Kampf der Dinosaurier

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
24. Mai 2006
Abgelegt unter:
DVD

Film

(5/6)

Bild

(5.5/6)

Ton

(4.5/6)

Extras

(5/6)

Kampf der Dinosaurier — Die letzten Geheimnisse der Urzeit-Giganten!

Dinos und kein Ende? Parallel zu Tim Haines neuestem Streich in Sachen Urzeit-Reportagen, Die Ahnen der Saurier — Im Reich der Urzeitmonster, gezeigt auf Pro 7, präsentierte das ZDF in Koproduktion mit der BBC und dem Discovery Channel Peter Leonhards Kampf der Dinosaurier. Im zweiteiligen, hochinteressanten Doku-Spektakel wird anhand von Experimenten mit biomechanischen Modellen gezeigt, wie der King der Dinos, der T-Rex und die seit Jurassic Parc (1993) populären Velociraptoren auf die Jagd nach Beute gegangen sein dürften. Mit Hilfe modernster Untersuchungstechniken im Detail analysierte Skelettfunde gestatten den Bau so genannter biomechanischer Modelle, z. B. eines T-Rex-Gebisses: originalgetreu dimensioniert, nachgebaut aus Stahl und mit Hilfe einer Hochleistungshydraulik mit der berechneten Beißkraft von etwa vier Tonnen ausgestattet. Die Kombination von lebensnahen Experimenten und Analogieschlüssen anhand der Eigenschaften heutiger Lebensformen gestattet die Eigenarten vergangener Lebensformen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu rekonstruieren. Und neben den aufwändig in Szene gesetzten Experimenten werden die visuell markanten Ergebnisse im Anschluss noch zusätzlich mit Hilfe aufwändiger Computeranimationen veranschaulicht. Dabei geht es nicht bierernst zu, vielmehr kommt immer wieder auch ein auflockernder Schuss Humor mit ins Spiel: So wenn die Dinos den Zuschauer auffällig ins Visier nehmen. Dabei wirken sich die unübersehbaren Verbesserungen der aus dem Computer stammenden Animationen geradezu bestechend aus. Deren qualitativ hoch stehende Varianten sind inzwischen auch für TV-Produktionen erschwinglicher geworden, was die Resultate deutlich realistischer und damit „echter“ erscheinen lässt. Dieses Mal war übrigens die britische Computer-Grafikfirma „Moving Picture“ in das Projekt eingebunden, die vielen Kinogängern durch die Animationen der Harry-Potter-Filme ein Begriff ist.

Im ersten Teil, Könige der Urzeit, treten T-Rex und der nashornähnliche Pflanzenfresser Triceratops gegeneinander an. Eindrucksvoll wird demonstriert, dass der T-Rex ein mit leistungsfähigem Sehvermögen ausgestatteter und mit bis zu ca. 40 Stundenkilometern Laufgeschwindigkeit schneller, und dazu extrem bissfester Gegner war — etwa achtmal kräftiger zubeißen konnte als ein heutiger Löwe — und, wie zu sehen, eine moderne Autokarosserie würde spielend zertrümmern können. Im Kampf ist der um etwa 15 Stundenkilometer langsamere und untersetzte Triceraptos dem König der Dinos aber interessanterweise keinesfalls schlichtweg unterlegen, sondern dürfte vielmehr ein ebenbürtiger Widersacher gewesen sein. So konnte er mit seinen beiden machtvollen Hörnen tödliche Stöße ausführen.

Im zweiten Teil, Superjäger, liefern sich T-Rex und auch Velociraptor gleichermaßen aufschlussreiche Duelle mit einem weiteren wehrhaften Pflanzenfresser, dem Ankylosaurus. Letzterer zeigte seinen Gegnern im Kampf aus gutem Grund immer schnöde die Kehrseite. Mit seinem kräftigen Schwanz war er nämlich in der Lage, wuchtige Schläge auszuteilen, die selbst einen T-Rex gefährlich verletzen konnten.

Bereits in Nigel Marvens 2003er Im Reich der Giganten — Die Specials sind die Velociraptoren entsprechend neuerer Erkenntnisse seit Jurassic Parc (1993) deutlich realistischer, nämlich mit nur rund 75 cm Größe, erheblich kleiner ausgefallen. Inzwischen weiß man aber offenbar noch mehr: imponierend wird der trotz seiner relativ geringen Größe äußerst gefährliche Räuber als naher Verwandter der Vögel präsentiert. Dabei wird durch Experimente nachdrücklich widerlegt, dass die am Fuß befindliche Kralle zum Aufschlitzen der Beute diente. Sehr überzeugend wird vielmehr gezeigt, dass diese zum Aufschlitzen kaum geeignet war, vielmehr als tödliche Stichwaffe zum Einsatz gekommen sein muss. Und ebenso wird die vor einigen Jahren aufgekommene These, T-Rex sei eher Aasfresser, denn Jäger gewesen, markant und stichhaltig widerlegt.

Der Anspruch des Gezeigten ist infolge des überzogen die Werbetrommel rührenden Covertextes allerdings allzu hoch geraten: Bereits der mit Ausrufezeichen versehene Untertitel des Urzeitspektakels, „Die letzten Geheimnisse der Urzeit-Giganten“ ist sehr bedenklich. Und wenn es im Cover-Text dann sogar noch auftrumpfender heißt: „Alles über das Leben, Sterben und die letzten Geheimnisse der Urzeit-Giganten!“, sind mit den (Werbe-)Machern die Pferde offenbar komplett durchgegangen. Spätestens an dieser Stelle geht eben leider ein wichtiges Stück Seriosität verloren, wenn nicht auch die Grenzen derartiger wissenschaftlicher Rekonstruktionen genannt werden — siehe dazu auch Dinosaurier — Im Reich der Giganten. Wird stattdessen dem Zuschauer suggeriert, er bekomme die reine und lückenlose Wahrheit gezeigt, dann ist das nicht nur komplett unhaltbar, sondern zugleich unnötigerweise Wasser auf die Mühlen derjenigen, die diese Art von populären Wissenschaftsshows generell ablehnen.

Das hier in Form archäologischer Experimente und kriminalistischer Untersuchungsergebnisse Gefolgerte ist schlüssig, es wird lebendig und zweifellos spannend dargeboten. Aber letztlich resultiert ja auch beim elegant geführten Indizienprozess nicht mit absoluter Sicherheit allein die Wahrheit …

Erfreulicherweise setzt sich der Tonfall in den beiden Dokus von dem der Produktwerbung merklich ab, ist erheblich sauberer und korrekter. Entsprechend sollte sich der Freund derartiger Ausflüge in vergangene Epochen der Erdgeschichte nicht vom Kauf abschrecken lassen: Alles in allem steht Kampf der Dinosaurier seinen besten Vorläufern weder an Eleganz in der Präsentation noch in der packenden Wirkung nach.

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen Programms zu Pfingsten 2006.

Regisseur*in:
Blasius, Ralf

Erschienen:
2006
Vertrieb:
Polyband
Kennung:
75330-6
Zusatzinformationen:
GB 2005

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