Der Klassik-Tipp: Pierre Monteux – Complete Decca Recordings

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
28. Februar 2020
Abgelegt unter:
Klassik

Einladung zur Retrospektive: Die DECCA-Einspielungen des Dirigenten Pierre Monteux

Pierre Monteux, am 4. April 1875 in Paris geboren und am 1. Juli 1964 in Hancock, Maine, USA, verstorben, war ein französisch-amerikanischer Dirigent. Auch wenn seine musikalischen Talente früh entdeckt wurden, der erst Sechsjährige bereits als Sologeiger auftrat und mit gerade 11 bereits eine eigene Komposition dirigierte, war seine musikalische Laufbahn alles andere als die eines Wunderkindes. Seiner Karriere voraus gingen vielmehr ausgiebige Lehr- und Wanderjahre, in denen er sich zuerst als Orchestermusiker in verschiedenen Klangkörpern bewährte und von der Pike auf ein umfangreiches handwerkliches Rüstzeug erwarb. Er selbst war davon überzeugt, während seiner Jahre als erster Bratschist im renommierten Orchestre des Concerts Colonne in Paris den richtigen Berlioz Tonfall noch quasi aus erster Hand erfahren zu haben.

Als ihm 1911 mit der Uraufführung von Strawinskys Petruschka-Ballett der Durchbruch gelang, hatte er bereits das 36. Lebensjahr erreicht. Sergej Djagilew, Impresario der Ballets Russes, trat an ihn heran, als der ursprünglich für Petruschka vorgesehene Dirigent ausfiel. Dabei gestalteten sich die Vorbereitungen für Petruschka zuerst besonders schwierig, da die Orchestermusiker die zum Teil ungewohnt grelle Musik als Scherz einstuften und anfänglich nicht ernst nahmen. Monteuxs intensive, disziplinierte Überzeugungs- und Probenarbeit beeindruckte Strawinsky tief. Eine mindestens ebenso außergewöhnliche Nervenstärke stellte er dann zwei Jahre später eindeutig unter Beweis: Die Uraufführung von Le sacre du printemps  sorgte für einen der größten Skandale der Musik- und Theatergeschichte. Bezeichnend ist allerdings, dass es trotz der bereits kurz nach Beginn der Aufführung einsetzenden, sich in zunehmendem Maße steigernden lautstarken Störungen des Publikums dem Dirigenten gelang, das Orchester zusammenzuhalten und das Stück bis zum Ende durchzuspielen. Dabei ist ebenso bezeichnend, dass er zumindest zuerst von der außergewöhnlichen Musik des Sacre, das späterhin zweifellos eines seiner Bravourstücke war, ebenfalls sehr irritiert war.

Aber nicht allein Disziplin, Überzeugungskraft und starke Nerven zeichneten den Dirigenten Monteux aus. Dass dieser auch einen feinen Sinn für Humor besessen haben muss, kann man nicht nur in der Akzentsetzung einiger seiner Interpretationen heraushören: So schloss der bereits 86-Jährige 1961 mit dem London Symphonie Orchestra (LSO) sogar einen 25-Jahres-Vertrag, natürlich mit Option auf Verlängerung. Er hat aber nicht nur auf europäischem Parkett, beim Concertgebouw-Orchester Amsterdam (1924–1934 als 2. Dirigent neben Mengelberg), beim Orchestre Symphonique de Paris (1929–1938) und schließlich beim LSO (1961–1964, s. o.), sondern auch im US-Musikleben beträchtliche Spuren hinterlassen. Dort wirkte er als Chefdirigent des Boston Symphony (1919–1924) sowie des San Francisco Symphony Orchestra (1937–1952).

Nicht erst an dieser Stelle beginnt die Faszination für einen der ganz großen Dirigenten der alten Schule, der als Bratscher des Geloso-Quartetts 1896 noch Johannes Brahms vorgespielt hatte, der zudem auch César Franck, Charles Gounod und Jules Massenet noch persönlich kannte und mit Claude Debussy, Maurice Ravel sowie Igor Strawinsky besonders vertrauten Umgang pflegte. Späterhin fungierte er zudem als Mentor sehr bekannt gewordener Dirigentenkollegen wie Erich Kunzel, Lorin Maazel, Igor Markevitch, Neville Marriner, Seiji Ozawa, André Previn, José Serebrier und David Zinman. Hierdurch manifestiert sich geradezu, dass Pierre Monteux Entscheidendes zur Musik des ausgehenden 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch aus erster Hand erfahren, verinnerlicht und zweifellos auch weitergegeben hat.

