Rio Conchos

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
11. April 2000
Abgelegt unter:
CD

Score

(5/6)

Rio Conchos • Rio Conchos (1964) ist die fünfte Filmmusik, die Jerry Goldsmith für 20th-Century-Fox komponierte. Der Film ist ein für seine Zeit recht harter Western, in dem einer Bande ehemaliger Südstaatler, die mit kriegerischen Apachen kollaborieren, eine gestohlene Waffenlieferung wieder abgejagt wird. Mit dem auf den ersten Blick verwandt erscheinenden 1961er Film The Comancheros gibt es aber kaum Parallelen: In Rio Conchos sind die Figuren wesentlich komplexer, zwiespältiger und brutaler und lassen keinen Raum für John-Wayne-typisches, geradlinig schlichtes Heldenpathos. Auch der Musikbeitrag von Goldsmith ist weit entfernt von Elmer Bernsteins heroisch pathetischer [url id=1098]Comancheros[/url]-Komposition. So lieferte Goldsmith zwar ein packendes, leuchtendes Hauptthema, steuerte aber ansonsten eine eher dunkel gefärbte Tonschöpfung mit vielseitigen folkloristischen Einflüssen bei. Vertreten sind pseudo-indianische Klänge für die Apachen und überzeugend mexikanische Einsprengsel für die in Mexiko spielende Film-Handlung. In der Komposition wird ein ausgeklügeltes Instrumentarium raffiniert eingesetzt – Marimbas, Gitarren, Peitsche, Kastagnetten, Tamburin und vielfältiges Schlagwerk. Somit ist die Schöpfung zu Rio Conchos eine ebenfalls hervorragende Goldsmith-Western-Musik, die in keiner Sammlung fehlen sollte! Da die Stereomaster zum überwiegenden Teil in schlechtem Zustand sind, wird der komplette Score in Form des klanglich noch sehr frischen Mono-Mix präsentiert – der Film wurde trotz CinemaScope-Format seinerzeit nur mit Mono-Lichtton vermarktet. Als Zugabe gibt es das pfiffige Hauptthema in einer wenig bekannten, recht netten Songversion von Johnny Desmond sowie 5 Tracks (rund 17 Minuten) als Stereo-Remix von den mehrkanaligen Magneton-Mastern.

Hier darf natürlich die 1989er Intrada-Neueinspielung unter Goldsmith mit dem Londoner Sinfonie-Orchester, obwohl zur Zeit vergriffen, nicht unerwähnt bleiben. Diese sowohl klanglich als auch interpretatorisch im Spitzenfeld anzusiedelnde Neuproduktion bietet (bis auf 11 fehlende Minuten) einen Großteil der Rio-Conchos-Musik sowie den von Goldsmith für das 1965er Fox-Epos The Agony and the Ecstasy • Michelangelo – Inferno und Ekstase komponierten vollständigen rund 13-minütigen Prolog.

Der eine oder andere Leser mag anhand der vorliegenden Titel eventuell auf eine inzwischen doch zu einseitige Orientierung des Produzenten hin zu Jerry-Goldsmith-Musiken schließen. Natürlich dürfte bei den Produktionsentscheidungen (auch) die Hoffnung auf guten Umsatz eine wichtige Rolle gespielt haben. Man muss aber bedenken, dass hier echte Katalogbereicherungen zu Tage gefördert worden sind und nicht einfach nur Goldsmith-Kompositionen um des Namens willen. Im Übrigen dürfte ein (hoffentlich) guter Verkaufserlös von dem ambitionierten Team um Lukas Kendall auch dazu verwandt werden, weniger absatzträchtige, aber deswegen nicht weniger wertvolle Filmmusikveröffentlichungen zu wagen – bereits erschienene Musiken wie Frank de Vols Flight of the Phoenix • Der Flug des Phönix nähren diese Hoffnung.

Fazit: Die drei vorliegenden Titel sind überaus empfehlenswerte Neuveröffentlichungen aus dem Hause Film Score Monthly in gewohnt hervorragender Präsentation. Die auf den CDs enthaltenen Goldsmith-Filmmusiken gehören zum Edlen aus dem Œuvre des Komponisten. Alle Kompositionen zeigen den berühmten Pfiff und Biss der „frühen Jahre“ und sind nicht, wie die eher glatten Spätwerke des Meisters, weitgehend in gekonnter Routine erstarrt. Daher sollte sich kein Filmmusikliebhaber dieses Trio, trotz des höheren Preises, entgehen lassen. Dies gilt auch für die Rio-Conchos-CD, die zwar in der ebenfalls ausgezeichneten Intrada-Neueinspielung von 1989 ein starkes Pendant hat, aber meines Erachtens durch diese nicht ersetzt, sondern vielmehr optimal ergänzt wird – die 11 Minuten mehr an (übrigens guter) Musik sind hierfür nicht allein ausschlaggebend, sondern ebenso die beigefügten umfangreichen Informationen zum Film und zur Komposition. Daher empfehle ich, mittelfristig beide Ausgaben in die Kollektion zu ntegrieren. Die beigelegten Booklets sind ausnahmslos hervorragend: So etwas „gibt’s (fast) nur einmal“, oder?

Komponist*in:
Goldsmith, Jerry

Erschienen:
2000
Gesamtspielzeit:
75:27 Minuten
Sampler:
FSM
Kennung:
Vol. 2 No. 9

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