CD They died with their boots on

Veröffentlicht am 20.07.1999 | von Michael Boldhaus

They Died with Their Boots On

Max Steiners Komposition zu They Died with Their Boots On • Sein letztes Kommando zählt zu den schönsten Filmmusik-Beispielen zu einem Kavallerie-Western. Der Film beinhaltet eine romantisierte Biographie über General George Armstrong Custer, der 1876 mit dem 7. Kavallerieregiment in der berühmten Schlacht am Little Big Horn fiel. Im Jahr 1942 von Raoul Walsh mit Errol Flynn und Olivia de Havilland als Hauptdarstellern inszeniert, steht er für die optische wie musikalische Brillanz vieler Filme aus der Traumfabrik jener Zeit.

Der Komponist, geboren am 10. Mai 1888, entstammte einer prominenten Wiener Familie, deren Bedeutung für das kulturelle Leben der alten Kaiserstadt beachtlich war. Max Steiner brachte nicht zuletzt die Tradition der Wiener Strauß-Heuberger-Operette mit in die USA und hat in der Filmmusik, nicht nur der Hollywoods, Maßstäbe gesetzt. Steiner begann seine Hollywood-Karriere 1929 und komponierte in rund 35 Jahren Musik zu mehr als 300 Filmen. Bis Mitte der dreißiger Jahre bestanden diese Tonschöpfungen zwar meist nur aus Musik für Vor- und Abspann, aber es entstanden auch einige durchgängig komponierte Werke, z. B. die Musik zu King Kong • King Kong und die weiße Frau. Diese faszinierende Komposition wurde zu einem Meilenstein für den Tonfilm: nicht nur, dass sie Steiners Genialität im Erstellen einer dramatischen Komposition für das Kino bewies; ihr Stellenwert liegt auch darin, dass hierdurch die Bedeutung von Originalkompositionen für den Film den Film-Produzenten erstmals nachhaltig bewusst wurde. Steiners bekannteste Komposition entstand 1939 zu Selznicks Gone with the Wind • Vom Winde verweht.

Mit Hilfe einer Reihe von einprägsamen Themen, die nach dem Vorbild des wagnerschen Musikdramas als Leitmotive verwendet werden, entsteht durch raffinierte Variation, geschickte Kombination und Instrumentation sowie gekonnte Satztechnik ein musikalischer Fluss, der Zeugnis für die dramatische Begabung Steiners und sein überragendes handwerkliches Können ablegt. Der Komponist wurde so zum Vorbild für mehr als nur eine Komponistengeneration und begründete mit üppigem Orchesterklang den unverwechselbaren klassischen Hollywood-Sound. Max Steiner gilt daher für viele als der Vater der amerikanischen Tonfilmmusik überhaupt.

Durch geschicktes Arrangieren gelingt es ihm elegant, auch Originalthemen den eigenen Stempel aufzudrücken. Ein schönes Beispiel ist die Hochzeitsszene („Wedding“), in der Steiner Mendelssohns bekannten Hochzeitsmarsch verwendet. Das nach dem Hochzeitsmarsch anklingende, liebliche Streicherthema ist Custers Frau Libby zugeordnet: Dieses wird von Steiner in der nächtlichen Liebesszene („Mystic Teapott/Owl“) zum vollen Erblühen gebracht. Steiner übergab Libbys Thema seinem Orchestrator Hugo Friedhofer mit dem Hinweis: „Mach daraus eine Warner-Tosca“.

Der Komponist pflegte die Filmhandlung durch musikalische Verdopplung zu untermalen. Dies wurde zwar von der Kritik mitunter als Mickey-Mousing verspottet, doch zeigt sich Steiners Meisterschaft gerade in der Kombination von Illustration mit der Stimmungsbeschreibung einer Szene: Hier gelang es ihm, sich über die naturalistischen Imitationskünste von Zeichentrickfilmmusiken weit zu erheben. Schöne Beispiele hierfür finden sich in der Westpoint-Sequenz („Main Title/Westpoint“), wo Steiner die Veralberung der neuen Rekruten durch die Stammbesatzung plastisch in Töne fasst, oder in „Grazioso – On the Train“, in dem die Fahrt des Zuges akustisch symbolisiert wird.

