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Veröffentlicht am 07.07.2000 | von Michael Boldhaus

Tim Burton, film: 5

Interessantes für den Kinofreund bieten die Bücher der Reihe „film“ des Bertz-Verlages, die sich vorwiegend mit dem Schaffen jeweils eines bekannten Regisseurs befassen. Mir lagen hiervon „film: 5, Tim Burton“ und „film: 7, Alfred Hitchcock“ vor. Verschiedene Merkmale der beiden Titel sind identisch – was wohl auch für die übrigen Titel dieser Reihe zutreffen dürfte.

Beide Bücher bestehen aus Essays, die beim Burton-Buch zwei und im Hitchcock-Buch 50 Autoren zu thematischen Begriffen verfasst haben. Diese sollen den Titel gebenden Regisseur und sein Filmwerk umfassend charakterisieren. Zwangsläufig sind von einem Team geschriebene Bücher nicht so homogen, wie wenn nur ein Autor verantwortlich ist. Nicht immer gefiel mir der Stil, und auch alle Erklärungen und Schlüsse des jeweiligen Schreibers vermochten mich nicht in jedem Fall zu überzeugen. Insgesamt sind die Texte aber weitgehend stimmig, interessant und gut lesbar, der Gesamteindruck ist daher generell positiv. Besonders hervorstechend sind die vielen schwarz-weißen Filmbilder, insgesamt etwa 500 bei Burton und rund 1700 bei Hitchcock, die sogar überwiegend im originalen Kino-Format präsentiert werden. Ungewöhnlicherweise werden nicht nur ganze Szenenabläufe minutiös wiedergeben, sondern auch der visuellen Gestaltung der Rollentitel ist Raum eingeräumt worden – eine Liebe zum Detail, die in derartigen Veröffentlichungen selten zu finden ist! Eine sorgfältig recherchierte und detaillierte Filmografie und eine Bibliografie schließen beide Bücher ab.

Dirk Schaefers und Helmut Merschmanns Essay über den Regisseur Tim Burton wird nicht zuletzt dank des Erfolges von Burtons jüngstem Filmwerk Sleepy Hollow viele Leser besonders interessieren. Burton dürfte unter den gegenwärtigen Filmschaffenden zu denjenigen gehören, dessen Filme einen stark ausgeprägtem Personalstil haben und thematisch ungewöhnlich geschlossen sind. Dies ist schon ein wenig überraschend, da Burton das Regiefach nicht an der Akademie gelernt, sondern sich durch die Arbeit am Set schrittweise erworben hat – hier gibt es eine interessante Parallele zum ebenfalls nicht klassisch ausgebildeten „Hauskomponisten“ Danny Elfman, der für Burton schon frühzeitig breitorchestral komponierte.

Offenbar faszinieren Burton Schauermärchen und Gespenstergeschichten. Seine Filme sind daher alle von skurrilen Typen bevölkert, und einige faszinieren geradezu durch ihre eigenwillige Bildästhetik. Der Autor zeichnet Burtons Werdegang ausführlich nach, beschreibt dabei eingehend die Filme und spart auch interessante Informationen und Begebenheiten, die das Umfeld der Titelfigur betreffen, nicht aus. So entsteht für den Leser ein facettenreiches Bild dieses Regisseurs und seines filmischen Œuvre. Dass ein ganzes Kapitel der Filmmusik und damit zwangsläufig hauptsächlich Burtons Hauskomponist Danny Elfman gewidmet ist, dürfte Cinemusic-Leser besonders freuen. Dirk Schaefer, der dieses Kapitel verfasste, stellt lesenswerte Zusammenhänge zwischen den Filmszenen, der Musik sowie der Zusammenarbeit beider Künstler her; und er zeigt darüber hinaus die vielfältige Verbundenheit mit dem klassischen Kino-Sound in Elfmans Filmmusik auf. Wohl durch den Redaktionsschluss-Termin begründet, konnte leider die pfiffige Tonschöpfung zu Sleepy Hollow nicht mehr berücksichtigt werden. Gerade hier hat der vormalige Dilettant Elfman jedoch die Mängel seiner früheren Kompositionen wie der im Buch umfassend beschriebenen zum Film Batman weitgehend überwunden. Erfreulicherweise wird der Regisseur aber nicht zur allein alles überragenden Künstlerpersönlichkeit verklärt, vielmehr wird die kollektive Originalität seiner späteren Filme in einem eigenen Kapitel besonders herausgearbeitet – denn wo Burton draufsteht ist längst nicht nur Burton drin! Auch dies macht „film: 5“ zu einem gelungenen Buch.

