Der CD-Tipp I-2026, Easy-Listening: Bert Kaempfert – The Decca Collection
Bert Kaempfert, der eigentlich Berthold Heinrich Kämpfert hieß, war bis zu seinem frühen Tod im Juni 1980 einer der wenigen wirklich waschechten Hamburger Exportschlager. Die anglisierte Form seines Nachnamens wurde erst Ende der 1950er Jahre verwendet, als die amerikanischen Kooperationspartner der deutschen Polydor (seinerzeit das Pop-Label der DG, Deutsche Grammophon Gesellschaft), auf ihn aufmerksam wurden. Als ein ruhiger, angenehmer und auch im Umgang mit Mitarbeitern stets sehr rücksichtsvoller Mensch und Kollege wird Kaempfert mehrheitlich geschildert. Er war zugleich einer der Rummel um seine Person nie geschätzt hat. Er zog sich viel lieber zurück, um sich ausgiebig dem Angeln zu widmen.
Schon früh wurde beim 1923 in Hamburg-Barmbeck als Sohn eines Malergesellen geborenen Berthold die musikalische Begabung offensichtlich. Ab 1937 besuchte er die Hamburger Musikhochschule und studierte Klavier, Klarinette, Saxophon und Akkordeon. Bereits als 16-Jähriger wurde er anlässlich eines Probespiels von Hans Busch, Leiter eines im Dritten Reich renommierten Tanzorchesters, vom Fleck weg als Akkordeonist engagiert und ging mit auf Tournee. In dieser Zeit erhielt er als jüngstes Orchestermitglied den ihn lebenslang begleitenden Spitznamen „Fips“. Mit dem Jazzvirus ist er damals ebenfalls infiziert worden. Insbesondere faszinierten ihn die Sounds von Duke Ellington, Count Basie, Benny Goodman und natürlich Glenn Miller.
Fips kam in den ersten Kriegsjahren auch im Rahmen der Truppenbetreuung viel herum. Er hatte Auftritte im Rundfunk und wirkte bei Schellackplattenaufnahmen für die Deutsche Grammophon Gesellschaft mit. Beim Reichssender Danzig trat er erstmalig als Arrangeur in Erscheinung. In dieser Zeit entstand bereits der Traum, einmal einer eigenen Combo vorzustehen. Infolge einer einschneidenden, aber komplett ausheilbaren Verwundung musste er im Herbst 1944 für rund zwei Monate ins Lazarett. Dies wurde letztlich zum Glücksfall. Es ersparte ihm eine Strafversetzung wegen des Hörens von Feindsendern an die vor dem kompletten Zusammenbruch stehende Ostfront. Das Kriegsende erlebte er schließlich im schleswig-holsteinischen Rendsburg.
In der Kriegsgefangenschaft lernte er Heinrich Gödecke und Max Wittmann kennen und gründete mit ihnen das Varieté „Pik Ass“, in dem er ab dem Spätsommer 1945 als Leader einer Big Band von 35 Musikern vorstand. Ab dem Frühjahr 1946 ging er eigene Wege und tingelte mit dem noch kleinen Berthold-Kämpfert-Orchester, einem Sextett, durch die britische und amerikanische Besatzungszone. Dabei gelang es ihm bereits, nicht bloß die Briten sondern besonders das amerikanische Publikum mitzureißen. An die bis dahin in Europa völlig ungeläufige, typisch amerikanische Art und Weise, echter Begeisterung durch Trampeln und Pfiffe Ausdruck zu verleihen, musste man sich freilich erst gewöhnen. Bei einem Engagement in einer großen Flugzeughalle vor rund 3000 GIs waren er und seine Mitstreiter darüber geradezu schockiert gewesen, hatten zuerst gemeint ihre Darbietung sei komplett durchgefallen. Zwar bekam er in jenen Tagen auch verschiedentlich „We get you to the states, man!“ zu hören. Aber bis dahin sollten noch gut anderthalb Dekaden ins Land gehen.
