hier auf das römische Mainz näher eingegangen. Auch der Ton ist merklich anders aufgebaut, kommt ohne die erwähnte Poprhythmik aus. Es handelt sich somit nicht um eine Kurzfassung der NDR-Dokumentation.

Weiterführende Links:

Die offizielle Homepage zur „Römerschlacht am Harzhorn“

„Roms vergessener Feldzug: Römisches Schlachtfeld am Harzrand entdeckt“, in Scinexx, Das Wissensmagazin

Zur Erläuterung der Wertungen lesen Sie bitte unseren Hinweis zum Thema „Blu-ray-Disc versus DVD“.

Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zu Ostern 2011.

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Titel: Die Schlacht am Harzhorn – Roms letzter Feldzug nach Germanien
Erschienen: 2010

Zusatzinformationen: Looks GmbH, NDR 2010

Medium: DVD
Verleih: Polyband
Kennung: DVD 75760-1

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