Special

Veröffentlicht am 31.12.2003 | von Michael Boldhaus

Kleine Klassikwanderung 10a: Nino Rota, Teil 2


Sampler

Veröffentlicht am 31.12.2003 | von Michael Boldhaus

The Essential Nino Rota

The Essential Nino Rota Michael Boldhaus
Bewertung

„The Essential Nino Rota“

Das vorliegende Doppel-CD-Album basiert auf der erstmals 1993 erschienenen (und auch separat immer noch erhältlichen) Veröffentlichung „The Symphonic Fellini-/Rota — La Dolce Vita“. Das gelungene knapp 70-minütige Einzel-CD-Album ist durch Material aus zwei weiteren Silva-Rota-Alben und durch einige Neueinspielungen weiteren Musikmaterials auf insgesamt rund 115 Minuten erweitert worden.

So findet der Hörer das Material des o. g. Albums: knappe, aber markante Suiten aus sämtlichen 15 Filmvertonungen für Federico Fellini von Lo Sceicco Bianco • Der weiße Scheich (1952), La Strada • Die Straße (1954), I Vitelloni • Die Müßiggänger (1953), Il Bidone • Die Schwindler (1955), Le Notte di Cabiria • Die Nächte der Cabiria (1957) über La Dolce Vita • Das süße Leben (1960), Boccaccio 70 (1962), Otto e Mezzo • 8 ½ (1963), Giuletta Degli Spiriti • Julia und die Geister (1965) bis hin zu Fellini Satyricon (1969), I Clowns • Die Clowns (1970), Roma (1972), Amarcord (1973), Il Casanova • Casanova (1976) und schließlich Prova D’Orchestra • Orchesterprobe (1979). Neu hinzugekommen ist noch ein Kuriosum, ein musikalischer Schnippsel zu Fellinis Anteil aus dem — auf fantastischen Geschichten von Edgar Allan Poe basierenden — Episodenfilm Histoires Extraordinaires • Außergewöhnliche Geschichten (1969).

Nino Rotas Filmmusiken für Fellini haben in weiten Teilen in erster Linie eine atmosphärische Funktion, die allein darauf abzielt, eine dem jeweiligen (oftmals skurrilen) Filmsujet entsprechende Stimmung zu schaffen. Ihre Wirkung und ihr Wert besteht damit primär in der Funktionalität, als eine auf das Bild (die Szene) komponierte Musik, die häufig kein künstlerisch eigenständiges Gestaltungsmittel mehr ist. Rota zeigt sich hierbei als (innovativer) Meister in einer musikdramaturgisch wirkungsvollen Spiegelung des jeweiligen Milieus. Zum Teil kann man hier von geradezu schäbiger städtischer Trivialmusik sprechen, die zur Tristesse des Gezeigten die Entsprechung oder auch einen geschickten Kontrapunkt bildet. Insofern dürfte die hier gebotene Kompilation aus überzeugend konzipierten Suiten des — abseits der Filme wirkungsvollsten — Musik-Materials für die meisten Interessierten völlig ausreichen. Das Gebotene reicht dabei von herrlich melodisch (La Strada, Il Bidone) und witzig (I Vitelloni, Orchesterprobe) über mitunter etwas skurril-bizarr (Giuletta Degli Spiriti, Roma, Casanova, Amarcord) bis zu zirkushaft (8 ½, Boccaccio 70, I Clowns) und enthält gelegentlich auch Einflüsse von Jazz und Tanzmusik (Le Notte di Cabiria, Giuletta Degli Spiriti, La Dolce Vita).

Die Musiken sind gegenüber den Originalen mit versierter Hand sinfonisch aufgepeppt worden. Etwas, das ihnen in der Konzeption „Höralbum“ m. E. sehr gut bekommt, auch wenn der eine oder andere Fellini-Fan hier einen gewissen Verlust an Werktreue bemängeln mag. Das gut disponierte City of Prague Philharmonic Orchestra interpretiert mehr als nur ordentlich und auch die Tontechnik vermag zu überzeugen.