Im Jahr 1963 erhielt er durch den amerikanischen Produzenten Milt Gabler und die amerikanische Decca (US-Kooperationspartner der Polydor) seinen ersten längerfristigen Plattenkontrakt. Ähnlich bedeutend war die Verbindung zu Hal Fein und dessen Musikverlag Roosevelt Music. Dort wurde bereits sein Arrangement des von Günter Neumann für den Film Unser Wunderland bei Nacht (1959) stammenden Blues „Wunderland bei Nacht“ mit dem Trompeter Charly Tabor als Solisten als sein erster US-Hit „Wonderland bei Night“ verlegt. Das bildete für ihn den Einstieg in die ertragreichen, fetten Jahre.
Bemerkenswerterweise hat Kaempfert all seine Kompositionen stets bei der Polydor in Hamburg aufgenommen. In den 1950er Jahren hatte er dort mit seinen Arrangements des Freddy-Quinn-Hits „Die Gitarre und das Meer“ und von Ivo Robićs „Morgen“ bereits erste beachtliche Erfolge verzeichnet. Auf das besonders große Interesse stieß seine Musik jedoch stets in den USA. Seine US-Hits haben ironischerweise immer erst als ein Nachklang ihren Weg auch nach Deutschland gefunden. Während er auf dem US-Markt hohe Stückzahlen absetzen und entsprechend große Erfolge und Auszeichnungen feiern konnte, blieben seine LPs hierzulande eher weniger beachtet in den Regalen. Wie eindeutig auf den amerikanischen Markt und damit auch den US-Geschmack abgestimmt vieles von ihm ist, das kann man besonders gut beim 1963er Album „Christmas Wonderland“ erkennen, das sich konzeptionell so eindeutig von James Lasts im Jahr 1966 ebenfalls bei Polydor erschienener „Christmas Dancing“ unterscheidet.
Hits wie „Wonderland bei Night“, „A Swingin‘ Safari“, „Danke schoen“, „The World We Knew (Over and Over)“, „Red Roses for a Blue Lady“, „Spanish Eyes (Moon over Naples)“ und natürlich der Welthit „Strangers in the Night“ zementierten jedoch schließlich ab Mitte der 1960er hierzulande wie auch im restlichen Europa seinen Bekanntheitsgrad, der sich auch über die Dekaden seit seinem frühen Tod infolge eines Schlaganfalls im Jahr 1980 sehr gut gehalten hat.
Kaempfert hat auch eine handvoll Filmmusiken geschrieben, z.B. für die amerikanische 007-Agentenpersiflage A Man Could Get Killed ∗ Willkommen Mr. B. (1966) – CD 16 im Box-Set (s.u.). Das instrumentale Love-Theme des Films ist als Songversion „Strangers In The Night“ für Frank Sinatra der internationale Hit und zugleich Kaempferts wohl größter Evergreen schlechthin geworden. Und auch wenn dies nun sicher keine Korngold-, Herrmann-, Steiner-, Waxman- oder Goldsmith-Filmkomposition ist, so ist doch das hier Gebotene auch abseits der beiden Hauptthemen (Main Title und Love-Theme) absolut hörenswert, eben auch weil die oftmals eher monotonen Spannungsmusiken hier grundsolide gearbeitet sind. Da wird nämlich nicht bloß auf zwei/drei Noten permanent eher schlicht herum geritten, vielmehr sind hier auch motivische Bezüge zu den Hauptthemen des Scores sauber eingearbeitet.
Sämtliche Ingredienzien des Kaempfert-Stils waren zwar hinlänglich bekannt, aber er hat daraus eben insgesamt doch etwas sehr eigenes geschaffen. Seine ausgeprägte melodische Gabe ist durch die vielen Hits belegt. Tragender Teil des letztlich sehr markanten Kaempfert-Feelings ist die Rhythmusgruppe. Der markante Knackbass des Gitarristen Ladislav „Ladi“ Geisler, der dezente Vortrag des stets mit dem Besen agierenden Schlagzeugers Rolf Ahrens und ebenso Karl-Heinz Grewe mit seinem Kontrabass bildeten das klangliche Fundament. Die stets gelungene Gesamtmixtur prägen des weiteren die die Melodie intonierenden Instrumentalsoli, bevorzugt von der Trompete oder dem eng verwandten Flügelhorn. Gelegentlich werden hierbei aber auch mal Piccoloflöten oder Tin Whistles eingesetzt. Und eine Streichersektion (nur Violinen und Celli) und gemischte, meist vokalisierende Chöre treten ebenfalls häufiger noch hinzu.
