Selma

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
14. Juli 2015
Abgelegt unter:
Blu-Ray

Film

(4.5/6)

Bild

(3.5/6)

Ton

(4.5/6)

Extras

(4.5/6)

Wenn Selma beginnt, ist Martin Luther Kings wohl magischste, im Jahr 1963 in Washington, D.C., vor dem Lincoln Memorial gehaltene Ansprache „I have a dream!“ bereits Geschichte. Der Film transportiert den Zuschauer ins Jahr 1965, das ein Schicksalsjahr für die gewaltfreie schwarze  US-Bürgerrechtsbewegung wurde. Selma ist nun der erste abendfüllende Film über deren Ikone, Martin Luther King, der vom Briten David Oyelowo derart überzeugend verkörpert wird, dass seine komplette Ignorierung bei den Oscar-Nominierungen 2015 schon etwas seltsam erscheint.

Steven Spielbergs Lincoln (2012) bildet durch die filmisch veranschaulichten Umstände, welche zur Abschaffung der Sklaverei in den USA führten, nicht nur die Keimzelle, sondern zugleich wohl auch konzeptionell das entscheidende Vorbild für Selma. Angestrebt ist von Regisseurin Ava DuVernay nämlich ebenfalls nicht ein möglichst umfassendes Gesamtporträt der im Zentrum stehenden Figur zu liefern. Vielmehr fokussiert die Filmhandlung auf nur einen kleinen, eng umrissenen Ausschnitt im historischen Ablauf: die so genannten (insgesamt drei) Selma-Märsche im US-Staat Alabama. Durch die TV-Bilder vom brutalen Polizeieinsatz beim „Blutigen Sonntag von Selma“ gegen friedliche Schwarze an der Edmund-Pettus-Brücke wurde die US-Öffentlichkeit aufgeschreckt. Wenige Monate später ging der von Präsident Lyndon B. Johnson (Tom Wilkinson) eingebrachte „Voting Rights Act“ durch den Kongress, wodurch Schikanen wie der entwürdigende Fragentest, dessen Bestehen die Voraussetzung dafür bildete, überhaupt als schwarzer Wähler registriert zu werden, verboten wurden.

Die Stärken des Films liegen in der Darstellung Martin Luther Kings als sich bietende Gelegenheiten frühzeitig erkennender und diese geschickt zu nutzen verstehender politischer Organisator und brillanter Agitator, einer, der im Interesse der guten Sache auch auf das moderne Medium Fernsehen setzt. Dass er auch nicht frei von menschlichen Schwächen war, kommt freilich eher zu kurz. Hier gibt sich Selma doch allzu keusch und damit zu unentschlossen, Kings private Obsessionen, etwa seine diversen erotischen Eskapaden zumindest klarer anzureißen. Auch bleibt Wichtiges im Umfeld der geschilderten historischen Ereignisse, wie das zunehmende amerikanische Engagement in Vietnam, zu wenig berücksichtigt oder komplett außen vor.

Ein völlig unerwarteter, von den Machern freilich nicht zu verantwortender, Schwachpunkt des Films liegt allerdings darin, dass man aus Gründen des Copyrights nicht auf Kings Originalreden zurückgreifen durfte, sondern King-Darsteller Oyelowo neu Erdachtes in den Mund gelegt werden musste.  Unterm Strich gilt trotzdem: Auch wenn das Bewusstsein für die im US-Alltag immer noch weit verbreiteten rassistischen Tendenzen und die damit verbundenen geschichtlichen Hintergründe US-Bürgern zweifellos erheblich vertrauter sind, liefert Selma für ein aufgeschlossenes Publikum auch hierzulande sehr sehenswertes Geschichtskino.

