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Veröffentlicht am 10.12.2006 | von Marko Ikonić

Extreme Prejudice

Extreme Prejudice Marko Ikonić
Bewertung

Jerry Goldsmith im La-La-Land, Teil I

Zu den bisher interessantesten Veröffentlichungen des 2002 aus der Taufe gehobenen Labels „La-La Land Records“ zählen zwei Goldsmith-Titel: Zum einen die Komplettfassung des zuvor auf einem — lange vergriffenen — Intrada-Album erhältlichen Actionscores Extreme Prejudice (1987), zum anderen die 1975er Westernmusik zu Breakheart Pass, die hier erfreulicherweise ihre Premiere auf Tonträger erlebt (Besprechung folgt in Kürze in Teil II des Artikels).

Extreme Prejudice

Walter Hills moderner Western Extreme Prejudice • Ausgelöscht (1987) dreht sich um den erbitterten Kampf des Texas-Rangers Jack Benteen (Nick Nolte) gegen seinen ehemals besten Freund Cash Bailey (Powers Boothe), nun Kopf eines mächtigen Drogenrings im texanisch-mexikanischen Grenzgebiet. Es geht dabei um die Wiederherstellung von Recht und Ordnung — und, wie könnte es anders sein, nicht zuletzt um die Liebe einer schönen Frau. Ein weiterer Handlungsstrang betrifft eine geheime Operation von sechs offiziell für tot erklärten US-Militärs (u. a. verkörpert von Michael Ironside und Clancy Brown), die in der Folge ebenfalls in den gewalt- und actionreich ausgetragenen Konflikt zwischen Benteen und Bailey verwickelt werden.

Jerry Goldsmiths Musik hört man das Entstehungsjahr 1987 deutlich an. Mitte der 1980er hatte die Elektronikbegeisterung des Komponisten bekanntlich ihren — wie viele meinen: traurigen — Höhepunkt erreicht. Zwar haben wir es hier nicht mit einer rein synthetischen, das Etikett „composed and performed by Jerry Goldsmith“ rechtfertigenden Kreation wie Runaway (1984) oder Criminal Law (1988) zu tun. Die aus des Meisters ausladender Computer- und Keyboardsammlung hervorgeholten Klänge stehen allerdings bei Extreme Prejudice über weite Strecken exponiert im Rampenlicht und lassen das Orchester oft völlig in den Hintergrund treten. Deshalb steht die Partitur den genannten rein elektronischen Arbeiten wahrscheinlich noch ein Stück näher als anderen synthiegeschwängerten Produkten jener Zeit (z. B. Innerspace), die trotz ausgiebigster Spielerei mit Knöpfen und Reglern wenigstens nicht an der Vorrangstellung des traditionellen Klangkörpers rütteln.

Aber auch in Extreme Prejudice kommt ja noch ein Orchester vor. Das Budapester Staatsopernorchester liefert in tapferer Pflichtausübung das manchmal recht solide, manchmal aber auch einfach schwachbrüstige instrumentale Fundament aus vorwiegend Streichern und Blech. Darunter, dazwischen, daneben und darüber werkt, sehr oft in prominenter Abmischung, das ganze Arsenal an wabernden, wimmernden, zirpenden, zwitschernden, knarrenden, knirschenden und sonstwie klingenden, mit keinen albernen Alliterationen in Worte zu fassenden Tönen, das Goldsmith mit dem damaligen Equipment auffahren konnte. Auch Drumpads, besondere Garanten für das heute so geschätzte Achtziger-Flair, fehlen nicht.

Extreme Prejudice ist eine von einer Handvoll Musiken, für die Goldsmith sein ursprüngliches Credo, Elektronik nur als „zusätzliche Klangfarbe im Orchester“ einzusetzen und sie hauptsächlich als „Mittel zum Zweck, und nicht als eigentliches Ziel“ zu begreifen, außer Kraft gesetzt hat. Er geht konsequent einen der letzten Schritte in Richtung rein synthetischer Komposition: Immer wieder vertraut er den Synthesizer-Instrumenten melodieführende Stimmen an und erhebt sie so von einer meist eher dekorativen Begleiterscheinung zum Hauptträger seiner musikalischen Ideen.

