Raintree County

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
7. April 2007
Abgelegt unter:
CD

Score

(5.5/6)

Edward Dmytrycks Raintree County * Das Land des Regenbaums (1957) gehört in die Schlussphase des Hollywooder Studiosystems alter Prägung und bildet auch musikalisch einen Nachklang des so genannten „Golden Age“. Inhaltlich ist die episch angelegte Filmhandlung ein Bürgerkriegsmelodram, das mit dem werbenden Vermerk „In the great Tradition of Civil War Romance“ an den legendären Erfolg von Vom Winde verweht (1939) anknüpfen sollte. Neben üppiger Ausstattung und Stars wie Elizabeth Taylor und Montgomery Clift sollte dies durch das mit einem Format von 1 : 2,75 ultrabreite, erstmalig zum Einsatz kommende MGM-Camera-65-Verfahren in Kombination mit mehrkanaligem Stereoton erreicht werden.

2044Daran war nach enttäuschenden Previews allerdings kaum mehr zu denken. Das Epos wurde um etwa 20 Minuten, auf rund drei Stunden gekürzt und kam außerdem (wohl auch, um Kosten zu sparen) nur in 35-mm-Scope-Kopien zum Einsatz — die allerdings durch die Topqualität des hochauflösenden Ausgangsmaterials von hervorragender Qualität sind. An der Kinokasse war der Streifen nur mäßig erfolgreich, hat aber über die Jahre — wohl in erster Linie durch die Fans von Liz Taylor und auch Montgomery Clift — denn doch noch bescheidenen Gewinn eingespielt. In der Fachliteratur fristet das Opus, obwohl es die teuerste Filmproduktion des Jahres 1956 war, ein wenig beachtetes Dasein. Der eher in Randbemerkungen erwähnte Film wird nur vereinzelt überhaupt zur Kategorie Filmepos gezählt. Eine der geläufigsten Infos dazu ist, dass ein Teil der Bürgerkriegsmontage im Cinerama-Epos How the West was Won (1961) wieder verwendet worden ist. Der partiell schön fotografierte Raintree County leidet an seiner schwerfällig in Szene gesetzten, krude psychologisierten, komplexen Dreiecksgeschichte. Immerhin ist Liz Taylor in der Rolle der infolge eines Kindheitstraumas latent wahnsinnigen Susanne Drake recht ansehnlich. Allerdings, die in einem Spielzeugpuppen-Tick symbolisch zum Ausdruck kommenden neurotischen Obsessionen der Figur sind schlicht merkwürdig. Außerdem fehlen dem zähen Erzählfluss auflockernde, temporeiche Actionmomente. Die Bürgerkriegsepisode wirkt aufgesetzt und unspektakulär, partiell gar TV-mäßig schlicht, ist insgesamt auf gehobenem Karl-May-Niveau inszeniert. Darüber hinaus transportiert der Streifen insgesamt schlichtweg zuwenig Schauwerte ins Bewusstsein des Zuschauers, um nachhaltig in Erinnerung zu bleiben. Bei TV-Ausstrahlungen ist Raintree County bislang eine Seltenheit geblieben.

Nun, musikalisch gibt es keinerlei Vorbehalte. Bedarf derjenige, der sich den Film anschaut, ein beträchtliches Maß an Durchhaltevermögen (Sitzfleisch), bereitet das Anhören allein der Filmmusik auch in der jetzt erstmalig praktisch vollständigen Version keinerlei Probleme. Im Gegenteil!

