Graphische Träume

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
19. Mai 2004
Abgelegt unter:
Lesen

1196Die großformatige Kinowerbung mit ihren typischen, in leuchtenden Farben gehaltenen gemäldehaften Illustrationen ist besonders markanter Teil der Nachkriegskinogeschichte, speziell der 50er und frühen 60er Jahre. Als reiner Werbeträger, als Gebrauchsobjekte waren die Plakate in offiziellen Fachkreisen oftmals eher unter- denn überhaupt geschätztes Produkt, geschweige denn etwas, das für später archiviert werden sollte. Gefertigt in kleinen Auflagen und auf schlechtem Papier und dazu strapaziösem Roadshoweinsatz unterworfen, haben nur wenige Stücke überlebt. Diese sind überwiegend von Filmliebhabern und Sammlern gerettet worden; ihre Bedeutung als Zeugnisse der Kinogeschichte blieb nicht allein von den Filmverleihen lange unerkannt. Sämtliche Originalentwürfe und übrig gebliebene Drucke wurden nach dem abgeschlossenen Kinoeinsatz des betreffenden Films regelmäßig vernichtet! Offizielle Stellen zeigten ebenfalls lange Zeit kaum Interesse. Die Sammlerszene für die von Archivaren oftmals als „schrecklich schön“, aber ansonsten wertlos eingestuften Objekte blieb nicht allein bis in die 80er Jahre hinein weitgehend belächelt. Ein Vertreter einer Berliner Kultureinrichtung soll gar geäußert haben, sämtliche ihm von einem Verleih überlassenen Belegexemplare vernichtet zu haben …

Das Kinoplakat hatte in den Jahren, bevor das Fernsehen die Rolle des Kinofilms nachhaltig zu beeinflussen begann, eine ganz besondere Rolle in der Werbung für das multimediale Produkt Film. Heutzutage ist die anfänglich erbittert bekämpfte Konkurrenz TV ja nicht allein durch Spots zum werbewirksamen Teil der Kinopräsentation geworden, sondern ist durch weitere Massenvermarktung per Video integrierter und sogar unverzichtbarer Teil der Vermarktungskette Kinofilm. Inzwischen ist der Videomarkt sogar eine Einnahmequelle von zentraler Bedeutung.

In den Nachkriegsjahren hingegen, bis etwa Mitte der 60er, lagen die Dinge komplett anders. Die Plakate waren damals das zentrale Element der Filmwerbung. Auf ihnen ruhte nicht allein die Aufgabe, den flüchtigen Betrachter auf den betreffenden Film hinzuweisen, sondern ihn vielmehr durch Suggestivwirkung in seinen Bann zu ziehen und ihm, (oftmals nicht nur) bis zum „erlösenden“ Kinobesuch, unauslöschlich in Erinnerung zu bleiben.

Als unter künstlerischen Gesichtspunkten gestaltete Objekte können die visuell oftmals beeindruckenden Resultate der Bemühungen der Graphiker nur mit großen Einschränkungen gelten. Dafür haben zu viele, oftmals einfach nur unqualifizierte Köche willkürlich Einfluss auf das Endprodukt genommen. Neben „Ratschlägen“ und klaren Direktiven der Verleihchefs etc. hielt auch die „Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“ (FSK) ein waches Auge auf Sitte und Anstand sowie die Darstellung von Gewalt. Exakte Kriterien für Zulassung oder Ablehnung waren unbekannt, der individuelle Geschmack des Prüfers gab den Ausschlag.

1197Trotz dieser Einschränkungen sind Filmplakate zweifellos ein sehr spezifisches Dokument ihrer Zeit, sind sie doch auf die seelisch-emotionalen Bedürfnisse der Zielgruppe Kinopublikum zurechtgeschnitten. In der sprichwörtlich prallbunten Bilderwelt der Plakatmotive spiegelt sich der Bedarf eines von den Katastrophen der Vergangenheit (Wirtschaftskrise, Krieg) gezeichneten Publikums nach Ablenkung von den Sorgen eines grauen Alltags wider. Heutzutage besitzen diese natürlich außerdem klares Nostalgiepotential, ja sogar Kultstatus. Eine gekonnte Komposition und Gestaltung von Handlungsmotiven, Schrift und ebenso die klare Erkennbarkeit der den Film tragenden Protagonisten — das ist es, was den Reiz der schönen Vertreter dieser Gattung ausmacht und diese so wohltuend von der oftmals allein ergreifenden Schlichtheit und Einfallslosigkeit der Plakatgestaltung späterer Jahre abhebt.

Filmplakate zeigen aber auch den Wandel in der Betrachtung der Dinge: So waren sowohl der naiv-siegessichere, strahlende Held, der auf Motiven der 50er Jahre regelmäßig zu finden ist, sowie die farbenprächtige, dem Kinotrailer ähnliche Szenencollage lange Zeit weitgehend verschwunden. Völlig ausgestorben war die traditionelle Plakatmalerei allerdings nie. Besonders in der jüngeren Vergangenheit zeigt sich besonders bei klar am traditionellen Erzählkino orientierten Kinoproduktionen auch wieder eine stärker an klassischen Mustern orientierte Gestaltung der zugehörigen Filmplakate.

