The Film Music of Dmitri Shostakovich, Vol. 1

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
9. März 2005
Abgelegt unter:
CD

The Film Music of Dmitri Shostakovich, Vol. 1 / 2

Niemand soll sagen, die Macher der Chandos-Movies-Serie würden einer „Inselmentalität“ Vorschub leisten. Entsprechend blickt man nach den Alben zu Nino Rota und Georges Auric ein weiteres Mal hinüber auf das europäische Festland. Das bewährte BBC Philharmonic, dieses Mal unter der Leitung von Vassily Sinaisky, hat dem berühmten russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch (bislang) zwei CD-Alben gewidmet. In Teilen des ersten werden sie dabei vom Sheffield Philharmonic Chorus unterstützt.

Die beiden CDs präsentieren Auszüge aus insgesamt sieben Filmpartituren des Russen, wobei allerdings nur die jeweils knapp 10-minütigen Suiten aus Mann mit Gewehr (1938) und Wolotschajewer Tage (Tage von Volochaev) (1937) als Ersteinspielungen vermerkt sind. Wirklich konkurrenzlos auf dem Tonträgermarkt scheint mir derzeit allerdings allein Tage von Volochaev zu sein — von Mann mit Gewehr gibt es immerhin eine annähernd identische Suiten-Einspielung aus dem Jahr 1997 auf dem Label Russian Discs. Die anderen fünf Titel (auf Vol. 1: Maxim-Trilogie, Allein und König Lear; auf Vol. 2: Goldene Berge und Die Hornisse) sind sämtlich anderweitig schon zuvor, zum Teil sogar mehrfach aufgenommen worden.

Zum Vergleich bieten sich die besonders leicht zugänglichen Einspielungen des Schostakowitsch-Filmmusikzyklus des Capriccio-Labels an. Dabei vermag allerdings das Vol. 1 von Chandos nicht so recht zu überzeugen. Hier laufen die Capriccio-Aufnahmen denen von Chandos doch den Rang ab, liefern eine spürbar kraftvoller zupackende und damit auch dramatischer wirkende Interpretation der Stücke. An sauberem Orchesterspiel mangelt es den Mitgliedern des zweifellos sehr hochwertigen BBC Philharmonic dabei hörbar nicht. Für den etwas blassen Eindruck ist der Taktstockmaestro Vassily Sinaisky verantwortlich. Außerdem beeinträchtigen die gegenüber der Capriccio-Konkurrenz merklich gekürzten Suitenfassungen von Allein und König Lear den Eindruck zusätzlich noch etwas. Allerdings, hier von „schlecht“ zu sprechen, wäre eindeutig zu scharf und übertrieben.

Auf dem Vol. 2 schlagen sich die Briten unter ihrem russischen Dirigenten klar besser, rangieren im Ergebnis mit den Capriccio-Einspielungen in vergleichbarer Liga. Besonders Die Hornisse überzeugt: sowohl der innig-eingängige melodische Charme als auch die damit kontrastierenden dramatischen Teile, sind sehr schön herausgearbeitet worden. Möglicherweise könnte gerade diese Komposition für so manchen Hörer als Schlüssel zu den oftmals sperrigeren, von tiefem Ernst und Tragik durchzogenen Klangwelten im Œuvre des Dmitri Schostakowitsch dienen. Belegt doch gerade diese besonders eingängige Filmmusik das Talent ihres Schöpfers für herrliche romantische Themen und ebenso für die subtile Gestaltung vielfältiger Stimmungen: vom heiter lärmenden Volksfest, über die klangsinnliche Romanze bis zur packenden Dramatik des Finales.

Auch hier gibt’s ein (jedoch) kleines Wehrmutströpfchen: die wiederum gekürzte Fassung von Goldene Berge. Diese ist zwar interpretatorisch tadellos geraten, ihr fehlt allerdings leider die aus dem „Rahmen fallende“ modern-kühne Orgelfuge. Dafür wird mit Tage von Volochaev eine echte Rarität geboten. Der als Kriegspropaganda gegen Japan gedachte Film spielt auf Ereignisse in den Revolutions- und Konterrevolutionswirren des Jahres 1918 an. Hier werden die Japaner stereotyp, wie die deutschen Ordensritter in Alexander Newski, als hinterlistig und gemein gezeigt. Die eingespielte Suite überzeugt mit einem karikierenden, dezent pentatonisch gefärbten Marsch und außerdem mit ihren auch kontrapunktisch geschickt ausgeführten musikalischen Spiegelungen des Militärischen.

Unterm Strich bildet die Schostakowitsch-Sektion der beachtlichen Reihe Chandos-Movies ein Programmsegment, welches nur begrenzt zu überzeugen vermag. Neben den leichten interpretatorischen Durchhängern des ersten Albums ist es schon etwas schade, dass die Produzenten nicht zumindest mehr Gewicht auf bislang unzugängliche Filmmusiken des Russen gelegt haben. Wer bislang noch nichts oder kaum Filmmusikalisches des russischen Tonsetzers besitzt, ersteht mit den beiden Chandos-Alben sicher keine Flops, aber eben auch keine ultimativen Serien-Highlights. Anlässlich der insgesamt weniger geglückten Konzeption und teilweise auch Präsentation entfällt an dieser Stelle die übliche Bewertung. Rein kompositorisch gesehen rangieren die Musiken zwischen etwa vier und fünf Sternen.

Hier gibt es eine Übersicht der bisher besprochenen Chandos-Movies-CDs.

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Erschienen:
2002
Gesamtspielzeit:
75:16 Minuten
Sampler:
CHANDOS MOVIES
Kennung:
10023
Zusatzinformationen:
Vassily Sinaisky, BBC Philharmonic

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