Der Maestro zählte nicht zu den mit extravaganter Gestik vor den Musikern agierenden und er war auch sonst kein Selbstdarsteller. Vermutlich liegt es ja auch daran, dass Monteux’ Popularität insbesondere heutzutage verblasst erscheint. Vielleicht ist dies ja ein Grund mehr, diese Gelegenheit zur Montreux-Retrospektive zu nutzen.

Das aktuelle Monteux-Box-Set: „Complete Decca Recordings“

Im Jahr 2016 produzierte Universal Italien zur aktuellen Box einen wenig glücklich geratenen, diverse Lücken aufweisenden Vorläufer: „Decca Recordings – Pierre Monteux“, bestückt mit 20 CDs. Gegenüber diesem ist das aktuelle Box-Set mit 24 CDs ausgestattet. Es firmiert unter der Bezeichnung „Complete Decca Recordings“ und ist wirklich nahezu perfekt. Neben Daphnis et Chloé sind hier nun auch die Beethoven-Sinfonien 3 & 9 erstmalig mit von der Partie. Es fehlt nur eine relative Kleinigkeit, eine wohl nur als Geburtstagsgeschenk für den Dirigenten gedachte Kuriosität und bislang wohl nur insgesamt dreimal überhaupt veröffentlichte Rarität: die mit dem LSO im Oktober 1959 zusammen mit der Beethoven-Sinfonie Nr. 4 mitgeschnittene Leonoren-Ouvertüre Nr. 3. Diese besitzt dank ihrer kuriosen ersten LP-Inkarnation gar ein wenig Phantomcharakter. Die zugrunde liegende, aus dem Jahr 1965 stammende US-RCA-Victrola-LP, VIC(S)-1102, mit Beethovens Nr. 4 war nämlich mit Wagners Siegfried-Idyll kombiniert.  Beim limitierten 1997er Reissue dieser LP von Classic Records wurde das Siegfried-Idyll durch besagte Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 ersetzt, und entsprechend ist auch das verwendete Originalcover von VIC-1102 nachbearbeitet worden. Laut Discogs soll es jedoch bereits zuvor, vermutlich ab Mitte der 1960er, eine Pressung in dieser Kopplung von der deutschen Decca Dependance „Teldec“ gegeben haben. Was das Brahm’sche Violinkonzert mit Henryk Szeryng und dem LSO angeht, kann man hierbei nicht wirklich von „fehlt“ sprechen – siehe dazu unten.

Damit wird das aktuelle Decca-Box-Set dem Anspruch „complete“ zu nahezu 100 % gerecht und ist auch dank seiner liebevollen Aufmachung eine runde Sache. Das Box-Set besteht aus einem stabilen Karton mit abnehmbarem Deckel, in dem sich sämtliche Datenträger in soliden Papptaschen untergebracht befinden, deren Frontseite erfreulicherweise jeweils eine Originalcoverabbildung ziert. Das mit dem Tracklisting aufwartende jeweilige Backcover und das Label des zugehörigen Datenträgers sind zudem farblich zueinander passend und damit angenehm harmonisch aufeinander abgestimmt worden.

Dass rund dreiviertel der enthaltenen CDs nicht etwa nur aus 1:1 übertragenen LP-Albumschnitten besteht, stellt in meinen Augen zudem einen zusätzlichen Pluspunkt dar. Anderes führt nämlich zu völlig unnötig mit Datenträgern aufgeblasenen, nur scheinbar gehaltvollen Box-Sets, da diese in Serie mit eher lächerlichen CD-Laufzeiten von nur wenig über 40 Minuten oder sogar darunter aufwarten. Das vorliegende Monteux-Set ist auch in diesem Punkt sehr zufriedenstellend: Es finden sich insgesamt nur  fünf CDs, welche 50 Minuten Spieldauer unterschreiten. Entsprechend gibt es diverse Datenträger mit 60+ oder 70+ Minuten. CD Nr. 8 – Brahms, Sinfonie Nr. 2 & Haydn-Variationen sowie Tragische und Akademische Festouvertüre – schießt mit 84:14 Minuten den Vogel ab.