Die Geschichte des Filmplakates zeigt aber eben auch unglückliche Schritte, hin zu „angeblich“ künstlerisch anspruchsvoller Gestaltung. Dafür dienten als Vorbild die schlichten, an der polnischen Plakattradition orientierten, allein noch dunklen und auch aus Kostengründen meist nur schwarzweiß gehaltenen Motive eines Duisburger Verleihs. Selbst Wiederaufführungsplakate für epische Filme sind mitunter geradezu Beleg für erschreckende Schlichtheit, reichen von simpler Fotomontage bis hin zum völlig schmucklosen Schwarzweiß-Druck. Und kaum einer kennt es wohl nicht: das enttäuschend schlichte deutsche Plakat, das „Brikett“ zum ersten Star-Wars-Film — das im Gegensatz zum eindeutig der Tradition zugehörigen üppigen US-Motiv steht. Ebenso zeigen sich aber selbst in den frühen Nachkriegsjahren Ausrutscher der anderen Art: nämlich die Entstellung eher romantisch-lyrischer Filmklassiker durch reißerische deutsche Verleihtitel, wie John Fords My Darling Clementine als Faustrecht der Prärie oder She Wore a Yellow Ribbon als Der Teufelshauptmann.

Infolge von Ignoranz und Gleichgültigkeit waren die üppigen Plakatmotive der so genannten „goldenen Kino-Ära“ lange Zeit für die Öffentlichkeit praktisch unzugänglich. Im Jahr 1984 hat Volker Pantel mit „Das Buch der Filmplakate (1945 bis 1965)“ den Stein ins Rollen gebracht. Mit dieser Publikation und dem anschließend zusammen mit Manfred Christ herausgebrachten „400 Filmplakate der goldenen Kinojahre 1946-1966“ wurde eine lockere Reihe begründet, die erstmalig dem zunehmenden Interesse eines kinointeressierten Publikums Rechnung trug. Inzwischen sind rund ein halbes Dutzend vergleichbarer Publikationen, bestückt mit (nicht allein) Material aus der umfangreichen Privatsammlung von Manfred Christ, einem Kenner dieses Metiers, erschienen — und zum Teil bereits vergriffen. Mit ihrer Fülle an farbigen Posterschätzen (und auch -schätzchen) der deutschen Kino-Traumwelten vergangener Tage, sind diese Bände eine echte Fundgrube, nicht ausschließlich für Nostalgiker.

1198Der jetzt bei Bear Family erschienene Manfred-Christ-Band „Graphische Träume“ knüpft daran an. Er enthält weitere 800 Reproduktionen in überwiegend bestechender Qualität. Besonders wer die vorstehend genannten Bildbände nicht besitzt, dürfte das Fehlen der dort vertretenen informativen Zwischentexte als kleinen Schwachpunkt empfinden. Volker Pantels Essays enthalten nämlich Lesenswertes, sowohl zum Thema Filmplakate, den goldenen Kinojahren als auch biografische Basisinfos zu den wichtigsten Vertretern der Graphiker-Zunft, wie Ernst Litter, Heinz Bonné, Georg Schubert und Hans Otto Wendt.

Ansonsten steht alles zum Besten und Renato Casaro, ein selbst ernannter Dinosaurier der Filmplakatmalerei, hat zu „Graphische Träume“ immerhin ein aufschlussreiches Vorwort verfasst. Hervorragend ist die Beschaffenheit der Mehrzahl der Reproduktionen. Selbst die in den früheren Bänden mitunter noch dezent auffälligen (unvermeidlichen) Knickstellen sind dieses Mal (wohl durch digitale Nachbearbeitung) komplett unsichtbar, was die visuelle Brillanz noch erhöht. Und wer nachschauen will, ob gerade zu seinen Filmfavoriten Plakate enthalten sind, dem hilft ein übersichtliches Register prompt weiter, das sowohl nach den Original- als auch den deutschen Verleihtiteln auflistet.

Ebenso findet der Stöbernde hübsche und originelle Ergänzungen wie Außenfrontreklamen ehemaliger Kinopaläste. Und wer das auf Seite 290 untergebrachte Sonderplakat zum regelmäßigen Ostergast im deutschen TV, Die zehn Gebote (1956), entdeckt, dem dürfte die Reproduktion einer Ehrenuhrkunde für Mr. De Mille von der „Deutsche(n) Liga für Menschenrechte“ ein Lächeln entlocken. Wer sich also auf die Faszination leuchtkräftig bunter Kinotransparente der so genannten „Goldenen Ära“, in Form ihrer bundesrepublikanischen Spiegelungen, einlassen, ja ausgiebig darin schwelgen möchte, der liegt hier zweifellos goldrichtig.

Zum Vergrößern anklicken!

1199
1201
1203

1205
1207
1211

1213
1215
1221

1223
1225
1209

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen Programms zu Pfingsten 2004.

Autor*in:
Christ, Manfred

Erschienen
2004
Seiten:
300
Verlag:
Bear Family (BFB 10022)
Kennung:
3-89916-050-9
Zusatzinfomationen:
€ 39,80 (D)

Weitere interessante Beiträge:

Robert Siodmak: Retrospektive des Zeughauskinos in Berlin

Robert Siodmak: Retrospektive des Zeughauskinos in Berlin

Eine Frau in Berlin (TB)

Eine Frau in Berlin (TB)

Alles über Huckleberry Finn

Alles über Huckleberry Finn

Grundlagen des populären Films: Science Fiction

Grundlagen des populären Films: Science Fiction