The Devil’s Brigade

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
24. Dezember 2007
Abgelegt unter:
CD

Score

(5/6)

Andrew McLaglens The Devil’s Brigade • Die Teufelsbrigade (1967) versuchte vergeblich an den Erfolg von The Dirty Dozen anzuknüpfen. Im Gegensatz zur fiktiven Story des Vorläufer-Films sind hier die Taten einer realen amerikanisch-kanadischen Spezialeinheit Vorbild für die Handlung. Diese im Juni 1942 offiziell in Dienst genommene Special Service Force, SSF, tat sich zuerst in den Kämpfen in Italien 1943/44 (im Raum Monte Cassino) hervor. Bei der zweiten Landung, im Rücken der deutschen Front, bei Anzio im Frühjahr 1944, erhielten die Männer der SSF infolge der mit Schuhcreme geschwärzten Gesichter von ihren Gegnern übrigens den Beinamen „Die schwarzen Teufel“. Gefallene Deutsche versahen sie mit einem Sticker, auf dem sinnigerweise zu lesen war: „Das dicke Ende kommt noch!“

Trotz stärker an realen Vorfällen orientiertem Plot ist Die Teufelsbrigade kaum mehr als ein schlichtweg ärgerliches Kriegsspektakel, das man sicher nicht unbedingt gesehen haben muss. Ganz anders verhält es sich mit der Filmmusik von Alex North, die jetzt erstmalig überhaupt im Original gehört werden kann. Beim Anlegen der Musik an den Film erlaubten sich die Beteiligten große Freiheiten. Manche Stücke wurden überhaupt nicht, andere dafür zweimal verwendet. Wieder andere, wie der im Original so faszinierende Main Title, wurden mit Hilfe der Schere umgestellt und ihres Geistes durch derartiges Verstümmeln fast völlig beraubt (s. u.).

Kurioserweise erschien zum Filmstart allein eine Nachspielung auf United-Artists-Records, eingespielt von Leroy Holmes und seinem Orchester. Nicht immer und zwangsläufig sind Nachspielungen etwas, das gegenüber dem Original allein zweit- oder gar drittklassig ist. Die Einspielungen von Leroy Holmes allerdings gehören sämtlich in die Kategorie ungenießbar. Holmes hat späterhin im Zuge des Erfolges der Gerhardt’schen „Classic Film Score Series“ der 1970er auch einige klassische Hollywood-Filmmusiken (z. B. Max Steiners King Kong, Alfred Newmans The Prisoner of Zenda oder Herrmanns Citizen Kane) vorgelegt. Die Crux dabei ist, dass er sich unverzeihliche Eingriffe in die Original-Partituren gestattete, welche die Kompositionen wohl bei einem stark Pop-orientierten Publikum populär machen sollten. Die Resultate sind allerdings schlichtweg als schrecklich, die Originale allein entstellend zu bezeichnen. Steiners King Kong wirkt wie Musik zu einem schauderhaften Zirkusspektakel, Citizen Kane klingt kaum noch Herrmann-typisch, sondern schlichtweg seltsam. Und ebenso ist die Leroy-Holmes-Version von The Devil’s Brigade zur militärisch angehauchten eigenartigen Tanzmusik verkommen. Interessanterweise gehören die Holmes-Einspielungen zu den Aktivitäten in Sachen Filmmusik, die zumindest bisher kein Label offiziell wiederveröffentlicht hat.

Die Veröffentlichung der vollständigen originalen North-Musik zu The Devil’s Brigade durch Intrada ist einem glücklichen Zufall zu verdanken. Wie das Allermeiste aus dem Archiv von United Artists galten die Original-Musikaufzeichnungen lange Zeit als verschollen. Erfreulicherweise ist kürzlich im MGM-Archiv nicht allein das komplette Bandmaterial aufgetaucht. Es befindet sich außerdem in hörbar vorzüglichem Zustand. Wohl annähernd so frisch, dynamisch und transparent wie in den Tagen der Aufnahmesitzungen erstrahlt die Musik aus den Boxen der heimischen Anlage.

North arbeitet monothematisch, stellt ein eigenes Marsch-Thema ins Zentrum seiner Komposition. Das ist für sich genommen zwar noch keineswegs ungewöhnlich, sondern völlig traditionell, man denke nur an Max Steiners The Caine Mutiny (1954). Auffällig ist allerdings unmittelbar der ausgeprägt bläserbetonte Klang des in den Streichern stark reduziert besetzten Ensembles: Keine Violinen, allein 10 Celli kommen hier zum Einsatz. Dafür verleihen nicht zuletzt diverse Saxophone dem Sound ein charakteristisches North-Flair.