John Green (1908 — 1989), Sohn eines angesehenen New Yorker Geschäftsmannes, arbeitete seit Anfang der 1930er als Arrangeur und Songwriter für Nachtklubs, dirigierte in Paramounts Astoria Studios und arbeitete ebenso für den Musical-Erfolgskomponisten Richard Rodgers. Im November 1942 stieß Green erstmalig zu MGM, wo er bis 1946 in erster Linie Musicals betreute. Nach drei Jahren als Freelancer kehrte er 1949 ins Studio mit dem brüllenden Löwen im Logo zurück und arbeitete fortan als Chef des Music-Departments, dessen Orchester er komplett reorganisierte. Nach weiteren Arbeiten, in erster Linie als Dirigent, Orchestrator, Songwriter und als Arrangeur für Musicals wie An American in Paris (1951) und Brigadoon (1954), entstand im Jahr 1957 mit Raintree County seine einzige im großen Stil auskomponierte Originalmusik für einen Film. Anschließend blieb sein Name wiederum primär mit Musicals assoziiert. Dabei bescherten ihm die vorzüglichen Arrangements zu West Side Story (1961) und Oliver (1968) jeweils einen Oscar. Gerade Oliver, inszeniert von Carol Reed, verdankt der Ausarbeitung John Greens das Entscheidende seines so gelungen sinfonisierten musikalischen Charmes.

2720Interessanterweise ist Raintree County auch musikalisch außergewöhnlich üppig promotet worden. Es erschien nämlich zuerst ein Doppel-LP-Album in Mono. Wohl infolge der kurz darauf beginnenden Stereo-LP-Ära wurde noch ein Einzel-LP-Schnitt (sowohl in Mono als auch in Stereo) herausgebracht. Überraschenderweise erschienen die Tonträger nicht beim hauseigenen MGM-Label, sondern bei RCA.

Entr’Acte wiederveröffentlichte 1976 die RCA-Doppel-LP erstmalig komplett in Stereo und brachte 1989 den LP-Schnitt nochmals als Doppel-CD auf dem Schwesterlabel Preamble auf den Markt. Das immerhin knapp 90-minütige Programm ist repräsentativ zusammengestellt. Klanglich vermag es allerdings nur bedingt zu überzeugen. Der recht starke Hall in Kombination mit einem deutlichen Rauschteppich führt zu einem wenig präsenten, eher diffusen Klangbild, in dem die Konturen der einzelnen Stimmen zum Verschwimmen neigen. Demgegenüber ist der Sound der jetzt vorliegende FSM-Ausgabe nicht nur erheblich verbessert: die Musik erklingt vielmehr geradezu fantastisch frisch, klar und ist zugleich kraftvoll dynamisch. Die rund 50 Jahre alten Aufnahmen zeichnen sich darüber hinaus durch einen erstaunlich geringfügigen Rauschpegel aus. Wer die mit leuchtkräftigen Fanfaren auf das Kommende einstimmende Ouvertüre hört, dürfte bereits überzeugt werden. Wer allein den Song-Main-Title testet, dürfte vom dem MGM-Löwen-Logo unterlegten Fortissimo mit Beckenschlag und den sich daran anschließenden so prächtig miteinander harmonisierenden Sounds (Orchester, Instrumental-Soli, Chor und Sänger) schlichtweg begeistert sein. Das Gesamtresultat ist wahrlich eine Wucht!

Ein rund zwei Minuten umfassendes Einzelstück — eines von mehr als 250 — des kompletten Studiomasters, „Lament for Henrietta“ (Track 10, CD-1), ist offenbar verloren. Besagtes konnte jedoch immerhin von den Bändern der RCA-LP-Alben „gerettet“ und — klanglich behutsam aufgefrischt — eingefügt werden. Somit erhält der Käufer der FSM-Edition mit rund 110 Minuten erstmalig die annähernd vollständige Filmmusik. Das mit weiteren 35 Minuten üppige Bonusmaterial mit Outtakes, Alternativen und Source-Music rundet das insgesamt brillante Bild der Edition noch zusätzlich ab. Erstmalig bekommt man hier nicht nur eine Chorversion des Main-Title-Songs zu hören, sondern diesen, wie auch im Film, von Nat King Cole interpretiert. Sogar die ursprünglich vorgesehene finale Reprise des Liedes durch Nat King Cole — im Film nicht verwendet (!) — ist jetzt zum ersten Mal überhaupt zugänglich.

Stilistisch ist John Greens Musik fest im Boden bewährter Hollywood-Traditionen verwurzelt, die Max Steiner, Alfred Newman und Erich Wolfgang Korngold begründeten. Zugleich ist die Komposition aber gegenüber ihren Vorbildern dezent modernisiert und besitzt nicht allein im Americana-Tonfall durchaus eigenes Profil. Insgesamt steht Raintree County Franz Waxmans Cimarron (1960) und André Previns The Fastest Gun Alive (1956) recht nahe.

