Ride with the Devil

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
27. Januar 2002
Abgelegt unter:
DVD

Film

(5.5/6)

Bild

(5.5/6)

Ton

(5.5/6)

Extras

(4/6)

Ride with the Devil

Ang Lees Ride with the Devil ist alles andere als ein verklärendes Heldenepos über eine wenig bekannte Episode des US-Bürgerkriegs, sondern vielmehr ein erstklassig inszenierter, spannender (Bürgerkriegs-)Western. Die jungen Protagonisten, die sich „um etwas von ihrer Heimat zu retten“ in einen blutigen Guerilla-Krieg begeben, der im Grenzgebiet von Kansas/Missouri abseits der großen Schlachten tobt, müssen nach und nach schmerzlich erkennen, dass alles längst verloren ist. Gegner wie Kameraden und Freunde werden letztlich einfach nur zu Opfern, die unter mehr oder weniger grässlichen Umständen sterben müssen.

Tragische Krönung eines eher nachbarschaftlichen Terrors nach der Strategie „Auge um Auge …“ ist eine militärisch völlig bedeutungslose großangelegte Gewaltaktion, zu der ein Demagoge mit Ausstrahlung, der berüchtigte William Clark Quantrill (im Film posierend wie ein Pfau), aufstachelt. Das sogenannte Lawrence Massaker wird in zurückhaltenden, allerdings keineswegs harmlosen Bildern gezeigt. (Man fühlt sich eindringlich an Ereignisse in Jugoslawien und auch Palästina erinnert.) Ein guter Teil der bei Lawrence Beteiligten war von dem sinnlosen Morden abgestoßen und dachte wohl wie eine der zentralen Figuren der Filmhandlung, der junge Jake Roedel (Tobey Maguire): „Wir dachten, es gäbe einen richtigen Kampf, aber das hier sind doch nur Bürger, die zu spüren gekriegt haben, was es heißt, wenn man richtig Pech hat!“

Im Zentrum der Filmhandlung stehen Menschen und ihr tragisches Schicksal. Wobei der Film (auch durch die guten Dialoge) seine allgemeingültige, humanistische Botschaft nie mit erhobenem Zeigefinger, sondern vielmehr dezent herüber bringt. Ideologischer Fanatismus, aber auch Menschlichkeit stehen dicht nebeneinander und machen das Absurde jeder kriegerischen – oder noch allgemeiner: von sinnloser Gewalt bestimmten – Auseinandersetzung deutlich. Auch an großen Themen wie Liebe und Sex geht Ang Lees Film nicht vorbei: Auf die Frage „Hast Du schon einmal mit einer Frau geschlafen?“ kann Jake nur schüchtern erwidern „Mädchen!? Ich habe 15 Männer erschossen“.

Auch Mychael Dannas packender Musikbeitrag, eine minimalistisch geprägte Orchestermusik mit sehr organisch eingebundenen folkloristischen Elementen, hat überzeugenden Anteil an der Wirkung des Films.

Der taiwanesische Regisseur Ang Lee ist jemand, dem es nicht ausschließlich gelingt, Fernöstliches und Westliches miteinander zu verbinden. Seine in vielem unkonventionell, wenig hollywood-typisch gestalteten Filme respektieren jedoch auch die Errungenschaften der Kino-Tradition, stellen nicht alles kompromisslos auf den Kopf. Daher gelingt es dem Zuschauer unmittelbar sich zurechtzufinden. Die gekonnt reflektierten traditionellen Aspekte (Bildsprache und gut inszenierte Action-Szenen) geben Ride with the Devil guten Schau- und Unterhaltungswert, ohne das dadurch die grundsätzliche Aussage des Films verwässert wird. Charakteristisch für die Art und Weise wie Ang Lee hier die traditionellen Regeln des Western-Genres durchkreuzt, ist die ungewöhnlich ausgehende finale Konfrontation mit einem der übelsten Gewalttäter der Filmhandlung: Man schießt nicht aufeinander, jeder geht seiner Wege! Jake kommentiert die Bemerkung seines Freundes „Na gut denn“ mit dem realitätsnahen „Das ist weder gut noch schlecht, es ist einfach so!“ Die überwiegend jungen Darsteller agieren insgesamt sehr natürlich und verleihen der Handlung Glaubwürdigkeit.

