Matchstick Men

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
4. Oktober 2003
Abgelegt unter:
CD

Score

(3.5/6)

Mit Tricks • Matchstick Men von Regisseur Ridley Scott ist am 18. September 2003 eine weitere Gaunerkomödie in den deutschen Kinos gestartet. Mit Ridley Scott hat Hans Zimmer nun zum sechsten Mal zusammengearbeitet. Die Zimmer-Fans haben allerdings seit geraumer Zeit eher weniger Überzeugendes zu hören bekommen, wie die eher zur Gattung „Aufgüsse“ gehörenden Scores zu Tears Of Sun und Pirates Of The Caribbean (eigentlich von Klaus Badelt, aber hörbar „over-produced by“ H. Z.). Mit Tricks hingegen dürfte der Media-Ventures-Boss bei manchen Enttäuschten erneut Punkte machen können. Hierzu hat er zwar keine wirklich großartige, aber dem Thema entsprechende durchaus charmante und auch recht abwechslungsreiche Komödienmusik komponiert.

Der Score fokussiert stilistisch auf die Schrulle einer der Hauptfiguren: Der neurotische Hochstapler Roy (Nicolas Cage) ist vernarrt in das Ambiente und die Musik der späten 50er. Hierzu liefert die Musik Nino Rotas zu Fellinis La Dolce Vita (1960) das passende und dominierende Stilvorbild. Dazu taucht aus Das süße Leben fortwährend ein Zitat auf, das hübsch integriert und auch (dezent) verarbeitet wird. Zimmer gestaltet diese sehr romantische und auch beschwingte Musik zu einer anmutig klingenden Rota-Hommage – die gelegentlichen (Hammond-Orgel-)Effekte erinnern dabei an Giuletta Degli Spiriti • Julia und die Geister, die melodisch-schwelgerischen Passagen an Il Bidone • Die Schwindler. Nicht allein das liebliche Hauptthema verfügt über den südlich-hellen Rota-Touch. HZ geht dazu recht virtuos mit den eingestreuten poppigen und jazzigen Rhythmen um und schafft besonders mit dem sich regelmäßig einmischenden Tango zugleich eigenständige Kontraste. Im Tonfall erinnert die Musik zum Film über das süße Leben eines Gaunerduos besonders an die frühen Arbeiten von Danny Elfman; mitunter ist etwas von Henry Mancinis Komödienmusiken, und gelegentlich auch ein Hauch von Maurice Jarre spürbar.

Klangsynthetik (Ambient Music) und Electronic Percussions werden unaufdringlich eingesetzt und wirken dafür umso überzeugender. Sehr ansprechend sind die ausgeprägten Soli, allen voran natürlich das des beim Tango unverzichtbaren Akkordeons. Zimmertypisches taucht erfreulicherweise nicht in den mittlerweile etwas abgedroschen wirkenden Formen auf. Das Bekannte ist hier vielmehr überzeugend in einen neuen Kontext integriert und wirkt damit auch deutlich frischer. So finden sich in „Weird is Good“ – in dem mit knapp sieben Minuten längsten Stück der CD – minimalistische zum Teil an Thin Red Line erinnernde synthetische Klang-Mixturen, die der Musik einen leicht skurrilen Suspense-Touch verleihen. Damit kontrastieren von Tango-Rhythmik dominierte Passagen: Diese treiben die Filmhandlung voran und verleihen der Musik Drive. Und in „Pygmies!“ gibt’s dezente Zimmer-typische Action-Rhythmen, gelungen gepaart mit denen des Tangos. Und der ein wenig an einen Satz aus einer Streicherserenade erinnernde „The Banker’s Waltz“ ist ebenfalls ein anmutig geratenes Stück.

Eingestreut zwischen die insgesamt rund 38 Score-Minuten befinden sich sechs populäre Originale der Ära, die im Film als Source-Music dienen. Von Bobby Darins „It’s a good Life“ wird die CD sehr stimmungsvoll eröffnet. Außerdem befinden sich darunter der einstmals berühmte, vom charakteristischen Streichersound Mantovanis geprägte Hit „Charmaine“ sowie zwei Stücke von Herb Alpert.

Dem Hörer präsentiert sich ein insgesamt eingängiger tänzerischer Mix. Eine unkomplizierte, aber trotzdem nicht einfach nur seichte, vielmehr eine witzige und reizende Krimi-Komödien-Musik mit sanften Spannungsmomenten und von – nicht zuletzt durch die Rota-Bezüge – sehr nostalgischem Touch. Einzig „Tuna Fish and Cigarettes“ fällt hier, da im poppigen Sinne sehr „modernistisch“ angehaucht, etwas aus dem Rahmen. Alles in allem ein schon beim normalen Abspielen sehr unterhaltsames, also gut fließendes CD-Album, dessen Hörqualität individuell durch Programmieren des CD-Spielers eventuell noch gesteigert werden mag.

Vier Sterne erschienen mir schließlich aber doch als des Guten etwas zuviel, für fette dreieinhalb jedoch reicht es allemal.

Varèse spendiert dieses Mal überraschenderweise ein kleines Booklet, das mit einer Seite Liner-Notes von Dody Dorn aufwartet. Offenbar war das Media-Ventures-Team um Hans Zimmer nicht nur sehr gut bei der Sache, sondern zugleich bester Laune. So verzeichnen die lustig zu lesenden Production-Credits für von HZ gespielte Soloinstrumente nicht allein Klavier und Hammond-Orgel, nein, auch auf „Suzanne’s Spaghetti Pots“ (Frau Zimmers Pasta-Töpfen) ist virtuos musiziert worden. Was bleibt da noch zu wünschen übrig?

Originaltitel:
Tricks

Komponist*in:
Zimmer, Hans

Erschienen:
2003
Gesamtspielzeit:
55:37 Minuten
Sampler:
Varèse
Kennung:
VSD-6515

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