CD

Veröffentlicht am 23.12.2007 | von Michael Boldhaus

Some Came Running

Some Came Running Michael Boldhaus
Bewertung

Vincente Minnelli inszenierte Some Came Running • Verdammt sind sie alle (1958) nach dem Roman „Die Entwurzelten“ von James Jones — Autor von „Verdammt in alle Ewigkeit“. Im Zentrum dieses Weltkrieg-II-Kriegsheimkehrer- und Verlierer-Dramas steht der Schriftsteller Dave Hirsh (Frank Sinatra), der sich in der Heimat nicht mehr zurechtfindet.

Auf das längst zur Veröffentlichung vorgesehene FSM-Album hat der Filmmusikfreund wegen außergewöhnlicher technischer Probleme lange warten müssen. Die dreikanaligen Stereo-Magnettonfilmmaster zeigen nämlich über weite Strecken einen schlichtweg merkwürdigen Defekt: der Mitten-Kanal ist aus unerklärlichen Gründen gelöscht. Mit Hilfe von aus verschiedenen Quellen (u. a. aus dem Privatarchiv Bernsteins und von Acetat-Platten aus dem Archiv der University of Southern California) stammenden, in Mono-Abmischung angefertigten Kopien hat man behutsam die im Zentrum des musikalischen Geschehens vorhandenen Lücken ausgefüllt. Dass es dabei vereinzelt zu gewissen Anomalien im Klangbild kommt, wird im Begleitheft klar gesagt, wobei allerdings gilt: großartig aufgefallen sind mir derartige Artefakte auch bei mehrfachem Hören nicht.

Insofern kann man klar sagen: Das Warten hat sich gelohnt. Dies gilt aber auch in Bezug auf das Wichtigste, nämlich die veröffentlichte Musik. Elmer Bernstein stimmt den Hörer ins musikalische Geschehen ein mit einem mitreißenden jazzig aggressiv gefärbten, wuchtigen Trauermarsch, Track 1 („Prelude“), der im Rhythmus auch ein wenig herrmannesk wirkt. Anschließend präsentiert er einen sehr geschickt gehandhabten Stilmix. Anzutreffen sind soft-bluesig gehaltene melodische Passagen, eher scharf aggressive, an Alex North (A Streetcar Named Desire) erinnernde jazzige Teile und ebenso lyrische Americana-Einschübe. Hier macht es insbesondere die ausgewogen erscheinende Mischung und auch das Durchdringen der beiden klanglichen Ebenen. Wobei ein Teil der erstklassigen Wirkung auf das Konto der mitreißenden Interpretation der Originaleinspielung geht. Blues und Jazz fungieren für das halbweltlerisch-leichtlebige Nachtleben und funktionieren dabei zum Teil direkt als Source-Musik: z. B. Track 7 („Better Beguine“). Davon hebt sich die lyrische, von eingängigen Themen bestimmte, auf das Golden Age verweisende Americana markant ab, die als klangliches Sinnbild für die „bessere“ bürgerliche Gesellschaft steht. Dabei liefern die einprägsamen Themen beispielsweise in Track 5 („View from Parkman“), in Track 14 („Gwen’s Theme/Metamorphosis“) oder das Walzerhafte in Track 8 („Thwarted“) dem Hörer zugleich ohrwurmartige Bezugspunkte.

Hinzu kommen die Handlung auf den Kulminationspunkt vorantreibende Piècen, in denen mit Jazz-Einflüssen durchsetzte Sinfonik häufig zusammen mit einer an Bartók und Strawinsky gemahnenden Rhythmik agiert. Wobei hier nicht zuletzt in den Ostinatifiguren des Klaviers Goldsmith in den Sinn kommt. Und in den ungemein peppigen Jazz-Stücken schimmert bereits das urbane Feeling der (im weitesten Sinne) Bond-Musiken der 60er Jahre hindurch.

Das gegenseitige Durchdringen der beiden Ebenen des Scores schafft nicht ausschließlich Zusammenhalt. Auch rund 50 Jahre nach dem Filmstart handelt es sich um ein immer noch recht modern, zugleich erfrischend und knackig wirkendes musikalisches Kontrastprogramm — was gerade im Filmgenre Melodram keine Selbstverständlichkeit ist.

Bernstein hat seinerzeit Teile der Musik neu eingespielt und auf einer LP von Capitol Records veröffentlicht, die später auch als Cloude-Nine-CD wiederveröffentlicht worden ist. Auf dem FSM-Album ist nun mit rund 53 Minuten Score-Anteil plus ca. 26 Minuten Bonusstücken erstmalig die praktisch vollständige Musik in der Originaleinspielung greifbar und fast durchweg in sauberem Stereo zu hören. Im Bonusmaterial finden sich einige nicht verwendete Stücke — so genannte „Outtakes“ — und diverse Source-Cues; darunter der in einer Nachtklubszene erklingende Van-Heusen/Sammy-Cahn-Song „To Love and Be Loved“, den Frank Sinatra und Dean Martin erst im Nachhinein (!) zum Hit machten.

Der Sound ist nicht derart klar wie von den am besten erhaltenen Tonmastern aus dem Archiv von MGM gewohnt. Die akustische Perspektive ist vielmehr ein wenig verhangener, der Klang damit nicht derart präsent und durchsichtig wie z. B. bei Raintree County. Die attestierten leichten Einschränkungen sind allerdings eher einer korrekten Berichterstattung geschuldet, als dass sie in der Hörpraxis als echte Einschränkung empfunden werden.

Das sehr informative und ebenso vorzüglich mit Bildmaterial ausgestattete Begleitheft belegt, wie liebevoll hier gearbeitet worden ist. Entsprechend mit Mühe und Ausdauer wurde das Audiomaterial zusammengetragen und behutsam klangtechnisch aufbereitet. Die ebenfalls bei FSM erschienene Bernstein-Musik zu From the Terrace • Von der Terrasse (1960) kann kompositorisch zwar kaum als entscheidend schlechter bezeichnet werden. Durch ihre in Teilen unüberhörbare melodramatische Süße mit dezentem Saccharin-Touch wirkt sie aber letztlich deutlich altbackener. Im Umfeld der anderen Jazz-inspirierten Arbeiten Bernsteins jener Jahre — The Man with the Golden Arm (1955), Sweet Smell of Success (1957), The Rat Race (1960) und Walk on the Wild Side (1962) ragt Some Came Running als Höralbum ein Stück heraus. Gerade die hier gebotene Mixtur aus Golden-Age-Sound und jazzig-urbanem Aufbruch macht vieles vom unmittelbaren Hör-Reiz, der Spannung und damit zugleich der Coolness dieser Filmmusik aus. Dafür sind fette fünf Sterne, also eine Wertung mit klarer Tendenz zu fünfeinhalb, angemessen.

Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zum Jahresausklang 2007.

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Titel: Some Came Running
Erschienen: 2007

Laufzeit: 78:48 Minuten

Medium: CD
Label: FSM
Kennung: Vol. 10 No. 1

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