Der niemals hektische oder nervöse, sondern entspannte und stets charmant dargebotene Kaempfertsound überfordert den Hörer niemals, er ist vielmehr stets unmittelbar eingängig. Diese Unterhaltungs-Musik ist zwar relativ einfach gehalten, aber deswegen keinesfalls anspruchslos und beliebig, sondern vielmehr sorgfältig und geschickt gemacht. Dass man diese auch sehr gut mal „nur“ nebenbei hören, also eher unterschwellig wahrnehmen und entsprechend genießen mag, taugt keineswegs zum Makel. Auch berühmte US-Kollegen waren vom Kaempfertklang beeindruckt. So vermerkte Henry Mancini in einer seiner Partituren ausdrücklich folgende Spielanweisung: „Wie mit Kaempferts Schlagzeugbesen“.
Der in diversen Kaempfert-Stücken für einen gewissen klassischen Touch sorgende, samtweiche Streichersound geht übrigens auf seinen wohl engsten Mitstreiter, den auf den Tag genau eineinhalb Jahre älteren Herbert Rehbein (1922–1979) zurück. Rehbein war ebenfalls ein waschechter Hamburger Jung und brachte seine klassisch orientierte Ausbildung ein. Dies zeigt sich auch in den häufiger von ihm selbst zusätzlich eingespielten Violinsoli.
Pop- und Tanzmusik fließen so gekonnt zum perfekten „Easy Listening“ ineinander. Hinzufügen sollte man an dieser Stelle noch den Begriff „Light Music“, wodurch eben auch die Verbindung zur besonders eingängigen Klassik anglo-amerikanischer Prägung deutlicher wird. Dieser Bezug wird bei einem ebenfalls berühmten Unterhaltungsmusiker dieser Zeit in ganz besonderem Maße hörbar: Annunzio Paolo Mantovani (1905–1980). Dessen ebenfalls stets unmittelbar eingängiger Orchestersound rührt von den sich raffiniert überlappenden Streicherstimmen und dem daraus resultierendem Nachhalleffekt her und wurde ab den frühen 1950ern zum unverwechselbaren, berühmten Markenzeichen. (Mantovani war bereits während des Zweiten Weltkriegs einer der populärsten Orchesterleiter in England und ein häufiger Gast in BBC-Radiosendungen. Den mit seinem Namen unauslöschlich verbundenen Sound der so genannten „Cascading Strings“ entwickelte er in den späten 1940ern zusammen mit dem British-Light-Music-Komponisten Ronald Binge.)
Anmerkungen zum Box-Set
Am 16. Oktober 2023 wäre Bert Kaempfert 100 Jahre alt geworden, worauf das hier vorgestellte Box-Set im Februar 2024 erstmalig auf dem US-Markt das Laserlicht erblickte und recht schnell vergriffen war. Erfreulicherweise ist die „Bert Kaempfert – The Decca Collection“ im Januar dieses Jahres nun nochmals für den europäischen Markt aufgelegt worden. Entsprechend des Zeitgeschmacks der frühen Stereo-Ära ist bei den sorgfältig aufgenommenen Stücken zwar schon auch auf betontere Rechts-/Links-Effekte wert gelegt worden. Hier sind diese aber recht unaufdringlich, dezent und damit auch weniger unnatürlich wirkend als in manch anderer Pop-Aufnahme jener Zeit.
Dass die LPs inklusive der Original-Front-und-Back-Cover 1:1 auf die CDs und deren Hüllen übertragen worden sind, kann man kritisieren. Dass diese bei Reissues häufig zu beobachtende Verfahrensweise so beliebt ist, ist recht leicht nachvollziehbar. Zum einen ist dies mit relativ wenig Aufwand zu machen und zum anderen resultiert daraus eben auch ein das Produkt zusätzlich attraktiv machender Nostalgiefaktor. Der klare Nachteil ist allerdings die für CD-Verhältnisse arg geringe Spielzeit pro Datenträger. So rangieren die Spielzeiten der einzelnen Discs, wie seinerzeit im Pop-LP-Bereich üblich, um für CD-Verhältnisse eher lächerliche ca. 35 Minuten. Dafür liegt im vorliegenden Fall allerdings der Einzelpreis pro CD bei nur etwa 3 €, und das ist absolut fair. Neben dem recht informativ gehaltenen, auch mit etwas mehr in die Tiefe reichenden Infos zur Veröffentlichungspolitik aufwartenden Begleitheft kommen dann auch noch rund 40 Bonustracks hinzu, die als nette Zugaben verteilt auf diverse CDs dabei behilflich sind, die mageren CD-Laufzeiten insgesamt doch noch ein Stückchen aufzubessern.
