Hitlerjunge Quex, Jud Süß und Kolberg

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
13. April 2006
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Drei der bekanntesten Propaganda-Filme aus der Ära des Dritten Reichs prangen als Titel auf der großformatigen (24 cm x 30 cm) Publikation. Durch die Aufmachung mit schwerem Kunstdruckpapier sowie festem Einband mit Fadenheftung erreicht der Band ein Gesamtgewicht von beachtlichen 3,2 kg (!) und liegt damit allein schon durch seine Masse gewichtig in den Händen des Betrachters.

Die bislang zum Thema erschienene, recht umfangreiche Literatur setzt den Schwerpunkt auf die Zusammenhänge, während die einzelnen Produkte der gleichgeschalteten Filmindustrie des Dritten Reichs meist nur knapp gestreift werden. In diese Lücke stößt die vorliegende Publikation, sieht sich in erster Linie als ergänzende Dokumenten- und Materialsammlung, also als zusätzliche Informationsquelle zum Thema, die andere Bücher nicht ersetzen will. Im Zentrum des vorliegenden Bandes stehen 170 Filme, die vom Autorenduo als besonders repräsentativ aus der Gesamtproduktion der rund 1.150 in den Jahren der NS-Diktatur produzierten Streifen ausgewählt worden sind. Den nach Produktionsjahren geordneten und abgehandelten Filmen ist jeweils eine auf zwei einander gegenüberliegenden Seiten angeordnete Chronik wichtiger Ereignisse vorangestellt. Zum jeweiligen Film finden sich eine umfassende Inhaltsangabe sowie zeitgenössische Besprechungen und Kommentare. Die meisten entstammen dabei NS-konformen Blättern, zu einzelnen Filmen finden sich aber auch kritische Anmerkungen der Auslandspresse (für die auch Emigranten tätig waren). Anhand von im Wesentlichen aus Materialien des Filmmuseums Berlin stammender, zum Teil erstmalig veröffentlichter Dokumente und Fotos erhält der Leser Gelegenheit, sich detailliert mit zeitgenössischen Berichten und Filmbesprechungen zu befassen. Darauf folgt ein kritischer Kommentar der Autoren, der den Film ins rechte Licht rückt und mitunter auch nur unterschwellig vorhandene propagandistische Einflüsse kenntlich macht.

Vorangestellt ist den 12 Kapiteln (Jahren) das zur Einführung dienende „Morgenrot und Götterdämmerung“. Hier wird gezeigt, dass die Geschichte des NS-Kinos bereits vor 1933, Ende der 20er Jahre begann. Dafür stehen eine Reihe von der NSDAP produzierter Dokumentarfilme, aber auch pathetische Patriotismus-Machwerke konservativer Kreise wie Morgenrot oder Die letzte Kompanie. An dieser Stelle werden auch die turbulenten Ereignisse im Umfeld der 1930er Premiere von Im Westen nichts Neues eingehend dargestellt. Als etwas merkwürdig erscheint mir allerdings der (im Text gegenüber der Seite mit dem Inhaltsverzeichnis) angestellte Vergleich: „1933 hieß Das Boot (Wolfgang Petersen, 1983) noch Morgenrot.“

Geht es um die charakteristischen Merkmale eines NS-Propagandafilms, sind diese eher schwierig zu fassen. Wie Giesen schreibt, hatten auch die Filmemacher Probleme zu sagen, was einen nationalsozialistischen Film denn nun genau ausmacht. Dazu finden sich im Einführungskapitel (s. o.) sinnigerweise die sieben Film-Thesen des Dr. Goebbels sowie ein zeitgenössischer Artikel zu „Deutscher Sozialismus im Film“. In erster Linie war die NS-Ideologie in der Rassenpolitik eindeutig, was sich dann entsprechend in verschiedenen Filmen, wie dem berüchtigten Jud Süß widerspiegelt. Im Übrigen war die NS-Politik eher (spieß-)bürgerlich, das gilt auch für den mitunter anzutreffenden Hurrah-Patriotismus, den man, wie auch andere konservative Tendenzen, in zeitnahen ausländischen Produktionen in vergleichbar triefig-kitschiger Form findet — was auch für das Durchhalte-Epos Kolberg gilt.