Titel: Tim Burton, film: 5
Erschienen: 2000

Zusatzinformationen: € 15,90 (D)
Laufzeit: 191 Seiten

Medium: Buch
Verlag: Bertz Verlag
Kennung: 3-929470-75-6

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Veröffentlicht am 07.07.2000 | von Michael Boldhaus

Alfred Hitchcock, film: 7

„film: 7, Alfred Hitchcock“ erschien bereits 1999 zum 100. Geburtstag des Regisseurs. Insgesamt 50 Autoren waren an diesem umfangreichen Geburtstagsband beteiligt. Dieses Buch hat mir besonders viel Spaß gemacht; dafür ausschlaggebend ist nicht, dass der Käufer für nur 10 DM mehr das gut Zweieinhalbfache des Burton-Kompendiums erhält. Das umfangreiche filmische Œuvre des legendären Hitchcock bietet eben zwangsläufig ein Mehr an interessanter Vielseitigkeit als das zur Zeit noch relativ kleine eines Tim Burton. Natürlich gibt es zum Thema Hitchcock bereits unzählige Publikationen, trotzdem ist die vorliegende nicht nur eine von vielen. In einem Interview und 10 Essays kann natürlich kein vollständiges Bild des legendären „Master of Suspense“ entworfen werden. Die in einer Vielzahl von Momentaufnahmen erzeugten Einzelteile fügen sich jedoch zu einem stimmigen Portrait des Meister-Regisseurs zusammen – eine nicht nur umfangreiche und hervorragende Festschrift, sondern außerdem ein wertvolles Nachschlagewerk.

Titel: Alfred Hitchcock, film: 7
Erschienen: 2000

Zusatzinformationen: € 22,50 (D)
Laufzeit: 480 Seiten

Medium: Buch
Verlag: Bertz Verlag
Kennung: ISBN 3-929470-76-4

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Veröffentlicht am 07.07.2000 | von Michael Boldhaus

Die Scream-Trilogie

Regisseur Wes Cravens Film Scream • Schrei (1996) machte speziell bei Teens Furore und war derart erfolgreich, dass es zwei Fortsetzungen gab und dass er sowohl einen Kult begründete als auch dem Genre einen neuen Frühling bescherte; z.B. auch der deutsche Film Anatomie reitet auf dieser Welle. Grundsätzlich sind Teen-Horrorfilme nicht neu, aber warum sind Filme wie Freitag der 13., Halloween und nicht zuletzt der Scream-Trilogie so erfolgreich? Die Filmjournalisten Sascha Westphal und Christian Lukas sind dieser Frage im noch druckfeuchten Heyne-Taschenbuch „Die Scream-Trilogie …und die Geschichte des Teen-Horrorfilms“ (siehe auch Teen Scream) nachgegangen. In Portraits von Regisseur Craven, der Darsteller der Scream-Trilogie sowie mit Hilfe von Hintergrundinformationen wird das Kult-Phänomen eingehend untersucht. Darüber hinaus gibt es neben einer interessanten filmhistorischen Zusammenfassung zum Thema eine Reihe zusätzlicher Infos, z.B. wer wo in „Cameo-Auftritten“ zu sehen ist. Auf immerhin knapp einer halben „Kilo-Seite“ bekommt der interessierte Käufer viel Lesenswertes zu günstigem Preis geboten – und das gilt nicht ausschließlich für „nur Scream-Fans“. Sicher sind Filme dieser Art nicht jedermanns Sache, aber man muss sie sich ja nicht anschauen. Allein etwas Informatives über ein offensichtliches Kultphänomen zu lesen und der gute filmhistorische Abriss dürften das Buch auch für manchen Nicht-Fan interessant machen. Auch mir, der ich selbst durch die lange Scream-Nacht nicht zum Anhänger derartiger Slasher-Filme konvertiert bin, hat das Lesen und Herumstöbern in diesem sorgfältig gestalteten Taschenbuch Spaß gemacht. Wer anschließend erst richtig auf den Geschmack gekommen sein sollte, für den haben die Autoren noch eine Filmografie des „Edel-Splatter/Slasher“ liebevoll zusammengestellt und dabei jeden Film mit knapper Inhaltsangabe versehen und auch kurz bewertet. Sämtliche gelisteten Filme haben sich die Autoren wohl selbst angesehen, um zuverlässig bewerten zu können. Ohne Zweifel stecken Mühe und viel Detailarbeit in diesem Buch, das auch ein gutes Nachschlagewerk zum Thema Teen-Horror ist.

