Wallace & Gromit – The Curse of the Were-Rabbit

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
3. Dezember 2005
Abgelegt unter:
CD

Score

(4/6)

Wallace & Gromit – The Curse of the Were-Rabbit

Das Chicken-Run-Team (Peter Lord und Nick Park) hat sich seiner Wurzeln erinnert und nach rund dreijähriger Arbeit jetzt ein neues Knetgummi-Abenteuer für die große Leinwand produziert. Wallace und Gromit – Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen ist vergleichbar amüsant, spritzig und natürlich auch technisch ähnlich perfekt geraten, wie die Story um die rennenden Hennen. „Back to the Roots!“ So lautet dieses Mal das Motto, das sich das Produzenten-Duo gesetzt hat. Ausgangspunkt sind entsprechend die drei in den 1990ern für die BBC produzierten „Wallace und Gromit“-Episoden: Alles Käse (1992), Die Techno-Hose (1993) und Unter Schafen (1995) – hier geht’s zur DVD-Kritik.

In einem turbulenten, vor witziger Situationskomik strotzenden Kinoabenteuer geben die britischen Knetgummicharaktere mit Kultstatus, Wallace & Gromit, nun also ihr Kinodebüt. Das Duo unterstützt mit einem raffinierten Kaninchenfrühwarn- und Fangsystem, „Anti-Pesto“, die Gemüsezüchtervereinigung, deren bevorstehende große Landwirtschaftsshow durch die Nager gefährdet ist. Aber keine Angst! Den eingefangenen Viechern geht es keinesfalls an den Kragen, vielmehr werden sie von Gromit liebevoll mit gehackten Möhren versorgt.

Der englische Originaltitel ist letztlich treffender und ironischer als der deutsche. So gibt Wallace & Gromit: The Curse of the Were-Rabbit bereits einen wertvollen Hinweis, bei dem Curse of the Werewolf • Der Fluch von Siniestro (1960) Pate stand. Nun, vielleicht hört an dieser Stelle bereits so mancher Leser die Nachtigall trapsen bzw. ahnt durch veröffentliche Szenenfotos bereits, welcher Charakter im Verlauf der Handlung zu einem monströsen Wer(wolf)-Karniggel mutiert …

Der britische Komponist Julian Nott ist hierzulande bislang weniger geläufig. Er schuf nicht allein die Musik zu den Wallace-&-Gromit-TV-Episoden, sondern hat neben einigen Spielfilmvertonungen auch dutzende Arbeiten für das Fernsehen erstellt. Jeffrey Katzenberg, Produzent bei Dreamworks, wollte wohl „auf Nummer sicher“ gehen: und so wurde Nott die ehedem Media-Ventures-Crew und Hans Zimmer (als Musikproduzent) an die Seite gestellt. Was auf den ersten Blick vielleicht Schlimmes ahnen lässt, löst sich beim Hören des Albums in Wohlgefallen auf. Für Nott war das Komponieren im Team eine grundsätzlich neue und anfänglich nicht schlichtweg einfache Erfahrung. Im Nachhinein sieht er darauf aber eindeutig positiv zurück. Er ist nicht allein mit dem Ergebnis sehr zufrieden, da er die musikalische Tradition der TV-Episoden auch im Kinoscore gewahrt sieht, sondern fühlt sich selbst um eine wertvolle Erfahrung bereichert.

Was HZ und seine Mannen zusammen mit Julian Nott musikalisch aus der Story um das Riesenkaninchen gemacht haben, darf, ja muss man als durchaus gelungene Mixtur bezeichnen: aus den von den TV-Episoden gewohnten chorsinfonischen Sounds und den auf Hollywood-Hochglanz polierten Vertonungen zu Antz und Chicken Run. Erfreulicherweise ist hierbei keineswegs mit Krampf auf typischen Zimmer-Sound und/oder entsprechende Action-Rhythmik getrimmt worden. Neben Julian Nott sind noch vier weitere Co-Komponisten genannt: Rupert Gregson-Williams, James Michael Dooley, Lorne Balfe und Alastair King.

Die CD bietet über knapp 50 Minuten ein überaus unterhaltsames und dabei zugleich recht vielseitiges Hörerlebnis, in dem der Wallace-&-Gromit-Marsch (auf anraten Zimmers) – untypisch für die Musik der TV-Episoden – zum Hauptthema und roten Faden des Scores gemacht worden ist. Er erscheint zuerst wie gewohnt, im typischen Sound einer britischen Blaskapelle und kommt später in vielfältigen Varianten bis hin zum jazzigen Arrangement zum Tragen. Dabei ist auch das typisch Britische der Original-TV-Episoden-Scores respektvoll bewahrt worden. Das mit rund 90 Musikern groß besetzte Orchester erlaubt dank starker Bläsersektion noch einen zusätzlichen, charmanten Gag: nämlich im satten Orchesterklang, die typischen Klangfarben britischer Bläserensembles noch obendrauf aufscheinen zu lassen.

Natürlich ist im Score ansprechend ausgeführtes (unverzichtbares) Mickey-Mousing mit von der Partie, und ebenso charmant wird das Unheimliche musikalisch gespiegelt: in Form eines sehr geheimnisvoll klingenden, aus neun Noten bestehenden Motivs für das Riesenkaninchen sowie durch originell auf Cartoonmaßstab verkleinerte Horrorfilmmusikklischees. Der Widersacher von Wallace um die Gunst von Lady Tottington, der Jäger Victor Quartermaine, bildet zusammen mit seinem Hund das snobistische Gegenstück zu Wallace & Gromit. Für Quartermain gibt’s barock eingefärbte Einsprengsel. Sein Werben um besagte Lady untermalt eine gestelzte Parodie auf eine Gavotte. Eingestreut in die insgesamt liebenswürdige Melange findet sich auch ein leicht abgewandeltes Zitat aus Prokofjews Ballett „Romeo & Julia“ – bekannt aus der Fernsehwerbung für den Duft „Egoiste”. Und wenn es heroisch wird, dann klingt es nach Elgar – natürlich.

Über die rund 85 Filmminuten geht es kräftig rund, bleibt kein Auge trocken. Augenzwinkernd wird auf britisches Kulturgut verwiesen, und grinsen lässt nicht nur ein Priester, der heimlich in Heften mit dem verwerflichen Titel „Nonnenwrestling“ schmökert. Obendrein lassen einige Zitate aus der Filmgeschichte zusätzlich schmunzeln, z. B. wenn sich das Riesenkarnickel wie King Kong gebärdet. Und einen Hauch von The Blue Max durchweht den gar köstlichen Luftkampf zwischen Gromit und dem Jagdhund Quartermains, ausgetragen mit Karussellflugzeugen. Wallace und Gromit – Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen ist ein reizender Film, unterlegt mit ebenso gelungener Musik, bei dem sowohl große als auch kleine Zuschauer auf ihre Kosten kommen – wenn diese mit dem typischen britischen Humor etwas anfangen können. Und so verbleibt für das gut geschnittene Varèse-Album mit vier Sternen eine eindeutige Empfehlung.

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen Programms zum Jahresausklang 2005.

Komponist*in:
Nott, Julian

Erschienen:
2005
Gesamtspielzeit:
48:21 Minuten
Sampler:
Varèse Sarabande
Kennung:
VSD-6686

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