Nur etwa zehn Prozent der im Dritten Reich produzierten Filme gelten als unmittelbar propagandistisch. Insofern müsste die vorliegende Auswahl von 170 Filmen das Wichtigste erfassen, auch so manche eher unterschwellig transportierte ideologische Anspielung entlarven. Bei der Masse der produzierten Streifen handelt es sich aber um eher biederes Unterhaltungskino, das sämtliche Genres bediente, von der Liebeskomödie, dem Abenteuer- und Kriminalfilm, über Revue- und Schlager- bis zum Heimatfilm. Hierbei nun pauschaliert versteckt implantierte NS-Ideologie zu attestieren, ist m. E. überzogen — siehe dazu Münchhausen (1943).

Im umfassenden Kontrollapparat der gleichgeschalteten Filmindustrie des Dritten Reichs wurde durch das Institut für Reichsfilmdramaturgie schon im Vorfeld einer Produktion Unliebsames unterbunden. Trotzdem kam es zu einer Reihe von Aufführungsverboten, die zum Teil Anlass für Legendenbildung geworden sind (siehe dazu Das Testament des Dr. Mabuse). Minister Goebbels wollte keine Holzhammer-Propaganda. Er hatte frühzeitig erkannt, dass zu dick aufgetragenes Pathos die Massen des Publikums eher vergraulte. Er legte entsprechend Wert darauf, dass die gewünschte Propaganda geschickt in einem gut gebauten Unterhaltungskontext eingebunden wurde. Auch heutzutage noch sehenswerte Vertreter dieser Art sind die beiden Historiendramen um den Reichsgründer und eisernen Kanzler — Bismarck (1940) und Die Entlassung (1942) — sowie das um den Preußenkönig Friedrich II. Der große König (1942). In allen drei Filmen werden die Funktion und Absichten ihrer Hauptfigur auf den „Führer“ projiziert, dieser geschickt als jeweiliger Nachfolger und somit zum langen Arm der deutschen Geschichte stilisiert. Interessantes und bislang weniger Geläufiges findet sich im Kapitel zum Filmjahr 1945. Wolfgang Liebeneiners Das Leben geht weiter befasst sich mit Schicksalen aus der Zeit der bereits im Jahr 1943 heftigen Luftangriffe auf Berlin. Diese nicht mehr fertig gestellte NS-Produktion ist streng genommen der erste Trümmerfilm.

Auf die vorgestellten Filme folgt eine Übersicht aus der bislang nicht vollständig erfassten Produktion an Kurz-, Spiel- und Dokumentarfilmen der Ära. Ebenso ein so genanntes (kleines) „Braunbuch“ mit Kurzbiografien wichtiger Vertreter der „NS-Filmkunst“, die zum überwiegenden Teil auch im Nachkriegsdeutschland problemlos weiterwirken konnten. Letzteres wird im abschließenden „Hitler lebt …, Veit Harlan und Co.: Fortsetzung mit anderen Mitteln“ ausführlich belegt. Hier ist unter anderem von den Heldenliedern des deutschen Nachkriegsfilms zu lesen, wie Stern von Afrika oder Die grünen Teufel von Monte Cassino (vom späteren Karl-May-Regisseur Harald Reinl).

Unterm Strich ist „Hitlerjunge Quex, Jud Süß und Kolberg“ eine interessante Lektüre, eine, die einen besonders leichten Einstieg in die Materie ermöglicht und auch zum weiteren Lesen animiert. Dabei findet sich (natürlich) auch bereits aus anderen Quellen Bekanntes. Es wird dabei aber erfreulicherweise auch nicht einfach immer nur unkritisch kolportiert, wie bei den angeblich (wo sind sie denn?) 180.000 Soldaten für Kolberg. Diese häufig zu lesende Zahl stammt aus den Memoiren von Regisseur Veit Harlan und dürfte zwecks Pflege des eigenen Mythos kräftig überhöht sein. Am Filmgeschehen ist sie bei allem Respekt vor den recht imposanten Massenszenen aber keineswegs festzumachen. Ein etwas kurioser Schwachpunkt der Publikation ist allerdings das fehlende Filmregister, welches das spezifizierte Suchen nach einzelnen Titeln erschwert: der Leser ist (leider) zum Blättern gezwungen.

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen Programms zu Ostern 2006.

Erschienen
2005
Seiten:
502
Verlag:
Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin
Kennung:
ISBN 3-89602-471-X
Zusatzinfomationen:
(D) € 49,90

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