Das Meer in mir (Mar adentro)

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
7. September 2005
Abgelegt unter:
CD

Score

(3.5/6)

Regisseur Alejandro Amenábars Film Mar Adentro • Das Meer in mir hat neben zahlreichen europäischen Preisen auch die begehrte Oscar-Trophäe für den besten fremdsprachigen Film 2004 erhalten. Das auf einem authentischen Fall beruhende eindringliche Drama um das Recht eines unheilbar Kranken auf den Tod und damit auf aktive Sterbehilfe geht sehr sensibel mit diesem Thema um, vermeidet peinliche Melodramatik. Der Film sorgte für Gesprächsstoff und kontroverse Diskussionen über ein gerade hierzulande besonders heikles Thema.

Alejandro Amenábar wurde 1972 in Chile geboren, ist aber in Madrid aufgewachsen. Bei seinen Filmen handelt es sich bislang um beklemmende Thriller, gelegentlich mit surrealem Anstrich. Im Debüt-Film Tesis (1996) geht es um Snuff-Morde (sexuelle Gewaltvideos). Dieser Streifen ist in Spanien mit insgesamt sieben Goyas ausgezeichnet worden. Es folgte Open Your Eyes (1997), der sogar das US-Remake Vanilla Sky hervorrief. Mancher Leser hat den Namen des Regisseurs vielleicht über den für Gänsehaut sorgenden The Other (2001) kennengelernt. Zu sämtlichen seiner bisherigen Filme verfasste der Regisseur nicht nur die Drehbücher selbst, er komponierte (wie auch Clint Eastwood) regelmäßig die Filmmusik. Natürlich haben beim Gesamtergebnis (wie ebenso bei Eastwood) auch andere ihren Anteil, haben beispielsweise mitgeholfen, zu orchestrieren. Allerdings, im Vergleich zum recht blassen Million Dollar Baby ist Das Meer in mir eine beachtliche, auch über das Hauptthema hinaus, als gesamtes Album eine besonders gut anhörbare Leistung.

Die Komposition besteht aus einer Sammlung im langsamen Zeitmaß gehaltener, streicherdominierter Adagio-Sätze. Dabei ist positiv anzumerken, dass Amenábar Stilplagiate, wie das schon x-fach verwandte „Adagio für Streicher“ von Samuel Barber, meidet. In der Musik scheint immer wieder ein musikalischer Hauptgedanke auf, der erstmalig in Track zwei „Por Que Morir“ erscheint und weniger tonmalerisch, sondern primär als dichterisches Symbol für das Meer als Sinnbild der Seele fungiert. Dieser wird anschließend breiter ausgeführt und variiert. Außerdem tritt ihm noch ein weiteres Thema zur Seite: für Julia, eine dem Kranken nahe stehende Frauenfigur. Weitere Abwechslung erzeugen eingestreute Soli der Holzbläser und Folklore-Einschübe. Assoziiert man als Spanien-typisch das Gewohnte, nämlich Gitarren und Kastagnetten, ist man durch das hier zum Zuge kommende keltische Instrumentarium anfänglich doch sehr überrascht. Ist dieses doch im Bewusstsein als charakteristisch für Irland und Schottland verankert und damit quasi „besetzt“. Wie allerdings beim Recherchieren schnell bewusst wird, sind die Kelten eben nicht nur im hohen Norden und Nordwesten der britischen Inseln zu finden. Und gerade die so genannten „Sackpfeifen“ (Dudelsäcke) sind geografisch weiter verbreitet als man anfänglich meint!

Unter anderem gibt’s hier einen echt spanischen Dudelsack „Gaita“ zu hören, aber auch die aus Großbritannien geläufigen Uilleann Pipes und Highland Pipes. Was letztlich auch nicht sonderlich überrascht: Zum einen erfolgten die Einspielungen mit dem London Sessions Orchestra und zum anderen arbeitet einer der Helfer, der aus dem Nordwesten Spaniens stammende Galicier Carlos Núñez, ein Vertreter der spanischen Volksmusik-Szene, sowieso gern mit der irischen Gruppe „The Chieftains“ zusammen. Und auch das ebenfalls hierzulande geläufige Akkordeon ist mit von der Partie.

Rund 40 Minuten Score stehen im Zentrum des Albums. Die Hit-Arie aus „Turandot“ (Nessun Dorma) sowie ein spanisches Volksliedarrangement „Negra Sombra“, interpretiert von Carlos Núñez und Luz Casal, ergänzen die Bruttospielzeit auf knapp 50 Minuten. Alles in allem ist Das Meer in mir ein sehr schönes Höralbum, das trotz seiner in Teilen ausgeprägten Melancholie keineswegs einfach nur todtraurig macht. Vielmehr ist es eines, das bei so manchem Hörer, der auch ruhigeren Filmmusiken etwas abgewinnen kann, die Chance erhalten dürfte, häufiger gehört zu werden. Wer einen klanglichen Bezugspunkt sucht, wird bei The Shipping News fündig.

Komponist*in:
Amenábar, Alejandro

Erschienen:
2005
Gesamtspielzeit:
49:22 Minuten
Sampler:
Sony Music
Kennung:
SMM 517842 9

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