Intrige

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
8. September 2020
Abgelegt unter:
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Intrige: Die Romanvorlage für den Polanski-Film über die Dreyfus-Affäre von Robert Harris

Robert Harris, britischer Journalist, Sachbuchautor und Schriftsteller entwarf bereits in seinem ersten Roman „Fatherland“ eine eindrucksvolle Studie zur Frage, was wäre, wenn die Nazis den Krieg gewonnen und das Nachkriegseuropa von ihnen dominiert würde. Für das im Original „An Officer and a Spy“ überschriebene Buch hat der Autor nun das historische Geschehen um die Dreyfus-Affäre akribisch recherchiert, die mitunter trockenen Fakten im Gewand eines mitreißend zu lesenden Politthrillers eindringlich dramatisch verdichtet und sie damit zugleich gekonnt zu neuem Leben erweckt. So mancher Leser dürfte wie der Schreiber dieses Artikels bereits zuvor von der sogenannten Dreyfus-Affäre gehört haben, denn sowohl das Kino als auch das deutsche Fernsehen haben den bemerkenswerten Fall immer wieder einmal thematisiert – z. B. 1959 (ARD) und 1968 (ZDF). Eine frühe Kinoadaption erfolgte bereits im Jahr 1931. Durch das perfekte Zusammenwirken des aktuellen Polanski-Films mit der Romanvorlage sind mir die monströsen Dimensionen des Vorgangs in ganz besonderem Maße deutlich geworden. So gehören das Buch von Harris, der daraus auch zusammen mit Regisseur Polanski das Drehbuch entwickelte, in geradezu perfektem Maße zusammen und sollten von Interessierten (selbstverständlich sämtlichen Geschlechts) am besten zusammen betrachtet werden.

Das Geschehen zog sich über mehr als eine Dekade hin und blieb selbst zum Schluss, nach erfolgter Rehabilitation von Dreyfus im Jahre 1906, ungerecht – wofür Film und Buch eine bittere Schlusspointe liefern. Bereits der schwere Vorwurf des Hochverrats stand in keinem Verhältnis zur relativen Banalität der den Deutschen verratenen militärischen Informationen. Dass selbst diese den äußerst geringen Wert der überlassenen Informationen bemängelten und den Kontakt zum (wahren) Verräter wegen Belanglosigkeit abzubrechen gedachten, hat im Verfahren gegen Dreyfus überhaupt keine Rolle gespielt.

Harris macht interessanterweise den Ermittler, den Oberstleutnant Marie-Georges Picquardt, als Chef des Geheimdienstes und späteren Kriegsminister zur zentralen Figur seines Romans. Anhand dessen spiegelt er aber zugleich auch das tiefe französische Trauma und die Paranoia infolge des verlorenen Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71, verbunden mit dem als tiefe Demütigung empfundenen Verlust Elsass-Lothringens und mit der Deutschen Reichgründung im Versailler Spiegelsaal, ansatzweise wider – ein sehr bedeutendes atmosphärisches Detail, das in der Romanvorlage erheblich deutlicher wird als im Film.

Nach dem deutschen Sieg bei Sedan hätte der Krieg zu Ende sein können, aber stattdessen brach das zweite Kaiserreich zusammen, und durch die provisorische Regierung in Paris wurde der Krieg zum Volkskrieg. Die Belagerung und insbesondere die Beschießung des von den Deutschen eingekesselten, seinerzeit geradezu als „heilige“ Weltkulturmetropole geltenden Paris galt bei den europäischen Nachbarn als Barbarei. Sämtliche verzweifelten Versuche der Dritten Französischen Republik, im zudem extrem kalten Winter die Initiative zurückzugewinnen, scheiterten. Die Tragödie um das letzte Aufgebot, die schließlich vor ihrer Vernichtung in die Schweiz fliehende Bourbaki-Armee, sowie die blutigen Ereignisse um die nach dem Waffenstillstand vom 27. Januar 1871 noch Mitte März ins Leben gerufene radikaldemokratische  Pariser Kommune resultierten dann schließlich in einen noch bis Ende Mai andauernden Bürgerkrieg, der sich unter den Augen der deutschen Besatzer vollzog. Die rund 30.000 von ihren eigenen Landsleuten erschossenen Kommunarden bildeten den äußerst tragischen Schlusspunkt des heutzutage zwar weitgehend vergessenen, aber in seiner Tragweite und seinen Folgen sehr bedeutungsvollen Konfliktes.