Dabei zeigt das im Box-Set vertretene Material auch noch einen zusätzlichen, so interessanten wie allerdings auch schnell etwas verwirrenden Aspekt seiner Rezeptionsgeschichte. Als Decca im April 1957 die Nachfolge von EMI als RCA-Vertriebshändler in Großbritannien antrat, wurde nämlich zugleich vereinbart, dass RCA-Künstler nun auch mit bedeutenden europäischen Orchestern aufnehmen konnten. Decca-Tontechniker betreuten die Einspielungen. Dafür wurden die Rechte unter den Vertragspartnern derart geteilt, dass für etwa die nachfolgende Dekade dieselbe Aufnahme sowohl bei Decca als auch auf RCA (und dessen Unterlabels, z. B. Westminster) mehrfach erschienen sind. Erst nach dem Ablauf des Vertrages gingen die Rechte endgültig an die Decca. Und so kann die vorliegende Pierre-Monteux-Universal-Edition nun sämtliche der zwischen 1956 und 1963 für Decca/RCA und ebenso die für Philips realisierten Einspielungen in einer Box vereint vorlegen. Das bereits o.g. im Set nicht enthaltene Brahms’sche Violinkonzert mit Henryk Szeryng und dem LSO entstammt zwar ebenfalls der erläuterten Kooperation zwischen Decca und RCA. Allerdings hat RCA-Nachfolger Sony die Rechte dafür vor Jahren aufgekauft, und somit konnte diese Aufnahme zwangsläufig nicht in die Box aufgenommen werden.

Nicht nur am auf der Frontseite der jeweiligen CD-Tasche verwendeten Original-LP-Cover (etwa mit dem RCA-Aufdruck „Living Stereo“) lässt sich die zum Teil recht komplexe Rezeptionsgeschichte bereits erahnen. Die Backcover weisen dazu verschiedentlich noch bis zu zwei weitere stark verkleinerte Coverabbildungen alternativer LP-Veröffentlichungen aus. Bemerkenswert ist dazu noch, dass das 76-seitige Begleitheft (versehen mit einem Einführungstext von Andrew Stewart in Deutsch, Englisch und Französisch) in den Credits zur jeweiligen CD darum bemüht ist, die Veröffentlichungspolitik möglichst sauber abzubilden.

Aber nun genug mit den das Auge und den Intellekt zwar völlig zu Recht erfreuenden, aber letztlich rein äußerlichen Merkmalen. So mitentscheidend diese auch sind, geht es nachfolgend um die letztlich in ganz besonderem Maße entscheidenden inneren Werte, den in der Box vertretenen Aufnahmen: Die hier vereinten Monteux-Einspielungen sind sämtlich in Stereo und stammen damit aus der letzten Dekade  des Taktstockmaestros, dem ein sehr langes aktives Leben vergönnt war. Zu den Einspielungen mit den frühesten Aufnahmedaten gehören die Darstellungen der Strawinsky-Ballette Petruschka, Der Feuervogel (Suite) und Le Sacre de printemps. Diese Aufnahmen erfolgten ab Ende 1956 im Pariser Wagram-Saal mit dem Orchestre de la Société des concerts du Conservatoire und sind zudem vom legendären Decca-Toningenieur John Culshaw betreut worden. Beim Anhören mag man kaum glauben, mit welch außerordentlichem Elan, Esprit und unbändiger Energie der bereits die 80 überschritten habende Pierre Monteux hier die Musiker führt. Wie er das jeweilige Werk ungemein ausdrucksvoll in allen Orchesterfarben prächtig leuchtend zum Klingen bringt, dies besitzt schon ein außergewöhnliches Flair, das begeistert. Wenn man sich dann noch vor Augen hält, dass er neben Le Sacre und Petruschka ja auch noch unzählige weitere Stücke uraufgeführt hat, wird erst so richtig deutlich, welche Bedeutung diese zudem keineswegs altbacken, sondern sowohl in der Dynamik als auch in der räumlichen Darstellung äußerst beachtlich ausdifferenziert klingenden frühen Stereoaufnahmen besitzen. Auch wenn man natürlich über Monteux’ Interpretation dieser Stücke zur Zeit der jeweiligen Uraufführung nur spekulieren kann: Wer die hier versammelten Darstellungen aus der Spätphase des Dirigenten gehört hat, dürfte kaum daran zweifeln, dass „seine“ beiden Strawinsky-Ballette in der Folge lebenslang Bravourstücke geblieben sind.

Da mag man nach den mitreißenden Strawinsky-Balletten direkt bei den ebenfalls sehr vital und zugleich elegant das Tänzerische betonend ausmusizierten größeren Zusammenstellungen aus Tschaikowskis Balletten Schwanensee und Dornröschen anknüpfen, die mit jeweils über 50 Minuten Spieldauer einen über die geläufigen Ballettsuiten erfreulich hinausgehenden, besonders kontrastreichen Querschnitt bilden.