2721Für „traditionell“ steht die sorgfältig ausgearbeitete Leitmotivik. Sie besteht aus einer Reihe eingängiger romantisch-sinnlicher Themen und prägnanter Motive, von denen der besonders ohrwurmverdächtige Song um den Regenbaum eine zentrale Bedeutung besitzt. Besagter Regenbaum wird zu Beginn des Films als Mythos eingeführt: wer ihn finde, dem offenbare sich der Sinn des Lebens — im Film in Form von wahrer Liebe und Eheglück. Der finale Schlüssel dazu findet sich bereits im Song-Text (Paul Francis Webster): „ … for the Brave who dare is a Raintree everywhere.“

Für den mystischen Regenbaum mit seinen üppig golden leuchtenden Blüten steht musikalisch übrigens ein metallisch glitzernder Glissando-Effekt, der seinerzeit das Produkt einer aufwändigen Aufnahme-, Nachbearbeitungs- und Abmischungstechnik war. Das dafür verwendete Kinder-Glockenspiel musste nicht nur von zwei Spielern bedient werden. Es musste — da vom Orchesterklang normalerweise überdeckt — separat aufgenommen und der Klang zusätzlich mit den damals zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, „frühe Elektronik“ mit Hall (echo chamber), verfremdet und anschließend in den Gesamtmix eingefügt werden. Zusammen mit dem an die Sirènes (aus den Debussy’schen „Nocturnes“) gemahnenden vokalisierenden Frauenchor ergibt sich eine geradezu magisch anmutende Wirkung.

In „Burned Mansion“ (Track 10, CD-1) und „Lincolns Funeral Train“ (Track 5, CD-2) finden sich weitere Beispiele für klangliche Verfremdungen, die der Musik ein ganz spezielles Flair verleihen. In „Lincolns Funeral Train“ kommt noch zusätzlich eine harmonisch ungewöhnliche Variante der bekannten „Battle Hymn of the Republic“ zum Tragen. Ähnlich wie im gespenstisch anmutenden „Creole Lullaby“ in Alfred Newmans Dragonwyck ist auch hier ein früher Hauch von „Klangraum-Konzeption“ á la Thomas Newman spürbar. Ebenfalls erwähnenswert ist „Battle Montage/War Commentary“ (Track 3, CD-2). Das Stück basiert einmal nicht, wie gewohnt, auf einander gegenübergestellten Traditionals des US-Bürgerkriegs — siehe auch They Died with their Boots On.

2719Ein weiteres Beispiel für die überaus sorgfältige Gestaltung der Musik sind die Themen und Motive, die für das vielschichtige Verhältnis und die Spannungen zwischen den zentralen Figuren stehen: Susanne Drake (E. Taylor), eine durch ein Kindheitstrauma belastete Schöne aus dem Süden, der aus dem Norden (Indiana) stammende männliche Gegenpart John Shawnessy (M. Clift), Nell Gaither (Eva Marie Saint), Johns Jugendliebe und der kleine Jeemie, der Sohn von Susanne und John. Die komplexe Beziehung zwischen John und Susanne wird dabei durch zwei Liebesthemen illustriert: Das eine ist eine einfache, oftmals als Walzer — mitunter ungewöhnlich im 4/4-Takt — intonierte Melodie und ähnlich wie der Titelsong im Stile eines volkstümlichen (Liebes-)Liedes gehalten. Abseits des Films führte es übrigens ein Eigenleben als zweiter, ebenfalls mit einem Text von Paul Francis Webster versehener Song, „Never Till Now“. Eine Kostprobe davon beherbergt die Bonussektion ebenfalls: „First Meeting“, interpretiert von Carlos Noble (Track 12, CD-2). Dem gegenüber steht ein zweites stärker chromatisch gehaltenes und komplexer harmonisiertes, betont melancholisches Liebesthema. Wobei noch ein dissonantes vom (wiederum verhallten) Alt-Saxophon nicht jazzig gespieltes „Mad-Theme“ hinzutritt, das für Susannes schizoiden Charakter steht. Vom Mad-Theme gibt es zusätzlich noch eine lyrische Variante, das so genannte „Lament-Theme“.