Für die folgenden rund drei Dekaden beherrschten erzkonservative katholische, nationalistische Kräfte wichtige Institutionen des französischen Staates, und sie hatten das Militär zur nahezu unangreifbaren Hüterin der Sicherheit und der Ehre der Nation werden lassen. Infolgedessen wurde im Generalstab eine von Antisemiten durchsetzte, skrupellose Clique nicht allein erschreckend erfolgreich dabei, ein gnadenloses Komplott gegen einen Unschuldigen zu schmieden, sondern ebenso, sich allen Versuchen Rechtstaatlichkeit wiederherzustellen, zu widersetzen. 1899 erlangte Dreyfus auf dem Gnadenwege (!) seine Freiheit zurück. Die Rehabilitation ließ danach nochmals knapp 7 Jahre auf sich warten: Sie erfolgte erst 1906.

Harris stellt den aus dem Elsass stammenden Picquardt als etwas eigenbrötlerischen Charakter vor, der bemerkenswerterweise keiner Konfession zugehörig ist. Als Halbwüchsiger hatte er die 44-tägige Belagerung Straßburgs und dabei die über 31 Tage andauernde, mit großen Zerstörungen und vielen zivilen Opfern verbundene, gewaltige Kanonade miterlebt, ermöglicht durch für ihre Zeit modernste Krupp’sche Hinterlader-Geschütze aus Gussstahl, mit gezogenem Rohr. Dieser ist durch seine Kriegserfahrungen aber nicht einfach zum pauschalen Deutschenhasser geworden. Picquardt zeigt sich vielmehr als einer insbesondere den Neuerungen in der Musik offener Zeitgenosse und dabei auch als Verehrer Richard Wagners. Ebenso besucht er 1894 die Uraufführung von Claude Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ und wohnt somit der Geburtsstunde des musikalischen Impressionismus bei.

Alfred Dreyfus war ebenfalls Elsässer, Spross einer aus Mülhausen stammenden, sehr wohlhabenden, jüdischen Familie, die nach dem verlorenen Krieg einen pragmatischen Weg eingeschlagen hatte, um ihr beträchtliches Vermögen zu retten. Ein Teil ließ sich im „Reichsland Elsass-Lothringen“ „germanisieren“. Alfreds Eltern übersiedelten hingegen nach Paris, wo ihre Söhne Alfred und Mathieu eine streng französische Ausbildung genossen. Ihre Erstsprache war allerdings, wie auch bei den meisten übrigen Familienmitgliedern Deutsch. Vermögender Jude und dann noch fließend Deutsch sprechender Elsässer, das ließ Dreyfus zum geradezu idealen Opfer in einem Justizskandal werden, der die Dritte Französische Republik nachhaltig erschütterte. Das geradezu schockierende Ausmaß an hinhaltender Rechtsbeugung hat Harris in einem geschickt organisierten Erzählstrang derart flüssig aufbereitet, dass sich beim Leser nie ein Gefühl von Langeweile einstellt, obwohl die Sache erst ab Seite 217 beginnt, entscheidend Fahrt aufzunehmen.

Robert Harris’ Roman Intrige als Hörbuch

Die Hörbuchversion erstreckt sich über rund sieben Stunden und liegt überraschenderweise statt im bei Lesungen in der Regel üblichen platzsparenden mp3-Format im normalen CD-Audioformat vor. Sie umfasst somit insgesamt sechs Datenträger. Hannes Jaenicke bestreitet den Part des Vortragenden durchaus solide. Seine Lesung wirkt allerdings ausdrucksmäßig wenig differenziert und somit schnell etwas zu routiniert. Als unglücklich erweisen sich die vorgenommenen Kürzungen, denen auch der im Roman knapp angerissene historische Hintergrund und damit ein wichtiger Teil der Atmosphäre zum Opfer gefallen ist. Dies macht die Hörbuchversion zwar nun gewiss nicht einfach schlecht, aber es platziert diese schon klar auf den zweiten Platz hinter der für den Interessierten ebenfalls bereitstehenden Buchausgabe.

Zur Besprechung der Blu-ray zum Film von Roman Polanski geht’s hier.

Zur Erläuterung der Wertungen lesen Sie bitte unseren Hinweis zum Thema „Blu-ray-Disc versus DVD“.

Autor*in:
Harris, Robert

Erschienen
2020
Seiten:
624
Verlag:
Wilhelm Heyne Verlag (Random House)
Zusatzinfomationen:
Hörbuchversion (gekürzt) RANDOM HOUSE | 6 CDs, rund 7 h, Sprecher: Hannes Jaenicke

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