Meine Begeisterung für diesen Vertonungsansatz hält sich offen gesagt in Grenzen. Bei allem Respekt für das erreichte Raffinement im Umgang mit Klangsynthetik fühle ich mich ab einer gewissen Stufe doch beim „guten alten“ Symphonieorchester besser aufgehoben. Dabei bin ich sicher auch kein ewig Gestriger. Die fein nuancierte Liaison aus Elektronik und meisterlicher Orchesterbeherrschung, die Goldsmith in Total Recall (1990) gelungen ist, gehört beispielsweise zu meinen Hörfavoriten. Wie dem auch sei: Persönliche Vorlieben und vorgeprägte Hörerwartungen, die sich auf einen Einzelaspekt beziehen, dürfen nicht den Blick auf mögliche Qualitäten in anderen Bereichen verstellen.

Wenn ich also versuche, über das für mich eher störende, altbacken-synthethische Klanggewand „hinwegzuhören“, gibt es auch viel Gutes über Extreme Prejudice zu berichten, das zweifellos in die Endwertung mit einfließen muss.

Goldsmith arbeitet mit mindestens fünf prägnanten Motiven/Themen, und das auf gewohnt souveränem Niveau. Außer dem Hauptthema, das in seiner melancholischen Stimmung ein wenig an Rambo erinnert, sticht das erst spät in der Musik auftauchende Mexiko-Thema hervor. Die übrigen motivischen Gedanken für Cash Bailey, die weibliche Hauptfigur Sarita und die US-Militärs sind dagegen etwas unscheinbarer geraten, werden aber ebenso recht vielseitig in das musikalische Geschehen eingebunden. Als einen der Höhepunkte möchte ich die Bankraubsequenz hervorheben. Diese wartet in beiden Fassungen, in der im Film verwendeten überarbeiteten (aus drei Einzelstücken) und in Goldsmiths erster, stärker orchestraler Konzeption (ein groß angelegter, 9-minütiger Actioncue), mit komplexen Klangschichtungen und sorgfältiger Motivarbeit auf. Hierbei handelt es sich einfach um gutes, den Hörer für sich einnehmendes Actionscoring, daran kann kein noch so aufdringliches Störgeräusch aus der „Yamaha-Trash-Ecke“ etwas ändern.

Während uns der Komponist auf der Zielgeraden noch mit einem Track wie „Fighting and Dying“ akustische — nein, vielmehr elektronische — Höllenqualen bereitet, kommt das Ende selbst („A Deal/End Credits“) dann ganz ohne Schrecken, nämlich charmant mexikanisch und zunehmend orchestral daher. Mit gesampelten Kastagnetten, versteht sich.

La-La-Lands Extreme-Prejudice-Album aus dem Jahr 2005 bietet erstmals die komplette Musik in bestechender Klangqualität, inklusive im Film nicht verwendeter Stücke und bisher unveröffentlichter Filmversionen einiger Cues. Die gleichfalls zum ersten Mal auf Tonträger anzutreffende Carolco-Fanfare ist eine nette Draufgabe. Überhaupt ist die Edition, wie generell bei diesem Label, recht liebevoll aufbereitet. Das Begleitheft enthält vernünftige Kurztexte zu Film und Musik und eine Notiz des Regisseurs Walter Hill zum Tod des Komponisten. Sogar eine Beschreibung der einzelnen Tracks à la FSM wird geboten. Hier werden gleichwohl der begrenzte fachliche Horizont und die mangelnde Routine der Autoren (Messrob Torikian und Soundtrack.net-Webmaster Dan Goldwasser) sichtbar. Die Trackbeschreibungen gehen genau auf das Leinwandgeschehen ein, über den Aufbau der Musik wird hingegen fast nichts gesagt. Dies ließe sich noch verschmerzen; die beiden Herren bringen im Verlauf leider aber auch ihre eifrig betriebenen Motiv- und Themenzuordnungen durcheinander, sodass nach Lektüre des Textes ohne Kenntnis des Films nicht mehr ganz klar ist, für wen denn nun welches Thema steht.

Kaufen oder nicht kaufen? In diesem besonderen Fall kann ich guten Gewissens keine eindeutige Empfehlung aussprechen. Extreme Prejudice hat durchaus objektivierbare musikalische Qualitäten, das ist unbestritten. Ob Sie daran Gefallen finden, dürfte in erster Linie von Ihrer persönlichen Reaktion auf Jerry Goldsmiths exaltierte Klangsynthetik der 80er Jahre abhängen. Wer kein dezidierter Anhänger davon ist, sollte zuerst unbedingt ausgiebig probehören.

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen Programms zum Jahresausklang 2006.

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Titel: Extreme Prejudice
Erschienen: 2005

Laufzeit: 64:12 Minuten

Medium: CD
Label: La-La Land
Kennung: LLLCD 1028

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