Malèna

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
9. April 2001
Abgelegt unter:
CD

Score

(4/6)

Ennio Morricone

Zu denen, die bei der diesjährigen Oscar-Verleihung leider leer ausgegangen sind, gehört Ennio Morricone. Zwar gehören die beiden hier präsentierten CDs mit Morricone-Film-Musik des Virgin-Labels nicht in die Kategorie „Meisterwerk“, verdienen aber – als überaus sauber und dazu nicht ohne Pfiff – einige Beachtung. Der Maestro hat die 70 überschritten und zeigt sich – nach rund 40 Jahren Filmkomposition und mehr als 300 vertonten Filmen – in bester Form. Zwar zeigen seine Filmpartituren keine besonderen Innovationen mehr, aber sowohl die erprobten Formschemata als auch die Instrumentierung werden äußerst liebevoll und souverän gehandhabt. Die melodischen Einfälle erweisen sich dazu als frisch und haben ihre Reize nicht verloren. Seit den 60er Jahren haben viele seiner Filmmusiken auch auf Tonträger ein breites Publikum gewinnen können, sind daher aus der Kultur- und Rezeptionsgeschichte des Films nicht wegzudenken. Insofern wäre ein Oscar für Malèna als Anerkennung des Lebenswerkes und der Verdienste Ennio Morricones gerechtfertigt gewesen.

Nach Nuovo Cinema Paradiso und Die Legende vom Ozeanpianisten erarbeitete Ennio Morricone auch die Musik zum neuesten Film von Regisseur Giuseppe Tornatore, Malèna • Der Zauber von Malèna . Die Filmhandlung spielt im Italien des Diktators Mussolini. Die sehr nostalgisch anmutende Filmmusik reflektiert Romantik, aber auch das wehmütige Empfinden bitter-süßer Liebe und damit Melancholie. Die Komposition ist daneben von ironisch klingenden Einschüben geprägt, die von der Unterhaltungs-Musik der 30er Jahre beeinflusst sind. Hier steht Morricone seinem großen Landsmann Nino Rota und dessen mitunter skurrilen Vertonungen der Filme Federico Fellinis nahe.

Regisseur Roland Joffés Film Vatel ist ein prunkvolles Renaissance-Spektakel mit Gérard Depardieu in der Titelrolle, das in der Epoche des „Sonnenkönigs“ im Jahr 1671 angesiedelt ist. Die musikalische Untermalung von Altmeister Morricone ist klassizistisch und modern zugleich. Dem Hörer präsentiert sich ein üppiges musikalisches Buffet: Neben einigen adaptierten Originalen der Ära (z. B. von Jean-Philippe Rameau) wird Zeitkolorit auch durch Eigenkomponiertes erzeugt, in dem der Komponist Stilelemente der Barock-Musik mit seinem eigenen Stil raffiniert verschmilzt. Im reizvollen Track „Vertige“ nähert sich Morricone gar der Tondichtung „Die Vögel“ seines Landsmannes Ottorino Respighi. Insgesamt erweist sich die Musik als frisch und delikat: Wen stört es da, dass das Schlussstück, ein Arrangement aus der „Feuerwerksmusik“ von Georg Friedrich Händel, streng genommen ein Anachronismus ist – diese Musik entstand nämlich zur Feier der Beendigung des „Siebenjährigen Krieges“ im Jahre 1763, also knapp 100 Jahre nach dem Zeitpunkt der Filmhandlung…

Ennio Morricones Klangschöpfungen zu Malèna und Vatel erreichen nicht ganz die Tiefe und Sinnlichkeit von Nuovo Cinema Paradiso oder Die Legende vom Ozeanpianisten. Beide Musiken sind allerdings anmutige, liebliche und auch stilvolle Spätwerke und attraktiv für den, der Morricone mag.


Mehrteilige Rezension:

Folgende Beiträge gehören ebenfalls dazu:


Komponist*in:
Morricone, Ennio

Erschienen:
2001
Gesamtspielzeit:
46:49 Minuten
Sampler:
Virgin
Kennung:
8508892

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