The View from Pompey’s Head/Blue Denim

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
18. März 2002
Abgelegt unter:
CD

Score

(4.5/6)

Bei The View from Pompey’s Head • Unvollendete Liebe (1955) handelt es sich um ein – für heutige Zuschauer – wohl nur noch zähes Gesellschafts- und Liebesmelodram. Der noch am Anfang seiner Karriere stehende Elmer Bernstein – für ihn war dies die erste Komposition für ein Melodram – wurde gar von Bernard Herrmann empfohlen. Alfred Newman, als hilfsbereit und Förderer des Nachwuchses bekannt, nahm den jungen Komponisten an die Hand und gab ihm im Rahmen einer speziell arrangierten Vorführung von Love Is a Many Splendored Thing eine Reihe wertvoller Hinweise und Anregungen. So spiegelt Bernsteins noch etwas tastende Musik zu The View from Pompey’s Head denn auch ganz besonders Newmans Einfluss wider: in der Wärme und Verbindlichkeit der teilweise volksliednahen Themen und ebenso in der Behandlung des Orchesters. Die Partitur enthält eine Reihe schön gestalteter Passagen, die von Holzbläsersoli (ebenfalls von Alfred Newman inspiriert) geprägt sind. Diese werden wenig später in verfeinerter und individualisierter Form eines der Markenzeichen Bernsteins. Neben einem kammermusikalisch ausgedünnten Orchestersatz, der stark Aaron Copland zugeneigt ist (siehe auch Jerome Moross), finden sich typische Passagen – z. B. in Men in War (1957), The Birdman of Alcatraz (1962) und ganz besonders markant und berühmt in To Kill a Mockingbird (1963), im musikalischen Ausdruck kindlicher Unschuld. An einigen Stellen der Musik zu The View from Pompey’s Head ist auch Coplands Stil etwas heraushörbar, wobei immer dann Newmans Einfluss dominierend ist, wenn der Ausdruck üppiger romantisch wird, z. B. in den Love-Szenes, oder auch, wenn Walzerseliges erklingt, aber ebenso in den dramatischeren Momenten.

Die Musik zu The View from Pompey’s Head ist stilistisch vergleichbar mit der zu From the Terrace (1960). Entsprechend kann man auch hier von in Teilen etwas zuviel Sentimentalität im Ausdruck und damit von leichter Patina sprechen. Das ist letztendlich aber Geschmacksache. Qualitativ stehen beide Kompositionen auf ähnlichem Niveau, wobei From the Terrace für die Komposition mit mehr überzeugung 4 ½ Sterne verliehen werden kann. The View from Pompey’s Head ist in jedem Fall eine gut klingende Ausgrabung von einiger Hörqualität.

Nicht allein Elmer Bernstein dürfte mit diesen FSM-Veröffentlichungen mehr als zufrieden sein; sie bereichern die derzeit nicht allzu vielseitige Bernstein-Kollektion auf CD.

Blue Denim • Die Unverstandenen (1959) ist wohl kaum mehr als ein angestaubter Problemfilm – aus dem Teenager-Milieu der ausgehenden 50er – um das in den USA ganz besonders heikle Thema Abtreibung. Blue Denim war schon seinerzeit nicht besonders erfolgreich und dürfte anschließend im Archiv verschwunden sein. Eine Beurteilung der Filmmusik im Zusammenhang mit dem Film gestaltet sich daher schwierig.

Bennny Herrmanns Musik für dieses Sozialdrama ist – wie bereits ein zeitgenössischer Kritiker treffend formulierte – eine Art von „Baby-Vertigo“, wobei man auch ebenso stimmig von „embryonaler Marnie“ sprechen kann.

Der Herrmann-Kundige dürfte daher ahnen, wo es hier lang geht. Weitgehend romantisch und von typisch herrmannesquen dezent tristen Walzereinschüben geprägt, zählt die handwerklich über jeden Zweifel erhabene und auch gut anhörbare Musik sicherlich zu den leichter zugänglichen Arbeiten des großen Komponisten. Allerdings, auch ohne den Film zu kennen, wirkt seine musikalische Lösung in diesem Fall nicht besonders überzeugend, sondern eher als zu gewichtig für die Teenie-Protagonisten des Films. Insgesamt ist Blue Denim im Herrmannschen Œuvre daher wohl eher ein Kuriosum, denn ein Beispiel für große Filmmusik.

Einmal mehr zeigt sich, dass Herrmann kein Schreiber von leichten, eingängigen und prägnanten Themen war – etwas das für den Film wohl angemessener gewesen wäre. Der große Reiz seiner Musik liegt daher primär in der immer wieder äußerst raffinierten (minimalistisch orientierten) Verarbeitung und Gestaltung eher kurzer Themen sowie Motiv-Partikel begründet.

Herrmann gehört zu den wenigen Komponisten, von denen wohl viele Sammler möglichst alles haben wollen. überwiegend dürften diese die Musik zu Blue Denim zwar als eine eher unbedeutende Untermalung für einen pubertären Garden of Evil empfinden, eine willkommene Ergänzung für die Herrmann-Diskothek ist die Musik aber in jedem Fall. Die zur übertragung herangezogenen Tonmaster waren vollständig und in erfreulich gutem Zustand – die CD belegt’s durch überzeugenden Klang. Das auch die den beiden CDs beigegebenen Booklets dem musikalisch Gebotenen qualitativ nicht nachstehen, muss inzwischen kaum noch erwähnt werden. Musikalisch verdienen sowohl The View from Pompeys Head als auch Blue Denim zweifellos 4 Sterne. Der gute Repertoirewert und die sehr gute Ausstattung des Albums mit zwei längeren raren Scores rechtfertigen sicherlich einen Zuschlag um einen halben Stern auf 4½ Sterne.

Erschienen:
2001
Gesamtspielzeit:
75:19 Minuten
Sampler:
FSM
Kennung:
Vol. 4 No. 15

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