The Innocents Abroad and other Mark Twain films

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
21. August 2009
Abgelegt unter:
CD

Score

(4/6)

Die engagierten Sammler der durch das Internet internationalisierten und zugleich schnelllebigen Filmmusikszene kennen den Frust, den der in letzter Zeit überhand nehmende Limitierungswahn bereiten kann. Das zwar fragwürdige aber ebenso klare Erfolgsmodell im Marketingpoker heißt derzeit: kleine bis kleinste Auflagen von 1.500, 1.200 oder gar nur 1.000 Stück. Die gehen nämlich im Zusammenwirken mit gezieltem Anheizen des Hypes nicht erst innerhalb weniger Wochen über den virtuellen Ladentisch. Mittlerweile sind manche dieser Veröffentlichungen nicht erst innerhalb einiger Tage, sondern bereits innerhalb von 12 bis 15 Stunden beim Hersteller ausverkauft! Da muss man im Halbwertszeit-Poker schon Nerven wie Drahtseile besitzen, wenn das Portemonnaie nicht derart prall gefüllt ist, dass man immer bedenkenlos – koste es was es wolle – direkt ordern kann, was man garantiert nicht verpassen möchte.

Hier schafft die vorliegende Naxos-Veröffentlichung zumindest kurzzeitig Linderung. Auf dem Programm steht Musik zu PBS TV-Adaptionen diverser Erzählungen eines der berühmtesten nordamerikanischen Schriftsteller, Samuel Langhorne Clemens (1835–1910), erheblich geläufiger unter seinem Pseudonym Mark Twain. Unter dem Sammelbegriff „Mark Twain Series“ entstanden in der ersten Hälfte der 1980er die folgenden sechs Verfilmungen, von denen anscheinend bislang nur die vier auch mit deutschen Titeln versehenen über die hiesigen TV-Geräte geflimmert sind: Life on the Mississippi • Leben auf dem Mississippi (1980), The Private History of a Campaign That Failed (1981), The Mysterious Stranger • Der geheimnisvolle Fremde (1982), The Innocents Abroad • Die Arglosen im Ausland (1983), Pudd’nhead Wilson (1984), Adventures of Huckleberry Finn • Die Abenteuer von Huckleberry Finn (1985).

3397Hinter den „Mark Twain Series“ steht der den Sammlern von Filmmusik kaum geläufige William Perry sogar in dreierlei Hinsicht: als Komponist sowie Dirigent der jeweiligen Filmmusik, aber auch als Mitproduzent. Bei der vorliegenden Naxos-CD handelt es sich um eine Wiederveröffentlichung eines bereits 1992 auf dem Label „Premier Recordings“ unter dem Titel „The Film Music of William Perry: Life on the Mississippi“ erschienenen Albums. Im Begleitheft der Naxos-Ausgabe ist nicht nur dies sorgfältig dokumentiert. Ausgewiesen wird unter anderem auch die verzweigte Produktionsgeschichte, z. B. zählte auch Taurus Film in München zu den Beteiligten. Darüber hinaus ist erfreulicherweise auch der recht informative Text des Begleitheftes der 92er CD-Ausgabe vollständig enthalten.

Der gebürtige New Yorker William P. Perry (•1930) absolvierte in Harvard seine Musikausbildung. Neben Kompositionen für Konzert, Ballett und Musical hat Perry als Filmkomponist offenbar in erster Linie für das Stummfilmarchiv des Museum of Modern Art in New York gearbeitet. Während seiner 12-jährigen Tätigkeit als Pianist und „composer in residence“ hat er dort für eine Vielzahl von Kurzfilmen, aber auch für den Buster-Keaton-Stummfilmklassiker The General (1926) nicht nur eine neue Klaviermusik geschaffen, sondern diese auch live zum Film aufgeführt.

Soweit so gut. Von Perrys Stummfilmkompositionen hat es bis dato kaum etwas auf Tonträger geschafft. Vermutlich, da es sich dabei durchweg um reine Klaviermusiken handelt, für die selbst unter Filmusiksammlern kaum ein besonders breites Interesse vorhanden ist. Orchestrale Filmmusik des Amerikaners scheint es abseits der „Mark Twain Series“ nicht zu geben.

Auf die 1992er Ausgabe der Perry-TV-Mark-Twain-Kompilation bin ich seinerzeit rein zufällig gestoßen. Beim Sichten der filmmusikalischen Neuerwerbungen eines Bekannten wurde ich beim Probehören sehr angenehm überrascht und habe das Album daraufhin prompt auf meine Wunschliste gesetzt.