Entsprechendes gilt für die melodramatische, an Miklós Rózsas „Spellbound-Concerto“ erinnernde Musik zu The Glass Mountain (La Montagna di Cristallo) • Echo der Liebe (1947) sowie für die vertretenen Auszüge aus den Silva-Alben „Godfather-Trilogie“ und Romeo & Juliet und ebenso für die schöne Ouvertüre zur köstlichen Shakespeare-Komödie The Taming of the Shrew • Der Widerspenstigen Zähmung (1967). Letztgenannter Film stammt übrigens von Franco Zeffirelli, wobei die Musik ebenfalls ein willkommener Kandidat für eine vollständige Neueinspielung wäre, da das Original leider nur in recht bescheidener Tonqualität existiert.

Das musikalische Schaffen des großen italienischen Komponisten abseits der berühmten Filmmusiken hat erst in den 90er Jahren — hauptsächlich in Italien — zunehmende Anerkennung erlangt. Die dazu im Folgenden vorgestellten CDs präsentieren — neben denen aus dem ersten Rota-Artikel — weitere klingende Facetten, die neugierig auf mehr machen. Mögen diese auch hierzulande dazu beitragen, ein zunehmendes Interesse am Gesamt-Œuvre dieses bislang in wichtigen Teilen weitgehend übersehenen italienischen Meisters (von eben nicht allein Filmmusik) begründen zu helfen. Nino Rotas elegante und (überwiegend) zugleich sehr eingängige Kompositionen besitzen nämlich durchaus das Zeug, auch hierzulande wertvolle Gäste in Konzertsälen und vielleicht gar Opernhäusern zu werden.

Titel: The Essential Nino Rota
Erschienen: 2003

Zusatzinformationen: City of Prague PO, N. Raine, D. Wadsworth, P. Bateman, M. Klemens
Laufzeit: 56:47 + 58:03 Minuten

Medium: Sampler
Label: Silva Screen
Kennung: FILMCD 369

Komponist(en):

Schlagworte:


Klassik

Veröffentlicht am 31.12.2003 | von Michael Boldhaus

Rota: Lo Scoiattolo in gamba/Cristallo di Rocca

„Lo scoiattolo in gamba“ und „Cristallo di Rocca“

Bei „Lo scoiattolo in gamba (Das pfiffige Eichhörnchen)“ handelt es sich um einen temporeichen Operneinakter, der trotz Miniaturisierung der Form über alles verfügt, was die Gattung Oper auszeichnet. Die Oper um das pfiffige Eichhörnchen entstand 1959 als Auftragsarbeit für das XXII. Internationale Musikfest in Venedig und wurde an einem Abend desselben uraufgeführt, der unter dem Motto „Spiele und Geschichten für Kinder“ stand. Eine prickelnd-witzige Musik zur leicht anarchistischen Geschichte um besagtes Nagetier, welches nicht bösartig ist, aber in seinem „kindlich-naiven“ Benehmen vor Schwindelei nicht zurückschreckt. Und wenn die Musik seine Bemühungen um ein großes Festmahl in eine temporeiche Kombination aus Tarantella und Boogie-Woogie kleidet, fühlt man sich ironischerweise ein wenig an die Musik zu den Fellini-Filmen und besonders an die zu Il Bidone • Die Schwindler erinnert. Ob dieses hübsche Werk auch für die heutigen Computer-Kids ausreichend Reize besitzt, ist schwer zu sagen. Möge der Booklet-Text hier Recht behalten, wenn er feststellt, dass das Eichhörnchen viel schneller und flinker sei und auch größere Sprünge mache als die von den Kids so geliebten Pokemons.

Für die Weihnachtszeit 1950 lieferte Rota die Begleitmusik zu einer Rundfunkproduktion: Zu der Lesung eines Märchens aus dem 19. Jahrhundert von Adalbert Stifter, „Cristallo di Rocca (Bergkristall)“. Hier wird der Vortrag immer wieder durch eine Reihe musikalischer Miniaturen unterbrochen, die als Reflex von Stimmungen sowie Atmosphäre dienen und auch Überleitungen schaffen. Im Sujet zeigt sich Verwandtschaft zu Prokofieffs „Peter und der Wolf“. Allerdings kommt die Musik hier nur in den Sprechpausen zum Einsatz und ist im Tonfall — auch durch das verwendete Orchester — wesentlich intimer. Der Komponist setzt hier „nur“ auf ein kleines Kammerensemble aus 7 Spielern: ein Streichquartett sowie Flöte, Klavier und Kontrabass. Dass er diesem vielfältige Klangfarben und Nuancen im Ausdruck abzugewinnen versteht, dürfte besonders für den, der zuvor bereits einige der sinfonischen Kompositionen Nino Rotas kennen gelernt hat, kaum eine Überraschung bedeuten. Alles in allem eine sehr warm und liebevoll wirkende Angelegenheit, die ihren Charme entfaltet, auch für den, der des Italienischen nicht mächtig ist. Wer ausschließlich auf die Musik fokussieren möchte, kann dies erfreulicherweise ebenfalls tun: mit Hilfe der Programmierfunktion des CD-Spielers.