Die Story-Führung ist zwar traditionell, vermeidet jedoch übliche Klischees, wie das des – die Handlung bestimmenden – (Hollywood-)Helden. Außerdem spart der Regisseur nicht allein Pathos und Heldentum aus, er ergreift ebenso wenig Partei für eine Seite, lässt vielmehr die Bilder eher kommentierend auf den Zuschauer wirken. Dies ist es wohl, das den Misserfolg des Films in den USA zum großen Teil erklären dürfte. Der Masse der amerikanischen Kinogänger geht wohl – insbesondere beim nationalen Mythos Bürgerkrieg – ein nicht mit einer gehörigen Portion Patriotismus durchsetzter Film, einer, der noch dazu keine klaren Identifikationsfiguren bietet, allzu sehr gegen die Sehgewohnheiten.

Bedauerlich, dass der Film auch hierzulande in den Kinos relativ untergegangen ist. Etwas, das sicherlich auch durch eine wenig gezielte PR-Kampagne mitbegründet gewesen sein dürfte. Gestartet im Kielwasser des erfolgreichen Tiger and Dragon, ist diesem Film zu wenig Aufmerksamkeit in den entscheidenden Publikationen zuteil geworden und auch der gut gemachte Trailer ist nur vereinzelt gezeigt worden – nicht einmal grundsätzlich im Vorprogramm zu Tiger and Dragon! Viele Kinogänger, die somit wohl eher zufällig von Ride with the Devil erfahren haben dürften, meinten denn wohl, dass ein neuer Versuch in Sachen Western einfach nur flau sein könne …

Nun, die kürzlich erschienene DVD erlaubt, das Entgangene zumindest im kleineren Heimkino-Rahmen nachzuholen.

Ride with the Devil auf DVD

Die DVD präsentiert den Film in sehr guter Bildqualität in einem an den Seiten leicht beschnittenen Scope-Bild – Bildseitenverhältnis von etwa 1 : 2,1 statt 1 : 2,35. Zwar macht sich der Bildverlust nicht gravierend bemerkbar, ist aber ein kleines, unnötiges Wehrmutströpfchen in einer ansonsten überzeugenden DVD-Präsentation. (Bei den in der kleinen Featurette eingeblendeten Filmausschnitten kann man den Unterschied erkennen.) Davon abgesehen, ist das Bild von überzeugender Schärfentiefe, gut durchzeichnet und zeigt auch solide Farben.

Den Ton gibt’s in einem sehr stimmungsvollen, dynamischen und dazu sehr surround-aktiven AC3-5.1-Tonmix – in Deutsch und Englisch. Auch in den ruhigen Szenen sind die hinteren Kanäle dezent aktiv und in den zum Teil recht rasanten Action-Szenen wird der Zuschauer eindrucksvoll akustisch in die Kampfhandlungen einbezogen. (Eine alternative dts-Tonspur wäre hier natürlich das Tüpfelchen auf dem i gewesen.)

Mit Zusatzmaterial ist diese DVD-Edition solide ausgestattet. Auf Texttafeln gibt es recht ausführliche Infos zu den Stars und erfreulicherweise auch zum wenig bekannten geschichtlichen Hintergrund der Filmhandlung. Obendrauf gibt’s noch einen Kinotrailer in guter Qualität sowie eine kleine Featurette, womit das Bild positiv abgerundet wird.

Bereits im Kino hat mich Ang Lees Ride with the Devil sehr überzeugt. Die erneute Begegnung mit dem Film (und ein nochmaliges Ansehen ausgewählter Szenen) haben den überaus positiven Eindruck weiter gefestigt: Ich halte Ride with the Devil nicht allein für einen außergewöhnlichen, besonders empfehlenswerten Film, sondern für einen, der darüber hinaus das Zeug zum Meisterwerk und Klassiker haben könnte.

Regisseur*in:
Lee, Ang

Erschienen:
2002
Vertrieb:
BMG DVD
Zusatzinformationen:
USA 1999

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