Und bereits im exquisiten Main Title (der hier übrigens erstmalig so zu hören ist, wie der Komponist ihn vorgesehen hatte) zeigt sich darüber hinaus, wie nicht allein modern, sondern überhaupt ungewöhnlich dieser im Übrigen reaktionär inszenierte Kriegsfilmstoff vertont worden ist. Das musikalische Geschehen startet mit einem Zitat des Traditionsmarsches „Scotland the Brave“, dem nach einer Perkussionsüberleitung der North-Marsch zur Seite gestellt wird. Was man bis hierher immer noch (abgesehen vom ungewöhnlichen Klang) als traditionell ansehen mag, ändert sich nach einmaligem Durchspielen des Themas schlagartig. Das turbulente Geschehen, bei dem sich die verschiedenen Bläsergruppen des Orchesters wechselseitig originell zuspielen, wird nun allein noch von bruchstückhaft auftauchenden Themenfragmenten bestimmt, wobei neben dem North’schen Marsch auch „Scotland the Brave“ eine Rolle spielt. Die Musik wirkt auf diese Weise jedoch nicht mehr überzeugend patriotisch, die quasi dekonstruierten und durcheinander gewirbelten Thementeile lassen die Musik vielmehr stark ironisierend und parodierend erscheinen. Man könnte zum Schluss gelangen, dass der Komponist hier seiner Abneigung gegenüber derartigen Kriegs-Sujets Luft gemacht und damit auch seine Auftraggeber auf die Schippe genommen hat. (Immerhin war 1968 das Jahr der massiert und organisiert auftretenden Anti-Vietnamkrieg-Proteste.) Im weiteren Verlauf der rund 43 Minuten Score geht es grundsätzlich in diesem Sinne weiter. Wobei das auf den Main Title Folgende ebensowenig als patriotisch bezeichnet zu werden verdient, vielmehr fast durchweg aus allerdings geschickt gemachten und daher hörenswerten Spannungsmusiken besteht. Neben pfiffigen Varianten des North-Marsches treten dabei auch weitere Traditionals wie der „Yankee Doodle“ auf den Plan.

Neben Musik, die im endgültigen Tonschnitt in Teilen umgestellt, verkürzt oder gar komplett der Schere zum Opfer fiel, sind auf dem Intrada-Album auch sämtliche Source-Cues als Bonus-Tracks vertreten. Dabei handelt es sich nur bedingt um Füller für das CD-Album, keineswegs um belangloses Material. Wer hier genauer hinhört, merkt vielmehr rasch, wie überaus sorgfältig North zusammen mit Benny Golson auch diese Musikstücke neu arrangiert, komponiert und mit Hilfe vorzüglicher Instrumentalisten eingespielt hat: vom raffiniert neu erscheinenden Traditionsmarsch, über Big-Band-Jazz, jazziges Weihnachtslied bis hin zu klassizistisch gehaltenen Trios (für Flöte, Klarinette und Klavier) für ein Frühstück der Generale.

Zweifellos handelt es sich hier um eine hochwertige, handwerklich erstklassig ausgeführte North-Vertonung, die in Teilen nicht nur Erinnerungen an Spartacus (1960), Cleopatra (1963) oder Dragonslayer (1981) wachruft. Was für den Kenner und Liebhaber North’scher Musik sicherlich lustvoll zu entdeckendes und zu erschließendes Neuland darstellt, dürfte den North-Einsteiger allerdings etwas überfordern, diesen unter Umständen langweilen. Die mehr als nur deutliche Empfehlung wendet sich daher in erster Linie an den fortgeschrittenen Filmmusikhörer. Anfängern hingegen sei zuerst The Shoes of the Fisherman • In den Schuhen des Fischers (1968) ans Herz gelegt.

Sehr vorzeigbar geraten ist auch das 16-seitige nett illustrierte Begleitheft, versehen mit einem informativen Text von Douglass Fake zum Film und der Musik.

Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zum Jahresausklang 2007.

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Komponist*in:
North, Alex

Erschienen:
2007
Gesamtspielzeit:
67:03 Minuten
Sampler:
Intrada
Kennung:
Special Collection Vol. 42

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