Beide Werke gerieten übrigens bereits kurz nach ihrer Uraufführung in Vergessenheit. Erst im vergangenen Jahrzehnt wurden sie aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt und liegen seit 1998 auch (bei Schott) gedruckt vor.

Das Orchestra Sinfonica und der Chor di Milano Giuseppe Verdi unter der Leitung von Giuseppe Grazioli interpretieren die Kinderoper engagiert und kompetent und auch die Tontechnik hat hörbar gut gearbeitet. Entsprechendes gilt für das kammermusikalisch begleitete Märchen (für die Spieler des Ensembles wie auch für den Sprecher).

Allein das überwiegend italienisch gehaltene Booklet wirkt — zumindest für Interessenten nördlich der Alpen — doch etwas spartanisch.

Titel: Rota: Lo Scoiattolo in gamba/Cristallo di Rocca
Erschienen: 2001

Zusatzinformationen: Orchestra Sinfonica e Coro Sinfonico di Milano G. Verdi, G. Grazioli
Laufzeit: 58:51 Minuten

Medium: CD (Klassik)
Label: Discantica
Kennung: 93

Komponist(en):

Schlagworte:


Klassik

Veröffentlicht am 31.12.2003 | von Michael Boldhaus

Rota: La Strada

„La Strada“ (Ballett-Suite) und die Sinfonien

Die drei nummerierten Sinfonien des Komponisten entstanden in einem Zeitraum von etwas über zwanzig Jahren — zwischen 1935 und 1957. Die bereits 1947 entworfene „Sinfonia sopra una canzone d’amore“ wurde erst 1973 vollendet und in Gänze orchestriert. Auch wenn Nino Rota diese wohl als eine Art „spätes Jugendwerk“ empfand und das Werk nicht in seinen offiziellen Kanon der Sinfonien einfügen wollte, handelt es sich auch hier nicht um eine wirklich schwache Komposition. Gerade der Filmmusik-Freund dürfte hier sogar eine besondere Delikatesse vorfinden: wurden Teile der Musik doch mehrfach in Filmkompositionen verwendet. Die wichtigsten der zu nennenden Filmtitel sind La Montagna di Cristallo und ganz besonders das berühmte Sizilien-Epos mit Burt Lancaster in der Titelrolle, Il Gattopardo • Der Leopard (Regie: Luchino Visconti, 1963).

Und neben zwei Walzern (für die breit angelegte finale Ball-Sequenz) aus besagtem Film Der Leopard ist noch die Suite aus dem Ballett „La Strada“ vertreten. Hier wird in tänzerischen Formen nicht ausschließlich die melodische Musik aus dem gleichnamigen Fellini-Film reflektiert, sondern auch auf weitere Themen aus dem Schaffen Rotas für den berühmten Regisseur zurückgegriffen. Das aus dem laufenden Jahr stammende Rota-Chandos-Album präsentiert sämtliche Musik, engagiert interpretiert vom Orchestra Sinfonica del Teatro Massimo di Palermo unter Marzio Conti. Alles in allem eine von besonders breiten Melodien durchströmte Musik und damit wohl für viele (nicht allein Freunde der Filmmusik) eine geradezu optimale CD für den Einstieg in das nicht-filmmusikalische Œuvre des Komponisten Nino Rota.