Titel: Die Scream-Trilogie
Erschienen: 2000

Zusatzinformationen: € 8,95 (D)
Laufzeit: 494 Seiten

Medium: Buch
Verlag: Heyne
Kennung: ISBN 3-453-18124-7

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Veröffentlicht am 07.07.2000 | von Michael Boldhaus

Das andere Hollywood der dreißiger Jahre

Ein ungewöhnliches Filmbuch erschien im März 2000 im Europa Verlag: Michael E. Birdwells „Das andere Hollywood der dreißiger Jahre. Die Kampagne der Warner Bros. gegen die Nazis“. Dieses Buch beschäftigt sich, wie viele andere des Europa Verlages, mit dem Dritten Reich und seinen Auswirkungen. Die hochinteressante, überaus flüssig geschriebene und dazu spannend zu lesende Publikation verdeutlicht einmal mehr, dass die Legenden des klassischen Hollywood nicht nur die Filme und ihre Stars verklären, sondern auch den Blick auf eine nüchterne Betrachtung der Geschichte verstellen können. Die deutsche Übersetzung der amerikanischen Vorlage mit dem originellen Titel „The Celluloid Soldiers“ beleuchtet ein Kapitel, das den meisten Film-(Musik)-Freunden, ja selbst vielen Kennern des Golden Age nur unzureichend bekannt sein dürfte.

Im Amerika der dreißiger Jahren, das lange von der Depression gelähmt und eher isolationistisch orientiert war, interessierte sich kaum jemand für die sich verdüsternde politische Situation im alten Europa. Birdwells detaillierte Studie macht deutlich, auf welchen Wegen Hollywood ethische und politische Entscheidungen zu beeinflussen suchte. Die Abhandlung zeigt aber auch, welchen Einfluss faschistische Ideen, die kleinen Hitlers entsprechender Organisationen und der in den dreißiger Jahren auch in den USA aufkeimende Antisemitismus gehabt haben.

Was über Hollywood und die nationalsozialistische Gefahr bislang publiziert worden ist, beschäftigt sich überwiegend mit der Unterstützung Roosevelts durch die Studios ab 1942, also nach dem Kriegseintritt der USA. Die Memoiren von Studiobossen, Schauspielern und Regisseuren sind zwar unterhaltsam, aber für eine historische Aufarbeitung dieses wichtigen Kapitels kaum geeignet, da sie in der Regel primär den Mythos ihrer Autoren pflegen und damit eher den Charakter von Anekdoten mit überwiegend zweifelhaftem Wahrheitsgehalt haben. Der Autor konnte das gut bestückte Warner-Archiv für sein Buch selektiv auswerten und hat dabei viel Wissenswertes zu Tage gefördert. Viel bislang nur bruchstückhaft Bekanntes erscheint in völlig neuem Licht: So z.B. die entscheidende Rolle, die Harry Warner, der wenig bekannte ältere Bruder des ungleich bekannteren Jack, in der Geschichte des Studios gespielt hat; letzterer hat es offenbar im nachhinein immer perfekt verstanden, sich ins Rampenlicht zu setzen. Warner war der einzige der großen Studiobetriebe, der die von den Nazis ausgehende Bedrohung richtig einschätzte und prompt reagierte: Bereits im September 1933 brachte das Studio ein Cartoon heraus, das Hitler lächerlich machte.

An markanten Beispielen verdeutlicht das Buch die Verschiebungen in der öffentlichen Meinung Amerikas und erlaubt dem Leser damit, den Prozess nachzuvollziehen, den viele Amerikaner vor dem Kriegseintritt durchmachten. Das Buch gestattet aus erweiterter und teilweise neuer Perspektive faszinierende Blicke hinter die Kulissen und ermöglicht damit tiefe Einblicke in die subtilen Mechanismen und politischen Hintergründe der amerikanischen Filmproduktion jener Tage. Ich würde gerne einige der zitierten Filme sehen, z.B. das von Randolph Hearsts 1933 produzierte faschistoide Machwerk Gabriel over the White House – Hursts zweifelhafte Rolle dürfte den meisten eh nur durch seine spätere Kampagne gegen den Film Citizen Kane bekannt sein. Als das FBI Anfang 1938 einen Nazi-Spionagering enttarnt hatte, wurde dies der Ausgangspunkt für einen Film mit eindeutiger Botschaft, der 1939 in die Kinos kam Confession of a Nazi Spy • Ich war ein Spion der Nazis. In dieser Zeit wähnten sich breite Bevölkerungsschichten noch für mehr als zwei Jahre in trügerischer Sicherheit. Auch vieles im Umfeld des Propaganda-Films Sergeant York und dem realen Alvin C. York erscheint nun differenzierter. York war offenbar ein aufgeschlossener eher pazifistisch orientierter Mensch, der mit Gary Coopers rührseliger Heroenverklärung im Film kaum etwas gemein hatte. Es wird auch die kuriose Tätigkeit des Senatsausschuss vom August 1941 zur „Propaganda in Spielfilmen“ eingehender untersucht, der sich mit Sergeant York beschäftigte. Eine Reihe der kürzlich im deutschen Fernsehen präsentierten Warner-Kriegspropaganda-Filme wie Edge of Darkness • Aufstand in Trollness (1943) zeigte mir noch ein zusätzliches interessantes Detail: Auch wenn die Filme infolge ihrer Überzeichnungen heute teilweise lächerlich wirken, gibt es in ihnen auch einzelne sympathische Bewohner des dritten Reiches und damit „das andere Deutschland“.