Dass Monteux auch bei den französischen Komponisten ganz in seinem Element war, ist zwar wenig überraschend, zumal sich ja innerhalb des fast schon als zahllos zu bezeichnenden Katalogs von ihm aus der Taufe gehobener Werke u. a. Ravels Daphnis et Chloé befindet, welches im vorliegenden Set in einer leidenschaftlich-glühenden Darstellung mit dem LSO enthalten ist. Es ist jedoch überliefert, dass nicht etwa Ravel, Debussy oder Berlioz sondern vielmehr Johannes Brahms sein Lieblingskomponist war. Werke der zuvor Genannten sind im Box-Set in mehr oder weniger großem Umfang vertreten. So kann der Interessierte etwa bei Berlioz sowohl bei einer feurig ausmusizierten Symphonie fantastique als auch kraftvoll-sinnlichen Darstellung der dramatischen Sinfonie Roméo et Juliette auf Spurensuche gehen. Und neben der zweiten Brahms-Sinfonie, den Haydn-Variationen sowie beiden berühmten Ouvertüren ist das erste Klavierkonzert enthalten mit dem LSO und Julius Katchen als Pianist. Und was deutsch-österreichische Komponisten darüber hinaus anbelangt, ist neben Schuberts Unvollendeter, Mendelssohns Sommernachtstraum sowie zweier Haydn-Sinfonien (Nr. 94 & 101) auch noch – passend zum Beethovenjahr – ein vollständiger Zyklus der Beethoven-Sinfonien vertreten. Obwohl klar abseits der vielfach historisch informierten Aufführungspraxis unserer Tage angesiedelt, kommt dieser mit äußerster Präzision und feinst nuanciert, ohne dick aufgetragenes Pathos dargeboten, dafür häufig mit geradezu unbändigem Temperament daher.

Ebenfalls noch erwähnt seien die elegante Sibelius/Elgar-Kopplung mit einer kraftvoll ausladend gespielten 2. Sinfonie von Jean Sibelius sowie den kristallklar und leuchtkräftig interpretierten Enigma-Variationen. Abschließend seien noch die beiden letzten, als Boni fungierenden CDs des Sets genannt. Die eine wartet mit zum Teil bisher unveröffentlichten Probenmittschnitten auf. Die andere bildet das erste internationale CD-Reissue von 1971 entstandenen LP-Einspielungen dreier Ravel-Stücke (Boléro, La Valse & Pavane für eine tote Prinzessin), bemerkenswerterweise dirigiert vom Sohn des Maestros, Claude Monteux (1920–2013) – wie das Cover belegt, ein Vertreter aus der Decca-Phase-4-Stereo-Reihe. Diese Bonus-Disc bildet eine so schöne wie willkommene Ergänzung zum CD-Album mit Bachs Orchestersuite Nr. 2, Glucks Reigen seliger Geister und Mozarts 2. Flötenkonzert, bei dem Claude als Flötist mit von der Partie ist.

Fazit: Das aktuelle Decca-Pierre-Monteux-Set „Complete Recordings“, ist nicht nur wirklich nahezu vollständig. Es versammelt in einer liebevoll editierten und dazu erfreulich preiswerten Schatztruhe zudem durchweg eindrucksvolle, vielfach geradezu exemplarische Einspielungen von Bach bis Strawinsky aus der letzten Dekade eines der ganz großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Diese müssen sich auch klanglich keineswegs verstecken. Betreut von den renommierten Decca-Toningenieuren erstrahlen selbst die ältesten der zum Teil noch aus der Frühzeit der Stereophonie stammenden Aufzeichnungen in überaus beachtlichem, mitunter gar außerordentlichem Glanz. Praktisch jedes der hier versammelten Dirigate Monteux’ vermochte mich dank seiner außerordentlichen Vitalität und der unüberhörbaren Leidenschaft in seinen Bann zu ziehen. Es bleibt zu hoffen, dass Sony Classical mittelfristig seine mit 40 CDs besonders umfangreiche Monteux-Edition des Jahres 2014, „The Complete RCA-Collection“, wieder auflegt, die zum aktuellen Decca-Set eine optimale Ergänzung bildet.

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Komponist*in:
Monteux, Pierre

Erschienen:
2019/10
Sampler:
Universal Music, Decca
Kennung:
24 CD-Set
Zusatzinformationen:
versch. Orchester, Dirigent: Pierre Monteux

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