Klassik-Tipp II-2021, Christian Lindberg – 2017

Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
18. März 2021
Abgelegt unter:
Klassik

Neues vom schwedischen Multitalent Christian Lindberg: Posaunist, Komponist & Dirigent

Mit seinem ersten, ausschließlich mit Orchesterwerken bestückten BIS-Album, „Steppenwolf“, hatte Christian Lindberg bereits im Herbst 2018 beim Verfasser beträchtlichen Eindruck hinterlassen, was sich in dem ihm gewidmeten Special auf Cinemusic.de ausdrückte. Jetzt hat das zweite BIS-Album mit aus Lindbergs Feder stammenden Orchesterkompositionen das Licht der Welt erblickt und verschafft dem Interessierten ein weiteres Mal Gelegenheit, in die sinfonischen Klangwelten dieses bemerkenswerten zeitgenössischen Komponisten einzutauchen. Lindberg stellt auch dieses Mal alle drei Talente unter Beweis. Das Antwerpener Symphonieorchester ist das Symphonieorchester von Flandern. Es ist in Antwerpen, mit Sitz im neuen Königin-Elisabeth-Saal, beheimatet und erweist sich als kompetenter Mitstreiter.

Den Auftakt bildet ein aus dem Rahmen des Gewohnten fallendes Konzert für neun Posaunen und Orchester, „The Waves of Wollongong“, wofür das Schauspiel der riesigen, sich am Strand des australischen Wollongong brechenden Wellen die Inspirationsquelle bildete – einem der besten Surferstrände von New South Wales. Hierbei übernimmt das aus neun Instrumentalisten bestehende niederländische Posaunistenensemble „The New Trombone Collective“ die Solistenrolle, wobei je drei Alt-, Tenor- und Bassposaunen mit höchster Präzision im Zusammenspiel und dabei so raffiniert wie außergewöhnlich miteinander wie auch mit dem Orchester interagieren.

Dieses Mal „malträtiert“ Lindberg seine geliebte „Kanne“ nur einmal selbst, in den „Liverpool Lullabies“, wo er zusammen mit der aus Schottland stammenden, renommierten Solo-Schlagzeugerin Dame Evelyn Glennie musiziert, die bemerkenswerterweise fast gehörlos ist. Eine ungewöhnliche Solistenkombination in einem Lindberg-typisch unorthodoxen Zusammenspiel der Klänge.

Den Abschluss des Programms bildet das dem Album den Titel gebende „2017“. Lindberg gibt hier seinen ganz persönlichen, kraftvoll klingenden Kommentar zu den politischen Ereignissen in den USA und dem ersten Jahr der Präsidentschaft von Donald Trump. Wie er dazu im Begleitheft äußert hat er seinen Kompositionsprozess von den Nachrichten dieses Jahres inspirieren und vorantreiben lassen.

Es erweist sich als recht schwierig dem Lindberg-unerfahrenen Leser einen möglichst eindeutigen Eindruck von dem zu vermitteln, was ihn erwartet, denn tonmalerisch im geläufigen Sinne sind „The Waves of Wollongong“ eher nicht. Bei den „Liverpool Lullabies“ mag sich nicht so recht der Eindruck einstellen, dass diese „Wiegenlieder“ wirklich zum Einschläfern der Kleinsten taugen. Und auch das dem Album den Titel gebende Orchesterkonzert „2017“ entzieht sich weitestgehend sämtlichen üblichen Einordnungsversuchen. Da helfen auch die sieben betitelten Abschnitte der Komposition nicht wirklich weiter:„The World Upside Down“, „Lonely Creatures“, „Fake News“, „Inner Soul“, „The Bragger“, „Reflection“ und „Train from Hell“. Wobei der Komponist selber auch nicht gerade hilfreich dabei ist, seine Musik einzuordnen: „Ich schreibe in keinem wie auch immer gearteten Stil! Ich höre nur auf das, was mir mein Hirn und meine Seele erzählen, und was ich höre, bringe ich schlicht und einfach zu Papier. Irgend mehr über meine Arbeit zu sagen, wäre prätentiöser Unsinn.“

Die ausgeprägte Rhythmik und auch das in Teilen Schalkhaft-Groteske lassen zumindest gewisse Einflüsse der russischen Schule der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Prokofjew, Schostakowitsch und Strawinsky) attestieren. Mitunter mag man auch ein wenig an einige der betont skurrilen Passagen denken, die Nino Rota für einige seiner Fellini-Vertonungen erfand. Aber letztlich erweisen sich derartige Orientierungshilfen an dieser Stelle als nur begrenzt tauglich. Auch wenn es natürlich eine Binsenweisheit ist, dass man Musik immer selbst hören muss, um sie zu begreifen und unter Umständen auch mögen zu lernen. Für derartige zeitgenössische Kompositionen, die am ehesten noch als „irgendwie polystilistisch“ bezeichnet werden können, gilt dies in besonderem Maße. Immerhin ist heutzutage ja auch das Internet hilfreich dabei, von vielfältigsten Musiken zumindest einen ersten Eindruck gewinnen zu können. An dieser Stelle gibt’s daher eine ausdrückliche Test-Empfehlung für all diejenigen, welche dem Neuen gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen sind.

Wie auch das Vorläuferalbum „Steppenwolf“ bietet somit auch das aktuelle Album mit Konzertwerken des schwedischen Multitalents zweifellos eine eindrucksvolle, ja durchaus faszinierende Reise durch die auf ihre eigene Art schon sehr typischen, farbig-abwechslungsreichen Lindberg’schen Klangwelten. Diese weisen zwar durchaus neutönerisch-sperrigere Momente auf, aber es finden sich eben auch neo-romantische Einschübe, melodische Passagen, die raffiniert dabei helfen, das Dargebotene geschickt auszutarieren und zusammenzuhalten.

Der Käufer erhält auch dieses Mal einen besonders hochwertigen Datenträger, eine Hybrid-SACD, welche es gestattet, das Programm sowohl im üblichen CD-Standard als auch hochauflösend, wahlweise in Stereo (2.0) oder in mehrkanaligem 5.1-Sourround-Sound wiederzugeben. Beide Versionen befinden sich klanglich auf dem von BIS gewohnten hohen Niveau.

Die Veröffentlichungspolitik des bemerkenswerten BIS-Labels gestaltet sich übrigens längst betont umweltbewusst. So werden seit rund eineinhalb Jahren die aktuellen Alben nicht mehr in den geläufigen Kunststoffklapp-Hüllen, sondern im „ecopack“ veröffentlicht. Das bedeutet, bis auf die übliche Polycarbonat-Disc besteht der Rest aus an klassische LP-Klappalben erinnerndem Karton, welcher aus besonders umweltfreundlichen Materialien gefertigt ist und somit für einen entsprechend kleinen CO2-Fußabdruck steht.

© aller Logos und Abbildungen bei BIS Records. (All pictures, trademarks and logos are protected by BIS Records.)

Erschienen:
2020/12
Gesamtspielzeit:
72:00 Minuten
Sampler:
BIS
Kennung:
BIS-2418 SACD
Zusatzinformationen:
Antwerp Symphony Orchestra; The New Trombone Collective; Dirigent: Christian Lindberg

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