Birdwells ungewohnte Kulturgeschichte Hollywoods präsentiert somit viel bislang wenig bekanntes Material in geschickt und übersichtlich aufbereiteter Form. Eine detaillierte Bibliografie sowie ein übersichtliches Register mit Anmerkungen runden den hervorragenden Eindruck ab.

Titel: Das andere Hollywood der dreißiger Jahre
Erschienen: 2000

Zusatzinformationen: € 24,90 (D)
Laufzeit: 340 Seiten

Medium: Buch
Verlag: Europa Verlag
Kennung: ISBN 3-203-75540-8

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Veröffentlicht am 07.07.2000 | von Michael Boldhaus

Der Sturm

Wem der Sinn eher nach einem spannenden Roman steht als nach filmhistorischen Hintergründen, der sollte sich für das ebenfalls brandaktuelle Heyne-Taschenbuch zum Film Perfect Storm • Der Sturm von Sebastian Junger entscheiden. Jungers Buch (bereits 1998 als Hardcover-Ausgabe erschienen) diente der Wolfgang Petersen Verfilmung als Vorlage, die am 20.7.2000 in den bundesdeutschen Kinos starten wird. Der Autor ist mehr Journalist als Schriftsteller; deshalb hat er die dramatische Story um den Untergang des Schwertfischfängers Andrea Gal im Oktober1991 vor Neufundland eher zu einer Art „erzählendem“ Bericht als zu einem üblichen Roman gestaltet. Junger bleibt so streng wie möglich bei den Fakten und reduziert die dichterische Freiheit somit auf ein Minimum. Nur bei dem, was man zwangsläufig nie erfahren wird, den genauen Umständen des tragischen Sterbens der Schiffsbesatzung, kommt Fiktives ins Spiel. Ausschließlich hier hat Junger nach den glaubhaften Berichten Betroffener, die in vergleichbaren Situationen überlebten, fehlende Information durch Wahrscheinliches ersetzen müssen. Der Autor rekonstruiert aber nicht allein die Katastrophe und den Ablauf der gescheiterten Rettungsbemühungen, sondern beschreibt auch eingehend den Arbeitsalltag, die Lebensumstände der Figuren und ihr soziales Umfeld. Damit wird dieses eindrucksvolle Buch, das trotz aller Fakten flüssig und packend lesbar ist, fast zu einer Studie über die Region der Fischer von Massachusets.

Fazit: Fünf empfehlenswerte Buchveröffentlichungen, die in jedem Fall nicht nur als interessante Lektüre für lange kalte Winterabende, sondern auch für sonnig warme Urlaubstage geeignet sind. Die Spitze bilden drei Titel: Michael E. Birdwells „Das andere Hollywood der dreißiger Jahre. Die Kampagne der Warner Bros. gegen die Nazis“ – eine Studie die detailliert über das Verhältnis der Hollywood-Studios (insbesondere Warner Bros.) aber auch der Amerikaner zu Nazi-Deutschland, Faschismus und Antisemitismus vor dem 6. Dezember 1941 informiert. Das faszinierende Buch fügt dem Geschichtspuzzle des Golden Age ein wichtiges Element hinzu. „film: 5, Tim Burton“ und „film: 7, Alfred Hitchcock“ deren hervorragendes Bildmaterial allein schon fast den Kauf rechtfertigen.

Gegenüber den genannten drei Titeln sind die beiden Taschenbücher ein Stück weniger gewichtig, aber sicherlich nicht zu verachten. „Die Scream-Trilogie …und die Geschichte des Teen-Horrorfilms“ ist vielleicht nicht der „letzte Schrei“, aber ein willkommenes und interessantes Buch über ein Zeitphänomen. „Der Sturm“ ist auch die spannend lesbare Rekonstruktion einer Katastrophe, aber nicht ausschließlich. Die vielen sorgfältig recherchierten Hintergrundinformationen erweitern die Veröffentlichung darüber hinaus zu einer packenden flüssig lesbaren Beschreibung des Lebens der Fischer von Massachusets.

Titel: Der Sturm
Erschienen: 2000

Zusatzinformationen: € 8,00 (D)
Laufzeit: 364 Seiten

Medium: Buch
Verlag: Heyne
Kennung: ISBN 3-453-17873-4

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