Titel: Rota: La Strada
Erschienen: 2003

Zusatzinformationen: Orchestra Sinfonica del Teatro Massimo di Palermo, M. Conti
Laufzeit: 64:04 Minuten

Medium: CD (Klassik)
Label: Chandos
Kennung: CHAN 10090

Komponist(en):

Schlagworte:


Klassik

Veröffentlicht am 31.12.2003 | von Michael Boldhaus

Rota: Symphonies No. 1 & No. 2

Vom renommierten schwedischen Klassik-Label BIS (www.bis.se) sind die drei offiziellen Sinfonien Nino Rotas auf zwei CD-Alben erhältlich. Die Sinfonie Nr. 1 entstand in den Jahren von 1935 bis 1939 und wurde im Kontext mit Händels Wassermusik und Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ in der Orchesterfassung von Ravel und Musik von Béla Bartók uraufgeführt. Eine von Melodien in hellen, typisch mediterranen Orchesterfarben bestimmte frische Musik von eigener Ästhetik. Hier und da schwingt gar ein Hauch von Puccini mit, jedoch ohne den dort mitunter anzutreffenden Hang zu Melodramatik und Kitsch zu übernehmen.

Nino Rota begann die Arbeit an seiner zweiten Sinfonie im Jahr der Übersiedelung nach Taranto, wobei gerade die Tarantella im zweiten Satz auf süditalienische Dorfatmosphäre hindeutet. Der Tarantella ist ein breitmelodisches Thema gegenüber gestellt, das an Dvoráks 9. Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ erinnert — worin sich zugleich Rotas USA-Aufenthalt widerspiegelt. Und überhaupt mutet auch gerade in diesem Werk manches wie Filmmusik an. Mehr als dreißig Jahre blieb die vollständig ausgeführte Komposition unbeachtet und ist vom Komponisten erst Mitte der 70er Jahre (nach Revision) uraufgeführt worden.

Beide Sinfonien entstanden übrigens besonders langsam und gründlich: pro Jahr wurde nur ein Satz komponiert.

Titel: Rota: Symphonies No. 1 & No. 2
Erschienen: 1998

Zusatzinformationen: Norrköping SO, O. K. Ruud
Laufzeit: 63:18 Minuten

Medium: CD (Klassik)
Label: BIS
Kennung: CD 970

Komponist(en):

Schlagworte:


Klassik

Veröffentlicht am 31.12.2003 | von Michael Boldhaus

Rota: Symphony No. 3/Concerto festivo

Rotas dritte Sinfonie entstand in den Jahren 1956/57. Ein, ebenso wie seine beiden Vorgänger, (klassisch) viersätziges Werk, das, obwohl in einer Zeit intensiver Aktivität für das Kino komponiert, am wenigsten filmmusikalische Bezüge aufweist. Vielmehr erinnert einiges an Prokofieff: an den der „Symphonie Classique“, und auch die ausgeprägten Rhythmen verweisen auf das russische Vorbild.

Das „Concerto festivo“ präsentiert in einem freieren Rahmen als die Sinfonien relativ kurze musikalische Sätze, welche wiederum die Fähigkeiten des Komponisten unterstreichen, die Möglichkeiten des Sinfonieorchesters auszunutzen. Die Machart erinnert in Teilen an Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ in der berühmten Orchesterfassung Ravels — beides Komponisten, die Rota sehr schätzte.

Aus der letzten Lebensphase des Italieners stammt die im Dezember 1976 uraufgeführte Ballett-Komödie „Le Molière imaginaire“, aus der hier die im Dezember 1978 in Neapel uraufgeführte, rund 21-minütige Suite vertreten ist. Eine humorvoll-poetische und zugleich tänzerische musikalische Reflexion auf die Musik im Frankreich des 17. Jahrhunderts, bei der partiell gar ein Hauch der Filmmusiken für Fellini mitschwingt.

Das in diesen BIS-Aufnahmen unter den Dirigenten Ole Kristian Ruud und Hannu Koivula agierende Norrköping Symphony Orchestra ist eines von sieben schwedischen Berufsorchestern und zählt zu den renommiertesten in Skandinavien. Die ambitionierten Darbietungen wurden — typisch für das hochrangige Label — durch eine hervorragende Tontechnik eingefangen.

(Sowohl die schwedischen BIS-Alben als auch das in Italien veröffentlichte DISCANTICA-Album können über den Fachhandel als Importe vom „Klassik Center Kassel“ (www.classicdisc.de) bezogen werden.)

Lesen Sie hierzu auch „Kleine Klassikwanderung 10: Nino Rota, Teil 1“.

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Titel: Rota: Symphony No. 3/Concerto festivo
Erschienen: 2001

Zusatzinformationen: Norrköping SO, O. K. Ruud, H. Koivula
Laufzeit: 60:00 Minuten

Medium: CD (Klassik)
Label: BIS
Kennung: CD 1070

Komponist(en):

Schlagworte:


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