Für die brillant geschnittenen Kampfszenen entstanden nicht minder brillante Collagen aus Fanfaren, Melodiefragmenten und Trommelwirbeln; hier ist er am modernsten. In seiner konstruktiven Kühnheit steht Max Steiner hier seinem Landsmann Charles Ives sehr nah. Zum Beispiel in „Sharpe, Troops Battle 2/Band-Medley“ zitiert er eine Reihe von Traditionals wie „Dixie“, „When Johnny Comes Marching Home“ und „The Battle Cry Of Freedom“. Der musikalische Höhepunkt ist die jetzt erstmals vollständig eingespielte Little-Big-Horn-Sequenz. Bereits 1975 hatte der Dirigent Charles Gerhardt im Rahmen seiner für RCA produzierten hochwertigen LP-Reihe mit klassischer Filmmusik, auf „Classic Film Scores for Errol Flynn“, eine rund 9-minütige Suite aus Sein letztes Kommando vorgelegt. Gerhardt hat darin das Liebesthema und die finale Schlacht sehr geschickt und wirkungsvoll zusammengefasst. Zweifellos liefert sein Arrangement auch heutzutage einen packenden Eindruck von Steiners Filmmusik zu Warners Custer-Epos von 1942. Allerdings handelt es sich bei der Gerhardt-Fassung um eine in Teilen geraffte Konzertversion und damit um etwas, das sich gegenüber der originalen Filmmusik gewisse Freiheiten gestattet. Die Einspielung von Morgan & Stromberg bleibt hier eindeutig dichter am Original.

In den Klängen zur Schlacht am Little Big Horn begegnet dem Hörer ein weiteres, in dieser Filmmusik besonderes bedeutungsvolles Traditional, der „Gary Owen“, ein irisches Marsch-Thema, das durch Custer zum Regimentsmarsch der 7. Kavallerie wurde. „Gary Owen“ kontrastiert in der Schlachtmusik elegant mit dem, den Main-Title unmittelbar einleitenden Sitting-Bull-Motiv. Selbst wenn Steiner “nur mal“ ein Stück Kaffeehausmusik aus Original-Tänzen der Zeit für eine Lunch-Szene („Polka-Mazurka“) arrangiert, tut er dies mit der gleichen Sorgfalt und beweist außerdem Wiener Charme.

Max Steiner stattete die 140 Minuten Film mit etwas über 90 Minuten Musik aus, von denen rund 68 Minuten in der Neueinspielung zu hören sind – die restlichen etwa zwei Minuten entfallen auf Steiners speziell für den Kinotrailer erstellten Komposition. Das seit einigen Jahren für das Marco-Polo-Label in Sachen Filmmusik sehr rege tätige Team John Morgan und William Stromberg hat, wieder einmal, ganze Arbeit geleistet. Die rund 30 Seiten erschöpfender Informationen des geschmackvoll gestalteten Booklets lassen ebenfalls keine Wünsche offen. Dass es die Mitglieder des Moskauer Sinfonieorchesters sind, denen es so vorzüglich gelingt, es Ihren Vorgängern aus Hollywood gleich zu tun, ist schon eine kleine Ironie der Geschichte.

Fazit: Max Steiners Filmmusik zu Warners Western-Klassiker They Died with Their Boots On wurde vom erstklassigen Marco-Polo-Team Morgan/Stromberg liebevoll neueingespielt. Die rund 70-minütige CD präsentiert alle wichtigen Teile dieser herrlichen Klangschöpfung in erstklassiger Spiel- und Tonqualität. Dazu gibt es ein kompetent und mit vielen Informationen versehenes Booklet. Die Produktion ist damit ein Muss für jeden Liebhaber des „Golden Age“.

They Died with Their Boots On Michael Boldhaus
Bewertung

Titel: They Died with Their Boots On
Erschienen: 1998

Laufzeit: 70:05 Minuten

Medium: CD
Label: Marco Polo
Kennung: 8.225079

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