Klassik CD Tipp, IV-2024: William Steinberg auf RCA & DG

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
30. Juni 2024
Abgelegt unter:
CD, Hören, Klassik

William Steinberg: Teile des Tonträgerrepertoires eines immer noch unterschätzten der großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts jetzt erstmalig auf CD

William Steinberg (1899–1978) war ein deutscher Jude, der eigentlich Hans Wilhelm Steinberg hieß und trotz früh einsetzender Schikanen durch die braunen Machthaber seiner Heimat erst spät endgültig den Rücken kehrte. Er zählt zu den Maestri des Tacktstocks, die nicht bloß in Europa immer noch zu wenig im kollektiven Bewusstsein der Klassikfreunde verankert sind. Zwar sieht es dazu auf der anderen Seite des großen Teichs ein Stückchen besser aus. Aber selbst dort besitzt Steinberg längst nicht den Bekanntheitsgrad von Kollegen wie George Szell, Eugene Ormandy oder auch Erich Leinsdorf. Was wohl mit darin begründet ist, dass viele amerikanische Klassikfreunde selbst heutzutage immer noch nicht verinnerlicht haben, dass das zuerst sicher für seine Stahlindustrie berühmte Pittsburgh eben auch eine sehr gut musikalisch bestallte US-Hochburg ist. So besitzt es mit dem Pittsburg Symphony Orchestra einen sinfonischen Klangkörper der Topklasse, der den so genannten „Big Five“ – New York Philharmonic, Boston Symphony Orchestra, Chicago Symphony Orchestra, Philadelphia Orchestra und Cleveland Orchestra – durchaus ebenbürtig zur Seite zu stellen ist. Alan Newcombe stellt im Begleitheft zum nachfolgend vorgestellten RCA-Set die Frage „zu selten aufgenommen, zu oft unterschätzt?“ in den Raum und merkt dazu an: „…Man sah in ihm (Steinberg) vor allem den Assistenten von Klemperer und Toscanini, was seinem Ansehen und seinem Ruhm ebenso schadete wie seine Rolle als Orchesterbegleiter berühmter Solisten (s.u.)…“ Infolge dieser wahrnehmungstechnischen Diskrepanz fällt leider auch das diskografische Gesamtvermächtnis dieses erstklassigen Dirigenten im Verhältnis zu anderen deutlich bescheidener aus und weist leider unübersehbar große Repertoirelücken auf. So war vom Operndirigenten Steinberg selbst in der LP-Ära nur wenig und auf CD ist dazu derzeit überhaupt nichts greifbar. Hier wären insbesondere die Rundfunkanstalten am Zuge.

Steinberg ist in seinem US-Domizil vielfach als geschätzter Gastdirigent aufgetreten. Seine langen Jahre beim Pittsburgh Symphony Orchestra (PSO, 1952–1976) waren jedoch eine ganz besondere Erfolgsgeschichte. Ist er hier doch seinem Ruf als vorzüglicher Orchestererzieher in ganz besonderem Maße gerecht geworden. Die Grundlage für diese Glanzzeit schufen neben seinem früheren Lehrer und Freund Otto Klemperer, der das Orchester 1937 reorganisierte, auch die daran anschließende Dekade unter der Leitung von Fritz Rainer. Dass Steinberg nicht nur ein großer Interpret, sondern auch im Umgang als überaus angenehmer Mensch und Kollege galt, ist eine Eigenschaft, die man längst nicht jedem seiner vergleichbar talentierten Kollegen bescheinigen kann.

Wie beim Hören rasch deutlich wird, sind William Steinbergs Dirigate grundsätzlich immer hörenswert, wobei man im Einzelfall natürlich auch mal nicht restlos überzeugt werden mag. Aber das ist wirklich nur äußerst selten der Fall. Steinberg war nämlich im besten Sinne ein Kapellmeister der deutschen Schule, einer, der seine Musiker mit sehr sparsamen Gesten zu Bestleistungen brachte. Er ging in der Regel mit eher straffen Tempi und immer spürbarer Leidenschaft ans Werk. Frei von unnötigem Pathos zeichnen sich seine Interpretationen vielmehr durch Frische, Lebendigkeit und durch besondere klangliche Finesse aus. Dabei wird durchaus effektvoll, aber eben nicht effekthascherisch vorgetragen. Insgesamt ergibt sich dabei ein eleganter musikalischer Fluss, der auch Struktur und Linien der jeweiligen Komposition gut erkennbar macht und die Musik somit adäquat zum Erklingen, ja häufig geradezu zum Leuchten bringt. In aller Regel entsteht so ein nicht bloß tadelloses, sondern fast immer mitreißendes Hörerlebnis.