Die US-Bürgerrechtsbewegung erhielt übrigens durch schwarze GIs kräftig Auftrieb, die im Nachkriegsdeutschland im Umgang mit der (weißen) Bevölkerung, der sie die Demokratie vermitteln sollten, ein nie zuvor erlebtes Maß an Respekt und Gleichberechtigung erfuhren. Diese bislang wenig geläufige Tatsache vermittelt einen Eindruck davon, welch überwältigenden Eindruck der gerade hierzulande erlebte „Hauch von Freiheit“ bei vielen Beteiligten hinterlassen haben muss, die sich nach ihrer Heimkehr wieder mit dem allzu vertrauten alltäglichen Rassismus konfrontiert sahen – siehe hierzu die TV-Doku Ein Hauch von Freiheit.

Selma von Blu-ray in HD

Die HD-Präsentation ist eine dezente Enttäuschung. Der Film arbeitet mit einer teilweise entsättigten, insgesamt eher blassen Farbpalette, die nur hier und da auch mal einige dezente Farbtupfer zulässt. Gelblich-bräunliche Sepia-ähnliche Tönungen dominieren in den eher lichtschwachen Innenaufnahmen. Ein durchgehend mauer Schwarzwert steht für ein bescheidenes Kontrastverhältnis, in dem schwarze Bereiche bestenfalls dunkelgrau erscheinen. Hin und wieder sind zusätzlich graue Streifen sichtbar. Das korrespondiert häufig schon seltsam mit dem satten Schwarz der das Scope-Bild begrenzenden Balken. Entsprechend ist auch der Schärfeeindruck des an sich durchaus detailfreudigen Bildes deutlich beeinträchtigt, liegt etwa im Mittelfeld. Alles in allem ist das selbst bei in hellem Tageslicht spielenden Szenen etwas matt erscheinende Bild zwar durchaus ansehbar, aber ihm fehlt schlichtweg der mit HD üblicherweise verbundene Mehrwert in Punkto Brillanz.

Wenig effektreich, vielmehr dezent und damit dem eher dokumentarischen Anliegen des Films völlig angemessen agiert der saubere 5.1-Surround-Ton. Kurz gesagt: Wenig spektakulär, aber effektiv.

Ansprechend ist die Bonikollektion geraten. Enthalten sind neben zwei, erfreulicherweise auch solide deutsch untertitelten, Audiokommentaren weitere Zugaben, etwa das rund halbstündige Making-of „Die Entstehung von Selma“ oder das Wochenschaumaterial in „Originalaufnahmen aus Selma 1965“, die allesamt interessante Einblicke in die Hintergründe und Entstehung des Films vermitteln. Das Musikvideo zum Oscar-prämierten Song „Glory“ bildet dazu dann noch eine markante klingende Ergänzung mit Souvenircharakter. Glory, komponiert und interpretiert von Lonnie Lynn (alias Common) und John Stephens (alias John Legend), ist eine kraftvolle Synthese aus traditionellem Gospel und Rap. Daneben erscheinen die im Film atmosphärisch eingesetzten Songs aus der Zeit der Filmhandlung und weitere als Untermalung dienende Beiträge des Jazzpianisten Jason Moran vergleichsweise unauffällig.

Fazit: Auch rund 150 Jahre nach dem Ende des US-Bürgerkriegs und der damit verbundenen Abschaffung der Sklaverei ist die gleichberechtigte Integration der afroamerikanischen US-Bürger noch längst nicht abgeschlossen. Für diese ernüchternde Feststellung stehen verschiedene Vorfälle der jüngsten Zeit, nicht nur im traditionell besonders ausgeprägt rassistischen  „Alten Süden“,  etwa dem im US-amerikanischen Bundesstaat Missouri gelegenen Ferguson, sondern ebenso in New York City. Lincoln (2012, Musik: John Williams) und im Anschluss daran der dem Spielberg-Opus auch konzeptionell nahestehende Selma (2014) von Regisseurin Ava DuVernay bieten dazu sehr beachtlich aufbereiteten filmischen Geschichtsunterricht.

Zur Erläuterung der Wertungen lesen Sie bitte unseren Hinweis zum Thema Blu-ray-Disc versus DVD.

Regisseur*in:
DuVernay, Ava

Erschienen:
2015
Vertrieb:
STUDIOCANAL BD
Zusatzinformationen:
USA 2014

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