Die Kompilation vereint Auszüge aus sechs TV-Filmmusiken, wobei der Löwenanteil der Spielzeit auf die folgenden drei entfällt: Adventures of Huckleberry Finn (18:26 Minuten), The Innocents Abroad (15:40) und The Mysterious Stranger (15:05). Aus Pudd’nhead Wilson gibt’s mit 2:16 min gar nur einen Schnipsel zu hören. Dafür sind von Life on the Mississippi (10:57) und The Private History of a Campaign that Failed (7:39) immerhin solide Kurzsuiten im Angebot. Wertungsmäßig ist bei derartigen Zusammenstellungen eine einigermaßen korrekte Einschätzung der jeweils vollständigen Filmmusik nicht wirklich möglich — so steht z. B. die Suite aus Adventures of Huckleberry Finn für einen Score zu einer immerhin vierstündigen Filmadaption. Entsprechend kommt hier nur eine Albumwertung in Frage.

Der jeweilige Klangkörper (die Einspielungen fanden in Bratislava, Wien und Rom statt) ist nicht etwa schmalspurig besetzt. Der durchweg sehr gute Klang belegt die Qualität der abwechslungsreich ausgeführten Orchestrierungen. Neben der recht vielseitig zusammengesetzten Schlagwerksektion sorgen selten eingesetzte Instrumente für zusätzliche Färbungen. So die klanglich zwischen Oboe und Englischhorn einzuordnende, auch als Liebesoboe bezeichnete Oboe d’amore, eine weitere Rarität der Oboenfamilie, das Heckelphon, oder auch das trompetenähnliche Flügelhorn. Für typische (Südstaaten-)Americana sind zuständig das Banjo und die Mundharmonika, zusammen mit im Volkston gehaltenen sanglichen und daher unmittelbar eingängigen Themen. In Pudd’nhead Wilson und The Mysterious Stranger tritt dem Orchester ein vokalisierender Chor hinzu.

Zwar gibt es hier nichts zu hören, das als außergewöhnlich einzustufen wäre oder gar Maßstäbe gesetzt hätte. Aber das heißt ja nun nicht, dass die CD nichts zu bieten hätte. Im Gegenteil: Über rund 70 Albumminuten kommt der Freund süffiger, von Melodie geprägter Kinosinfonik mit Americana-Touch voll auf seine Kosten. Das gilt nicht nur für die eine Prise Aaron Copland enthaltenden Musiken zu Huckleberry Finn und Life on the Mississippi. In The Private History of a Campaign that Failed, einer kritischen Reflexion zum Thema Krieg und Heldentum, findet sich das alte Südstaaten-Liebeslied „Lorena“ originell als Solo des Flügelhorns zitiert. In The Innocents Abroad spiegeln sich die Schauplätze eines die Sehenswürdigkeiten des Alten Europas ironisch begutachtenden Reisenden (Mark Twain höchstpersönlich) in entsprechend charakteristisch gefärbter Musik: z. B. in einer Tarantella für Neapel und einem Can-Can für Paris. Dabei erscheint das zentrale Thema (stellvertretend für den Reisenden) des Scores fortlaufend in ansprechenden Variationen. Und der Untermalung des mittelalterlichen und fantasyhaften Szenarios von The Mysterious Stranger verleihen die sich überlagernden Sounds von Oboe, Englischhorn und Fagott ein dezent archaisierendes, entfernt an Schalmeien erinnerndes Flair.

Der Tonfall der Musiken ist durchweg eher entspannt, häufiger humorvoll und augenzwinkernd. Gelegentlich schimmert mal etwas Melancholie auf und an einigen Stellen verströmen die Klänge auch epischen Touch. Daraus resultiert ein sehr unterhaltsames Album, das dank seiner hohen Hörqualitäten und unmittelbaren Eingängigkeit bei mir immer wieder den Weg in den Player findet. Dank Naxos hat der vielleicht doch noch Zaudernde jetzt endlich einmal wieder die Möglichkeit, in Ruhe abzuwägen, ob ihn meine anhaltend positive Einstellung dazu vielleicht doch zum Kauf verleiten vermag.

Fazit: Die Frage „Kennen Sie den?“ dürften in Bezug auf den Filmkomponisten William P. Perry die meisten Leser verneinen. Daran etwas zu ändern, dafür ist das Naxos-Album „The Innocents Abroad and other Mark Twain films“ gemacht. Wer für eine eher leichtgewichtige, aber trotzdem nicht belanglose, vielmehr überaus unterhaltsame Suitenzusammenstellung klanglich süffiger sinfonischer Filmmusiken zu TV-Produktionen der 1980er noch ein Plätzchen in der Kollektion hat, der liegt hier punktgenau richtig.

Endlich mal wieder ein nicht limitiertes Filmmusikalbum! Naxos sei Dank gibt’s hier Balsam für die durch den Limitierungsstress der letzten Zeit arg geplagte Sammlerseele. Der äußerst maßvolle Preis tut noch ein Übriges. Hilft er doch mit das Restrisiko für die Anschaffung dieses feinen Knusperriegels für (nicht nur) zwischendurch zu minimieren. Und darüber hinaus ist die CD auch hierzulande problemlos erhältlich. Ist das nicht klasse?

© aller Logos und Abbildungen bei den Rechteinhabern.

Komponist*in:
Perry, William

Erschienen:
2008
Gesamtspielzeit:
70:16 Minuten
Sampler:
Naxos
Kennung:
NX 8.570200

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