Die im Jahr 2011 veröffentlichte 20-CD-Box der EMI (jetzt Warner Music) mit den fast vollständigen Einspielungen Steinbergs mit dem PSO für Capitol Records (entstanden zwischen 1952 und 1959) war das erste umfangreichere diesem Dirigenten gewidmete CD-Set. Die beiden hier nachfolgend vorgestellten Box-Sets sind der aktuellste Teil einer überfälligen Wieder- und Neuentdeckung seiner Einspielungen auf Tonträger.

Bereits im Mai 2018 hatte Universal Music eine High-Tech-Version zweier ehemaliger DG-LP-Programme von Steinberg-Einspielungen mit dem Boston Symphony Orchestra (BSO) neu remastered und vereint auf CD & BD wiederum auf dem Label Deutsche Grammophon herausgebracht: Holsts „Die Planeten“ (1970) und Strauss’ „Also sprach Zarathustra“ (1971). Seinerzeit dürften für viele Klassikliebhaber diese Veröffentlichungen die erste Berührung mit dem vorzüglichen Dirigenten gewesen sein. Darüber hinaus hat die Deutsche Grammophon leider nur noch ein drittes Steinberg-Album im Fundus (Hindemith: Symphonie „Mathis der Maler“ & Konzertmusik für Streichorchester und Blechbläser, Op. 50) welches derzeit aber nicht auf CD, sondern nur auf Vinyl, als Teil eines neu aufgelegten 3er-LP-Sets zusammen mit den beiden oben genannten Aufnahmen verfügbar ist. Und ziemlich exakt genauso bescheiden ist auch die Situation beim RCA-Label, für dessen aktuelles Steinberg-Box-Set auch nur insgesamt drei LP-Programme aus dem Archiv geholt werden konnten.

Es bleibt zu hoffen, dass Warner Music, der Rechteinhaber der 2011er  EMI-Steinberg-Kompilationsbox, in naher Zukunft ein Reissue ins Auge fasst, wobei das vorhandene Material nochmals sorgfältig technisch überarbeitet und außerdem um seinerzeit noch fehlende Teile ergänzt werden sollte. Ebenfalls sollte sich Sony seiner im RCA-Fundus noch zusätzlich enthaltenen frühen Steinbergdirigate in Mono (entstanden zwischen 1947 und 1952) annehmen und diese ebenfalls remastered in einem weiteren kleinen Box-Set zugänglich machen. In diesen Mono-Aufnahmen leitet Steinberg das NBC Symphony Orchestra und das RCA Victor Symphony Orchestra fast durchweg in einer Reihe von Solokonzerteinspielungen und fungiert als äußerst versierter Begleiter von u.a. Arthur Rubinstein und Jascha Heifetz.


William Steinberg, Boston Symphony Orchestra – The complete RCA Victor Recordings

Dass von Sony auf den Markt gebrachte 4er CD-Set vereint die bereits erwähnten 3 LP-Programme umfassenden RCA-Victor-Einspielungen Steinbergs mit dem BSO. Ganz besonders stechen hier Schuberts 9te (CD 1), die große C-Dur-Sinfonie und Bruckners 6te (CD 2) hervor. CD 3 beherbergt eine Sammlung von mehrheitlich orchestralen Repertoire-Favoriten: Paul Dukasʼ „Der Zauberlehrling“ und „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ von Richard Strauss … weiterlesen

 


William Steinberg – Complete Command Classics Recordings

Einen Monat vor der BMG-Box hat Universal Music ein mit 17 CDs recht umfassendes Steinberg-Box-Set auf dem DG-Label nachgereicht. In diesem sind sämtliche Aufnahmen mit dem PSO für das US-Label „Command Classics“ (entstanden zwischen 1961 und 1968) vertreten – die darin enthaltenen vollständigen Zyklen der Beethoven- und Brahms-Sinfonien erschienen bereits 2020/22 als Einzel-Sets. … weiterlesen

 


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