Insgesamt gibt’s hier wirklich nichts zu beanstanden. Greens Musik zu Raintree County präsentiert sich durch die Vielfalt der Stimmungen, die reichhaltige Instrumentierung und nicht zuletzt durch den vorzüglichen Klang als makelloser musikalischer Edelstein, der auch in der 110-Minuten-Fassung überzeugt. Erstmalig können sämtliche Orchesterstimmen und damit auch die ausgefeilte Instrumentierung in einer Art und Weise wahrgenommen werden, wie nie zuvor. Diese FSM-Edition belegt kompositorisch und editorisch einen Platz in der obersten Liga. In punkto Soundqualität markiert sie eine Gipfelposition: zählt zum Allerbesten, was bislang aus dem MGM-Archiv der stereophonen Magnetton-Ära auf Tonträger verfügbar ist.

Aus Zeitgründen halfen Green versierte Kollegen des MGM-Music-Departments bei der wunschgemäßen Orchestrierung der ausführlichen Skizzen. Dafür stehen Namen wie Alexander Courage, Sidney Cutner und Conrad Salinger. Die Einspielungen erfolgten mit einem konventionell besetzten Sinfonieorchester inklusive Banjo und Mundharmonika sowie choraler Unterstützung. Die Ensemblegröße variierte zwischen 25 und 65 Spielern.

Als schicke wie kompetente Beigabe wartet die moderne Slimline-Doppel-CD-Box mit einem 26-seitigen Begleitheft auf. Dieses hat neben einem auch grafisch übersichtlich präsentierten vorzüglich-informativen Text von Russ Care — dank der üppigen Illustration mit insgesamt 21 Filmbildern — auch unmittelbar etwas für’s Auge zu bieten. Nicht nur Besitzer der älteren Ausgaben der Musik dürften sich freuen: findet sich darin unter anderem eine Gegenüberstellung und Zuordnung der jeweiligen Musikstücke nebst Trackbezeichnungen.

Lukas Kendall hat sein Album gezielt platziert: im Umfeld des 50-jährigen Jubiläums des Films und eines aus diesem Anlass im Sommer 2007 in Danville-Boule County, Kentucky, wo seinerzeit gedreht wurde, stattfindenden zweiwöchigen „Raintree County: 50th Anniversary Festival(s)“. Beim bislang zögerlichen Rechteinhaber (Warner-Turner) zeichnet sich mittlerweile eine (erste) DVD-Version, sogar der ursprünglichen, ungekürzten Version ab, die voraussichtlich 2008 erscheinen dürfte.

Fazit: Eine absolut superbe und zugleich bestmögliche Veröffentlichung ist das lang erwartete FSM-Album von John Greens Raintree County geworden. Das Attribut „superb“ betrifft hier sowohl den Klang als das (wie gewohnt) sehr informative Begleitheft. Bestmöglich gilt, da in sämtlichen früheren Veröffentlichungen die originale Interpretation des Titelsongs durch Nat King Cole, da rechtlich blockiert, leider nie vertreten war. Mit rund 110 Minuten Score sowie mit mehr als 30 Minuten wertvoller Bonusstücke ergänzt, ist das FSM-Album zudem großzügig ausgestattet. Ein Highlight und damit ein Muss für die Freunde (selbstverständlich) beiderlei Geschlechts der mit dem Begriff „Golden Age“ assoziierten Filmmusik: Niemals zuvor hat der im Schlussbild des Films in voller Pracht gezeigte Regenbaum akustisch überzeugender gefunkelt!

Ergänzende und weiterführende Links:

Der Film: www.raintreecounty.com/movie.html
MGM-Camera-65: www.widescreenmuseum.com/widescreen/wingup2.htm

Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zu Ostern 2007.

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Komponist*in:
Green, Johnny

Erschienen:
2007
Gesamtspielzeit:
144:27 Minuten
Sampler:
FSM
Kennung:
Vol. 9 No. 19

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