Bis zur letzten Stunde (HC)

Bis zur letzten Stunde (HC)
Geschrieben von:
Michael Boldhaus
Veröffentlicht am:
13. November 2004
Abgelegt unter:
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Traudl Junge: „Bis zur letzten Stunde“

Traudl Junge brachte ihre Erinnerungen über ihre Zeit als Sekretärin Hitlers vom Dezember 1942 bis zum Ende im Führerbunker 1945 bereits im Jahr 1947 zu Papier. Junge, die als junge Frau von 22 in den inneren Zirkel der braunen Macht geriet, erlebte hautnah die Verhältnisse im Auge des Sturms. 1945 tippte sie, kurz vor Hitlers Selbstmord, sein privates und politisches Testament. Die Journalistin Melissa Müller hat ihr Manuskript mit Anmerkungen und zusätzlichen Informationen über Junges Lebensweg davor und danach versehen. Unter dem Titel „Bis zur letzten Stunde“ erschien das Buch 2002 auf dem Markt.

André Heller und Othmar Schmiderers Dokumentarfilm über Traudl Junges Erinnerungen, Im toten Winkel (2002), bringt das Resümee des Buches auf den Punkt: „Ich hatte früher immer geglaubt, hier im Brennpunkt des Geschehens, wo alle Fäden zusammenliefen, könnte man den besten Überblick, den weitesten Gesichtskreis haben. Aber wir standen hinter den Kulissen und wussten doch nicht, was auf der Bühne gespielt wurde. Der Regisseur allein kannte das Stück …“

Auch hier zeigt sich Hitlers Bunkermentalität, so wenn er am helllichten Tag im verdunkelten Salonabteil, bei künstlichem Licht, durch Deutschland reiste, stets darauf bedacht, die Verwüstungen der ständig zunehmenden Bombardements nicht sehen zu müssen — Hitler sah die Wirkung der verheerenden Luftangriffe allein von Filmbildern. Und nicht erst im Gespräch mit Junge vom Januar 1945 zeigt sich sein zunehmender Realitätsverlust. Vom Weihnachtsurlaub in München zurückkehrend, berichtete sie dem Führer von einem besonders schweren Bombardement und erhielt die Antwort: „Der Spuk wird in einigen Wochen schlagartig aufhören. Unsere neuen Flugzeuge kommen jetzt in Serie heraus, und dann werden es sich die Alliierten überlegen, das Reichsgebiet zu überfliegen“. Und ebenso beschreibt Junge, wie es Hitler immer wieder gelang, Leute, die ihn mit sorgfältig gewählten Argumenten von der Unmöglichkeit seiner Befehle und Anordnungen zu überzeugen versuchten, an die Wand zu reden, sie unsicher und letztlich mürbe zu machen. Auch wenn die Erinnerungen der Autorin sicherlich in manchem unscharf sind — beispielsweise ist die Chronologie mancher Ereignisse klar unrichtig —, so sind ihre Aufzeichnungen dennoch lesenswert. Traudl Junges oftmals harmlos und einfach nur erstaunlich schlicht-bieder erscheinende Beschreibungen des Alltags im Zentrum der Macht rufen einmal mehr die vielleicht schon etwas abgedroschen erscheinende These Hannah Arendts von der Banalität des Bösen in den Sinn. Denn gerade im Unspektakulären zeigt sich ja, dass eine treffende und zugleich realistische Darstellung des Bösen eben nicht durch Verwendung üblicher, dämonisierender Kinoklischees erreicht werden kann.

Und auch André Hellers bereits oben genannter Dokumentarfilm unterstreicht die Glaubwürdigkeit der Autorin: indem er einen selbstzweiflerischen, sympathischen Menschen präsentiert, dessen Gehabe sich wohltuend von dem anderer Betroffener abhebt (siehe dazu auch „Die Scheinwerferin — Leni Riefenstahl und das Dritte Reich“).

„Bis zur letzten Stunde“ von Traudl Junge und Melissa Müller ist sowohl gebunden als auch inhaltsgleich als preiswerte Taschenbuchausgabe erhältlich.

Erschienen
2004
Seiten:
272
Verlag:
Claassen Verlag
Kennung:
3-546-00311-X
Zusatzinfomationen:
€ 19,00 (D)

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