Über die Dekaden sind die Kaempfert-Einspielungen weltweit bei diversen Labels und zugleich x-fach wiederveröffentlicht worden. Dass dabei die Zusammenstellungen auch auf LP’s mit identischem Titel häufiger variieren, erschwert die Übersicht zusätzlich. Darüber hinaus sind hierzulande in den 50er Jahren diverse Veröffentlichungen unter seinem Pseudonym Bob Parker und weiteren Bezeichnungen, etwa Tanz-Ensemble Bert Kämpfert, erschienen. Warum man die vorliegende, auf den amerikanischen Markt schauende Kaempfert-CD-Kollektion auf 24 Titel begrenzt hat, bleibt freilich schleierhaft. So fehlen nicht bloß die fünf späten US-Decca-Alben, erschienen in den Jahren 1969 bis 1973: „Traces of Love“, „Free and Easy“, „Bert Kaempfert Now“, „Orange Coloured Sky” und „6 Plus 6”. Die dafür im sehr soliden Begleithefttext zu lesende Begründung, dass diese Alben zwischenzeitlich bereits bei Polydor auf CD veröffentlicht worden sind, überzeugt nicht, da diese Ausgaben bereits Jahre zurückliegen und derzeit nur antiquarisch zu völlig überzogenen Preisen erhältlich sind. Aber damit nicht genug: Im Box-Set fehlen ebenso die letzten sechs US-Kaempfert-Alben, erschienen zwischen 1973 und 1975 auf dem seinerzeit mit der US-Decca verbandelten Label MCA: „Fabulous Fifties … And New Delights“, „To The Good Life“, „The Most Beautiful Girl“, „Gallery“, „Golden Memories“ sowie „Moon over Miami“. Dafür ist immerhin das wiederum in Hamburg eingespielte, von Herbert Rehbein als eine Kaempfert-Hommage arrangierte und geleitete LP-Album „Pete Fountain Plays Bert Kaempfert“ mit enthalten. (Pete Fountain war Jazzklarinettist des New Orleans Jazz und lebte von 1930 bis 2016.)
Zwar wäre die „Bert Kaempfert Decca-Collection“ auch inklusive der insgesamt fehlenden 11 US-LPs (immerhin ein knappes Drittel!) keine echte Kaempfert-Gesamtausgabe geworden, aber eben schon eine sehr umfangreiche Kaempfert-Traum-Edition der TOP-Klasse. Dabei hätte man die an sich nette Bonus-Track-Aktion (s.o.) noch mit zusätzlichem Material aus dem Archiv der Polydor erweitern und die Box so zusätzlich aufwerten können. Auch wenn das aktuelle Box-Set somit die Chance, „die“ große Kaempfert-Schatztruhe zu sein, leider arg verfehlt, ist es für sich genommen natürlich schon eine durchaus feine, sehr willkommene Angelegenheit, ein Sammlerstück sowohl für Augen als auch Ohren.
Die im Box-Set enthaltenen 24 (US-)LP-Alben:
1) April In Portugal
2) Wonderland By Night
3) The Wonderland Of Bert Kaempfert
4) Dancing In Wonderland
5) With A Sound In My Heart
6) Afrikaan Beat
7) That Happy Feeling
8) Living It Up!
9) Lights Out, Sweet Dreams
10) Christmas Wonderland
11) That Latin Feeling
12) Blue Midnight
13) The Magic Music Of Far Away Places
14) Three O´Clock In The Morning
15) Bye Bye Blues
16) A Man Could Get Killed
17) Strangers In The Night
18) Pete Fountain Plays Bert Kaempfert
19) Hold Me
20) The World We Knew
21) Love That Bert Kaempfert
22) My Way Of Life
23) Warm And Wonderful
24) The Kaempfert Touch
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